Buchcover: "Realität und Imagination" von Klaus Heinrich

"Realität und Imagination" von Klaus Heinrich

Stand: 12.01.2022, 07:00 Uhr

Der als unorthodoxer Denker und Meister der freien Rede bekannte Religionsphilosoph Klaus Heinrich hat auch ein zeichnerisches Werk hinterlassen. Das Buch "Realität und Fiktion" erschließt ein Werk, das zwischen Wissenschaft, Kunst und Leben nicht trennt. Eine Rezension von Dirk Hohnsträter.

Klaus Heinrich: Realität und Imagination. Zeichnungen
Verlag Freiburg/Wien & Galerie Friese Berlin, 2021.
344 Seiten, 59 Euro.

"Realität und Imagination" von Klaus Heinrich

Lesestoff – neue Bücher 18.01.2022 05:37 Min. Verfügbar bis 18.01.2023 WDR Online Von Dirk Hohnsträter


Download

Die Debütausstellung eines 92jährigen

Am 31. Januar 2020 ereignete sich in der Berliner Galerie Friese etwas, das nur wenige Monate später undenkbar geworden war. Dicht gedrängt standen etwa dreihundert Menschen nebeneinander, natürlich ohne Masken, die meisten hochbetagt. Es war kaum ein Durchkommen in den eigentlich großzügigen Galerieräumen.

Der Grund des Gedrängels war die Debütausstellung eines 92jährigen. Der Religionsphilosoph Klaus Heinrich hatte der Präsentation ausgewählter Zeichnungen zugestimmt, die im Laufe seines Lebens entstanden waren. Der Schauspieler und Schriftsteller Hanns Zischler hielt die einleitende Ansprache:

"Als ich zum ersten Mal der Zeichnungen von Klaus Heinrich ansichtig und schon allein von der schieren Menge überwältigt wurde, habe ich im Stillen gedacht: warum wurde uns das all die Jahre vorenthalten?
Die immer neuen Blätter, die Klaus Heinrich geduldig murmelnd erläuterte, verrieten mit jeder Enthüllung mehr, dass hier eine geübte, vom Schlag des Herzens geführte denkende Hand am Werk war. Die Hand eines Künstlers."

Wissenschaft, Kunst und Leben

Klaus Heinrich, der noch im selben Jahr starb, war auch ohne die Entdeckung seines künstlerischen Schaffens längst eine Legende.

1948 studentischer Mitbegründer der Freien Universität Berlin, sorgte er 1964 mit seiner unorthodoxen Habilitationschrift "Versuch über die Schwierigkeit, nein zu sagen" so sehr für Furore, dass diese von der zuständigen Kommission erst einmal abgelehnt wurde. Berühmtheit erlangten Heinrichs frei gehaltene Vorlesungen, die Hörer weit über das Fachpublikum hinaus anzogen.

Im Rückblick erscheint es manchem Wegbegleiter, als folgten Wissenschaft, Kunst und Leben bei Heinrich ein und derselben Geste. Eine Schülerin Heinrichs, die Religionswissenschaftlerin Caroline Neubaur, drückt es so aus:

"Als Graffiti habe ich gelesen: Leben ist Zeichnen ohne Radiergummi – ungefähr so muß man sich sein Zeichnen vorstellen, Leben und Stift sind kaum auseinander zu dividieren und einen Radiergummi hat er eigentlich nie gebraucht, für beides nicht."

Die Hand des Künstlers bleibt erkennbar

Jetzt ist das, was das staunende Publikum an jenem Abend entdecken durfte, allen Interessierten zugänglich. Unter dem von Heinrich noch selbst gewählten Titel "Realität und Imagination" versammelt ein mit großer Sorgfalt gestaltetes Katalogbuch 216 Zeichnungen aus dem über 3000 umfassenden Konvolut seines Gesamtwerks. Ganz so, wie Neubaur anmerkt, war das Zeichnen ein fester Teil im Leben Klaus Heinrichs.

Seit den späten 1940er Jahren produzierte er mit Tinte, Kugelschreiber und Filzstift, auf den unterschiedlichsten Papieren. Er nutzte Briefumschläge, Karteikarten und Seminarunterlagen. So heterogen das Material, so erkennbar bleibt die Hand des Künstlers, wie Hanns Zischler bemerkt:

"Wollte man einen gemeinsamen Zug fast aller Zeichnungen festhalten, so ist es die 'verbindende Linie', das – möglicherweise unbewußte – Bestreben, etwas Zusammenhängendes, miteinander Verwobenes herzustellen, zu skizzieren. Mit leichter Hand! Und diese Geübtheit, diese Sicherheit, der Schwung, der Elan in den sich wiederholenden, ständig variierten tänzerischen Bewegungen des Stifts sind es, die mir den Philosophen und Lehrer der Religionswissenschaft ins Gedächtnis rufen."

Die Architektur von Gedankengängen

Heinrichs Zeichnungen tragen die Spuren des akademischen Betriebs, und weisen zugleich über diesen hinaus. Gelangweilt nutzte er endlose Gremiensitzungen, um auf dem Speiseplan der Mensa erotische Skizzen, Selbstporträts oder philosophische Versuchsanordnungen anzufertigen.

Lustvoll, geistreich und voller Witz kommen Heinrichs vollkommen unabhängig vom Kunstbetrieb entstandene Zeichnungen daher. Oft wirken sie kindlich, und sind doch Ausdruck einer durch und durch gelehrten, geistigen Existenz:

"Es erschließt sich mir ein innerer Zusammenhang zwischen dieser unablässig zeichnenden, entwerfenden und suchenden Hand und dem peripatetischen Vortrag seiner Rede. Wenn er mit ausgewogenem Schritt, in dem von unerschöpflicher Rede getragenen Gang dozierte, glaubte man auf geradezu physische Weise die Architektur von Gedankengängen vor sich entstehen zu sehen."