Henryk Grynberg - Flüchtlinge

Henryk Grynberg - Flüchtlinge

Henryk Grynberg - Flüchtlinge

Von Dirk Hohnsträter

Chronik einer gezeichneten, lebenshungrigen Generation: Henryk Grynbergs Buch "Flüchtlinge".

Henryk Grynberg
Flüchtlinge

Aus dem Polnischen von Lothar Quinkenstein
Arco Verlag, Wuppertal 2018
250 Seiten
20 Euro.

Die Geschichte einer Generation

Stellen Sie sich vor, jemand öffnet einen alten Schuhkarton. Er kramt Fotos, Postkarten und zerknitterte Programmhefte hervor und beginnt zu erzählen. Seine Lebensgeschichte stellt sich als die Geschichte einer Generation heraus und das Schicksal dieser Generation als ein Sinnbild des Lebens. Wenn Sie sich ein solches Szenario vorstellen, halten Sie Henryk Grynbergs Buch "Flüchtlinge" in Händen. Sein Autor sagt:

"Flüchtlinge ist die Geschichte einer Generation, sie handelt von authentischen Menschen und Ereignissen, die Deutung einzelner Episoden enthält jedoch Momente literarischer Fiktion […] In der Figur des Erzählers ist das Selbstporträt unverkennbar, dieses Porträt aber gehört einer fernen Vergangenheit an […]"

Mit trügerisch leichtem Ton

Die Kapitel dieses Buches haben so formidable Titel wie "Lassen wir uns nicht verrückt machen", "Blaubeersuppe" oder "Zu Füßen Hollywoods". Mit trügerisch leichtem Ton erzählt Grynberg vom Halbstarkenhabitus seiner Jugend, von der Hitze in Israels modernistischen Neubauten oder vom Wahnsinn der Bürokratie an Grenzübergängen:

"In Mailand stieg ich wieder in einem billigen Hotel am Bahnhof ab.
Poland? wunderte sich der Sohn des Inhabers, als er meinen Pass sah.
Seit 1939 haben wir nichts mehr von euch gehört ...
Er war ein Verfechter eines geeinten Europa, mit allem Eifer malte er mir die Vorteile aus: […]
Ganz meine Meinung“, sagte ich, jetzt müßte man nur noch Chruschtschow davon überzeugen."

Die Welt der Exilanten

Henryk Grynberg

Henryk Grynberg

Nicht jeder Abschnitt in diesem Buch fällt so eingängig aus wie dieser. Den ebenso lesenswerten wie langen Passagen über die Geschichte der Juden fehlt bisweilen eine erzählerische Einbindung. Hinzu kommt, dass die meisten der im Buch erwähnten polnischen Künstlerinnen und Künstler nur wenigen Lesern bekannt sein dürften. Ausführlichere Anmerkungen hätten hier nicht geschadet. Doch solche Einwände sind schnell vergessen, wenn es Grynberg mit wenigen Sätzen gelingt, die Welt der Exilanten zu vergegenwärtigen:

"Ich ging ins Bahnhofscafé, warf einen Blick in die Zeitungen, die an hölzernen Stäben befestigt waren, wie in den alten Zeiten. Ich trank eine heiße Milch, die sehr gut schmeckte, und aß ein Brötchen, das hier „Krakauer“ hieß, in Krakau nach Wien benannt war und in Warschau nach Paris. Der Zug, in den ich umstieg, fuhr langsam, hielt an jedem Bahnhof und wurde immer leerer. An einem bestimmten Bahnhof bedeuteten mir die noch verbliebenen Fahrgäste, ich solle aussteigen, ich schüttelte den Kopf, sie zuckten mit den Schultern, einige tippten sich auch an die Stirn, und so blieb ich am Ende allein. Der Zug hielt noch ein paar Mal, doch niemand stieg ein oder aus. Und niemand war zu sehen, nur Grenzsoldaten mit Maschinenpistolen, die ihrerseits verwunderte Blicke in meine Richtung warfen."

Personen, Szenen und Orte

Grynbergs Buch führt kreuz und quer durch Europa, nach Israel und in die Vereinigten Staaten. Es erzählt von Menschen, die wenig besitzen, ausgeliefert sind und ihr Leben doch immer wieder in die eigenen Hände nehmen. Viele Personen, Szenen und Orte bleiben in Erinnerung, beispielsweise ein kleines Künstlercafé, das der Verstaatlichung entging:

"Vor dem Fenster türmten sich die Katastrophen, ebbten ab und türmen sich erneut, und im Honoratka immer Fin de Siècle, immer Belle Époque. Vor dem Fenster spielten sich immer größere Sauereien ab, und im Honoratka ging es um Theater, Film und Malerei."

Ein Buch über das Leben

Es kann nur begrüßt werden, dass der Arco Verlag diesen Text für den deutschsprachigen Markt zugänglich macht, angereichert mit einer Fülle aussagekräftiger Bilder. Denn Grynbergs autobiografischer Rückblick ist nicht nur das Porträt eines Einzelnen und nicht nur das Profil einer Generation, sondern auch ein Buch über das Leben. Die Geschichte dieses Flüchtlings lehrt, dass auch das Ankommen nur von vorübergehender Dauer ist:

"Zu guter Letzt die Sonne Kaliforniens, die zu hell ist, blendet, blind macht, aufs Gemüt schlägt, aufs Gehirn. So viele Berufene, so viele Besessene. Wer wollte da müßig am Pool liegen und ein Niemand sein?! Wenn jeder jemand ist, wenn jeder jemand war und jeder jemand sein wird. Und wer keine eigenen Flügel hat, fliegt eben mit den fremden. In solchen Höhen aber ist es schwer, das Gleichgewicht zu halten, selbst mit den eigenen, und früher oder später muss der Absturz kommen. Wie aus dem Drogenrausch. Nur hat man in der Zwischenzeit verlernt, wie man die Füße setzt beim Gehen."

Stand: 22.07.2018, 14:26