Judith Hermann - Daheim

Buchcover: "Daheim" von Judith Hermann

Judith Hermann - Daheim

Von Terrance Albrecht

"Wir sind Trabanten, denke ich, wir kreisen um unsere Sonnen, jeder um seine eigene", sagt die Erzählerin in Judith Hermanns Roman "Daheim". Es ist die Geschichte dieser Frau und "einer Sehnsucht nach allem, was ich einmal hatte".

Judith Hermann: Daheim
Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2021.
190 Seiten, 21 Euro.

Judith Hermann - "Daheim"

WDR 3 Buchkritik 10.05.2021 03:59 Min. Verfügbar bis 10.05.2022 WDR 3


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Erinnerungen ans Sommerhaus

Am Beginn ein Rückblick. 1998, Judith Hermanns Debut "Sommerhaus später" erscheint. Das coole Phlegma einer ganzen Generation. Elegische Erzählungen von jungen Menschen, die sich ihr Leben nur vorstellen, oder noch nicht einmal das, sich treiben zu lassen. Der melancholisch stimmende Ton passte zu dem Porträt der Autorin auf dem Cover des Buchs. Zu Beginn ihres Romans "Daheim" taucht Judith Hermann wieder ein in diese Zeit.  

"Damals, in diesem Sommer vor fast dreißig Jahren, wohnte ich im Westen und weit weg vom Wasser. Ich hatte eine Einraumwohnung im Neubaugebiet einer mittleren Stadt und Arbeit in der Zigarettenfabrik.... Ich sah ziemlich oft weg. Ich sah zum Zerteiler rüber, in dem der Strang in einzelne Zigaretten geschnitten wurde, aus dem Tausende von Zigaretten herausfielen, all diese Zigaretten, die die Menschen draußen in der Stadt rauchen würden. Vor der Arbeit. In der Pause. Nach dem Essen. Während des Streitens. Während der Liebe und nach der Liebe. Rauch."

Eine andere sein wollen

Die Erzählerin aus der Titelgeschichte "Sommerhaus später" ist in "Daheim" nun Ende 40, immer noch passionierte Raucherin, hat eine erwachsene Tochter, Ann, lebt nach der Trennung von ihrem Mann Otis, dessen messihafte Sammelwut sie nicht mehr ertragen konnte, allein. Geblieben ist ihr die feine Beobachtungsgabe und ein Staunen über sich selbst.

"Ich denke, ich könnte eine andere sein, als die, die ich bin ...und ich staune darüber, dass ich tatsächlich immer noch glaube, entscheiden zu können, wer ich sein will und sein könnte."

Sprachlich kunstvolle Selbstreflektion

Ihren besonderen Ton, mit dem sie in "Sommerhaus später" zum Shootingstar am Literaturhimmel wurde, hat Judith Hermann auch nicht in den nachfolgenden Büchern verloren, diese sprachlich kunstvoll gearbeitete (Selbst-)Reflektion. In "Daheim" knüpft sie nun auch an die Figuren ihres ersten Erzählungsbands an, die sich ebenfalls an "keinen Ort gebunden" fühlen.

Sie verlässt die Stadt, bezieht ein kleines Haus auf dem Land, an der Nordseeküste und verbringt viel Zeit mit ihrer Freundin. Mimi ist Malerin und lässt ihre Leinwände vom Schlickwasser im Watt bemalen. Ein Prinzip des Zufalls, an dem die Erzählerin auch aufs Leben bezogen Gefallen findet. Mit Mimis Bruder, einem Industriebauern mit tausend Schweinen hat sie eine Liebesbeziehung. Weder richtig eng und schon gar nicht romantisch läuft diese Affäre ab. Sie bleiben sich fremd.

"Was brauchen wir, worauf können wir verzichten. Wir sind Trabanten, denke ich, wir kreisen um unsere Sonnen, jeder um seine eigene. Wir sind zufällig zusammen auf einem fremden Planeten."

Die Gabe den Augenblick wahrzunehmen

Es passiert nicht sehr viel auf der Handlungsebene des Buches, wenngleich es ein Unglück zum Ende hin gibt. Die Geschichte setzt nicht auf einen Plot, sondern auf ihre teils skurrilen Charaktere. Etwa die vagabundierende Nike, die angeblich in einer Kiste aufwuchs, misshandelt wurde und schon mit 20 keine Zähne mehr hat. Oder die Mutter, die ihre Kinder, die Erzählerin und ihren Bruder, wiederholt im Treppenhaus stundenlang warten ließ, vorgab nicht in der Wohnung zu sein, weil sie ihren "Raum" für sich brauchte.

Genau dieser Raum für sich, "Room of one`s own", wie ihn die Schriftstellerin Virginia Woolf genannt hat, ist auch für die Erzählerin wichtig: Daheim ist dort, wo sich ihr Rückzugsort befindet. Auf diese zeitlose Reise der Selbsterfahrung lädt der Roman seine Leserinnen und Leser auf wunderbare Weise ein, indem er erzählt von einer besonderen Gabe, die der Mensch besitzt: der Augenblickswahrnehmung.

"Diese Welt ist meine Welt, weil ich gerade hier bin." 

Stand: 02.05.2021, 14:46