"Der Jahrhundertroman" von Peter Henisch

Buchcover: "Der Jahrhundertroman" von Peter Henisch

"Der Jahrhundertroman" von Peter Henisch

Ein ehemaliger Buchhändler möchte einen "Jahrhundertroman" schreiben, mit Österreichs Autoren und Autorinnen als Personal. Wenn da nur nicht die Studentin Lisa wäre, seine Quasi-Sekretärin, die ganz andere Sorgen hat und alles durcheinanderbringt. Eine Rezension von Oliver Pfohlmann.

Peter Henisch: Der Jahrhundertroman
Residenz Verlag, 2021.
320 Seiten, 24 Euro.

"Der Jahrhundertroman" von Peter Henisch

Lesestoff – neue Bücher 23.11.2021 04:52 Min. Verfügbar bis 23.11.2022 WDR Online Von Peter Henisch


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Ein Roman über die großen Literaten Österreichs

Robert Musil, wie er im Pyjama vergrippt am Fenster seiner Wiener Wohnung steht – was für ein verheißungsvoller Anfang wäre das für einen Roman über die großen Literaten Österreichs!

Genau so hat sich Peter Henischs schriftstellernder Protagonist namens Roch den Anfang seines Opus vorgestellt, dem er in aller Bescheidenheit den Titel "Jahrhundertroman" gegeben hat. Und nicht nur vorgestellt hat sich der ehemalige Buchhändler Roch diesen Anfang, er hat ihn auch geschrieben, da ist sich der alte Mann trotz eines überstandenen Schlaganfalls ganz sicher.

Der Anfang ist verschwunden

Doch als es darum geht, das schwer lesbare Manuskript abtippen zu lassen, ist dieser Anfang verschwunden. Besser gesagt, er ist verschlampt worden, nämlich von der Person, der Roch das Manuskript zuvor anvertraut hat. Und auch sonst scheint hier so einiges nicht mehr zu stimmen.

"Das ganze Manuskript durcheinandergebracht? … Hatte er ihr nicht gesagt, sie solle es hüten wie ihren Augapfel? … Und dann das! Durfte das wahr sein? Nein, das durfte nicht wahr sein! … Lisa, Lisa, was hast du bloß angerichtet!"

Eine peinliche Deutschprüfung

Lisa ist die zweite Hauptfigur in Peter Henischs neuem Roman: eine sympathische Germanistikstudentin, die in Rochs Stammcafé kellnert. Ihr ist der etwas aufdringliche Alte mit seinem Gefasel von seinem angeblichen "Jahrhundertroman" zwar suspekt, aber einen Zuverdienst kann sie gut gebrauchen.

Das Treffen in Rochs Wiener Bücherhöhle gerät jedoch zum Desaster. Zumal die junge Frau nicht halb so belesen ist, wie Roch in seiner Schwärmerei für seine künftige "Nachlassverwalterin" angenommen hat. Weshalb das Treffen für Lisa zeitweilig zur peinlichen Deutschprüfung gerät. Für Roch ist Lisas Ignoranz eine herbe Enttäuschung, immerhin will er mit seinem Roman trotzig gegen die allgemeine "Geschichtslosigkeit" anschreiben. Und warum schaut Lisa dauernd nervös auf ihr Smartphone?

Generationenkonflikt in der Gegewart

Das Aufeinandertreffen zweier Generationen stellt in Henischs Roman die amüsant-ironische Rahmenerzählung dar. Neben dieser Gegenwartsebene gibt es aber noch eine Vergangenheitsebene, mit Szenen und Kapiteln aus dem Manuskript, die Roch voller Leidenschaft seinem jungen Gegenüber näherzubringen versucht.

Zum Beispiel, wie Franz Kafka auf einer Wiese im Wienerwald neben Milena Jesenská das Wunder der Körperlichkeit erlebt. Oder wie Joseph Roth sein Heimatland im Alleingang vor den Nazis retten will.

Spannende Parallelmontagen

Als großer Epiker der österreichischen Nachkriegsliteratur hätte Peter Henisch natürlich selbst ein Kapitel im Autorenroman seines Helden verdient. In seinen stärksten Passagen glücken dem 78-jährigen Schriftsteller aufregende Parallelmontagen in dem durcheinandergeratenen Roman im Roman.

Wie in dem Hin und Her zwischen Heimito von Doderer, der sich im Nachkriegswien seine Verstrickungen im Dritten Reich schönredet, und der jungen Philosophiestudentin Ingeborg Bachmann, die vergeblich über eine neue Nationalhymne grübelt. Zumal sich Henischs einsamer Protagonist plötzlich wieder an den Möglichkeitssinn der Literatur erinnert:

"Aber jetzt stellen Sie sich vor, würde Roch zu Lisa sagen (…), die junge Frau Bachmann hätte doch die richtigen Worte gefunden … Worte für eine etwas andere Hymne (…) Zum Beispiel diese: / Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar …  (…) Was für eine Eröffnung, was für eine Öffnung neuen Bewusstseins!"

Kunst von Gestern und Leben von Heute

Zur spannenden Idee einer alternativen österreichischen Literaturgeschichte liefert Henischs Roman jedoch leider nur zwei, drei Einfälle. Warum nicht mehr? Die Antwort darauf gibt Lisas Leben: Für sie sind die Probleme der Gegenwart so drängend geworden, dass sie für Roch und seine mehr oder weniger vergessenen Autoren schlichtweg keine Zeit hat.

Wie sich herausstellt, muss sich die Studentin um ihre syrische Freundin Samira kümmern, die abgeschoben werden soll. Spielt Peter Henisch hier also die Beschäftigung mit der Kunst von Gestern und das aktive Engagement für ein besseres Heute gegeneinander aus? So oder so liefert dieser sympathische Roman eine bei aller Ironie und erzählerischen Leichtigkeit ausgesprochen pessimistische Gegenwartsdiagnose.

Stand: 17.11.2021, 14:45