Hallgrímur Helgason - 60 Kilo Sonnenschein

Buchcover: Hallgrímur Helgason - 60 Kilo Sonnenschein

Hallgrímur Helgason - 60 Kilo Sonnenschein

Von Tobias Wenzel

Ein isländischer Fjord wird Anfang des 20. Jahrhunderts zum El Dorado der Fischerei: Einfühlsam und mit skurrilen Einfällen erzählt Hallgrímur Helgason in seinem historischen Roman, wie die Moderne in eine der ärmsten Gegenden Europas Einzug hält.

Hallgrímur Helgason: 60 Kilo Sonnenschein
Aus dem Isländischen von Karl-Ludwig Wetzig.
Tropen, Berlin 2020.
570 Seiten, 25 Euro.

Hallgrímur Helgason: "60 Kilo Sonnenschein"

WDR 3 Buchkritik 25.11.2020 05:38 Min. Verfügbar bis 25.11.2021 WDR 3


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Helgason beim Malen zuschauen

Hallgrímur Helgason:
"Ich male auch, wenn ich schreibe."

Beim Lesen von Hallgrímur Helgasons Roman "60 Kilo Sonnenschein" hat man in der Tat das Gefühl, dem Isländer beim Malen von Szenen und Landschaften über die Schulter zu schauen:

"Der Fjord war eine einzige, augenlose Schneedecke, vom Wasserfall an seinem hintersten Ende bis zur Mündung ins Meer, und es war unmöglich zu erkennen, wo sich unter ihr Wasser und wo Land befand."

Tragischer Auftakt des Romans

Heiligabend um 1900 an einem fiktiven nordisländischen Fjord, der vom realen Fjord Sigluförður inspiriert ist: Der Bauer Eilífur hat unter tagelangen Mühen Weizen für seine Familie besorgt. Als er zurückkehrt, liegt seine Hütte unterm Schnee begraben. Frau und Tochter sind tot. Nur der zweijährige Junge Gestur hat überlebt, weil er an den Zitzen einer Kuh gesaugt hat. Das ist der bildmächtige Auftakt dieses durchaus ernsten historischen Romans. Hallgrímur Helgason also einmal nicht mit zeitgenössischer Gesellschaftssatire:

Hallgrímur Helgason:
"Die Reise eines Schriftstellers verläuft von der Komödie bis zur Tragödie und dann vielleicht wieder zurück. Und ich habe gerade meine Tragödien-Periode. Der Humor ist zwar noch da. Aber nicht im Vordergrund."

Tragikomischer Humor und skurrile Metaphern

Im Vordergrund des neuen Romans steht die Entwicklung des unehelichen Bauernsohns Gestur, der von Ziehvater zu Ziehvater weitergereicht wird, bis er, selbst noch nicht erwachsen, seinerseits die Vaterrolle annimmt. Diese Geschichte an einem Ort, der durch den Boom der Heringsfischerei und des Handels in wenigen Jahren praktisch vom Steinzeitleben in die Moderne katapultiert wird, lebt aber eben auch von den humorvollen und tragikomischen Einfällen Helgasons. So stirbt ein Pfarrer bei einer Beerdigung durch einen Stoß ins Grab, indem er direkt auf dem Sarg einer Verstorbenen landet, was dem Witwer als unsittliche Annäherung an seine Frau erscheint.

Hinzu kommen die skurrilen Metaphern und Vergleiche: Gestur, der wochenlang mit französischen Seeleuten unterwegs war, erinnert sich etwa daran, "wie sich sein Hodensack beim Anblick des aus der See steigenden Island herzförmig zusammengezogen" habe. Darauf muss man erst einmal kommen. Genauso wie auf die Visionen der Romanfiguren: 99 Forellen fliegen da kometenhaft in einen Schornstein; und Gestur verschmilzt mit der Sonne.

Hallgrímur Helgason:
"In Island ist viel Raum für Visionen. Das Land ist dünn besiedelt. Und wenn man den weiten Horizont betrachtet und kein Mensch zu sehen ist, dann erweckt das wohl Visionen im Kopf."

Einfühlsam gestaltetes historisches Setting

Ungeachtet der Schrägheit von Visionen und Humor zeichnet Helgason wunderbar einfühlsam ein realistisches Bild vom harten Leben der Isländer Anfang des 20. Jahrhunderts: wie sie im selben Raum mit einer Kuh schlafen mussten und wie sie den plötzlichen Übergang in die Moderne erlebt haben dürften. Spannend ist, dass sich in diesem eigentlich historischen Roman hier und da auch Spitzen Helgasons gegen das heutige Island finden. So heißt es im Buch, wenige Nationen hätten größere Feiglinge hervorgebracht als die Isländer. In der Szene stürzt der betrunkene Pfarrer Jón während der Messe und bleibt liegen:

"Es verging eine längere Zeitspanne, in der sich nichts regte, weder der Zug um den Mund des Kirchendieners noch die Gläubigen in den Bankreihen; bis der Pfarrer zu schnarchen begann. Die Gemeinde verfolgte geduldig das Programm. Nicht einmal Séra Jóns zierliche Frau stand auf. Die Leute gestanden es ihrem Pastor unbedingt zu, ein Schläfchen zu halten, wenn er denn eins nötig hatte."

Hallgrímur Helgason:
"Ich fürchte, das ist sehr typisch für Isländer. Ich war in Island auf so vielen Partys und Empfängen. Und wenn da ein Betrunkener in einer Ecke schockierende oder verrückte Dinge gemacht, sich zum Beispiel auf seinen Teller übergeben hat, haben alle so getan, als ob der Betrunkene nicht da gewesen wäre. Es hat mich immer geärgert, dass Menschen die Wahrheit sehen, aber sich nicht trauen, sie auszusprechen."

Hervorragende Übersetzung einer malerischen Geschichte

Der Romantext liest sich dank des Übersetzers Karl-Ludwig Wetzig so flüssig, als wäre er das Original. Das Buch ist mal augenzwinkernd, mal ernst, immer aber souverän und anschaulich erzählt. Hallgrímur Helgason ist mit "60 Kilo Sonnenschein" ein großer Wurf gelungen. Man möchte fast sagen "ein großer Fang", mit Blick auf eine der vielen Szenen, die der Leser wie ein Gemälde vor sich sieht: Die unzähligen am Fjord entladenen Heringe funkeln, als wären sie der Sonnenschein selbst.

Hallgrímur Helgason:
"Es gab so viele Heringe, dass eine Goldgräberstimmung herrschte. In nur einem Sommer konnte man zum Millionär werden. Siglufjörður wurde 'El Dorado der Fischerei' genannt. Eine Stadt des Abenteuers mit vielen Mädchen und mit einsamen Seemännern, mit einem berüchtigten Nachtleben und Schlägereien. Es war verrückt. In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts war Siglufjörður der Wilde Westen."

Am Ende des Romans schließt sich der Kreis: Der malend schreibende Helgason tüncht, mit der Dramatik einer Lawine, die Gegend um den Fjord wieder weiß.

Stand: 24.11.2020, 09:44