Bernd Heinrich - Leben ohne Ende. Der ewige Kreislauf des Lebendigen.

Bernd Heinrich - Leben ohne Ende. Der ewige Kreislauf des Lebendigen.

Bernd Heinrich - Leben ohne Ende. Der ewige Kreislauf des Lebendigen.

Von Martin Hubert

Aufgehoben in den endlosen Kreislauf der Natur – der Biologe Bernd Heinrich beschreibt die verschiedensten Formen der Verrottung, Verwesung und Aasfresserei.

Bernd Heinrich
Leben ohne Ende
Der ewige Kreislauf des Lebendigen

Aus dem Englischen von Hainer Kober
Matthes & Seitz, Berlin 2019
203 Seiten
34 Euro

Bernd Heinrich: "Leben ohne Ende"

WDR 3 Buchkritik 03.01.2020 05:24 Min. Verfügbar bis 02.01.2021 WDR 3

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Die Frage nach dem Tod und dem Sinn des Lebens

Könnte man dieses Buch guten Gewissens verschenken? Ein Buch, das einerseits eines der großen Themen der Menschheit behandelt: die Frage nach dem Tod und dem Sinn des Lebens? Das dies andererseits aber nicht auf philosophische oder religiöse Weise tut, sondern tabulos naturalistisch? Bernd Heinrich untersucht, wie tote Körper verwesen und doch fortleben:

"Alle Körper bestehen aus verbundenen Kohlenstoffatomen, die später zerlegt und als Kohlendioxid freigesetzt werden. Das Kohlendioxid, das die Pflanzen aufnehmen, um daraus ihren Körper zu bilden, stammt von anderen Körpern, die durch die Tätigkeit von Bakterien und Pilzen allgemein verfügbar wurden. Von einem Elefanten, der eine Woche zuvor in Afrika verweste, von einem ausgestorbenen Palmfarn des Karbons und einem arktischen Mohnhörnchen."

Verwesung, Aasfresserei und Neuverwertung

Heinrich schildert in Anekdoten seine persönliche Faszination an diesem Thema und beobachtet akribisch die verschiedenen Formen der Verwesung, Aasfresserei und Neuverwertung toter Körper. Nicht selten hilft er dabei kräftig nach. Etwa indem er Kadaver auslegt und studiert, welche Tiere sich mit welchen Methoden dem Leichnam widmen und ihn recyceln. Oder indem er Raben selbst aufzieht, um ihre Vorlieben und Techniken als "Totengräber" in nächster Nähe beobachten zu können. Der Leser erhält so Einblick in die unermüdliche Arbeit von Bakterien, Maden und Bremsen und erfährt, wie Mäuse, Käfer, Geier und Kojoten Aas ausweiden, in sich aufnehmen und verwerten. Wenn Heinrich den Gestank schildert, der dabei entsteht, oder beschreibt, wie Raben die Augen toter Tiere auspicken, geht das beim Lesen durch Mark und Bein. In anderen Fällen dagegen wird man in eine exotische Welt verwunschener Lebewesen entführt. Etwa wenn Heinrich beschreibt, wie tote Wale in ein Totenreich von dunklem, kaltem Meerwasser hinabsinken und dort Schritt für Schritt verarbeitet werden.

"Dort tummelt sich eine Vielzahl von Organismen, die Nahrungsspezialisten für alles sind, was von oben herabschwebt. Einige dieser Fische haben Licht-produzierende Organe, bei einem von ihnen sieht dies aus wie eine Laterne, die von einem Stab herabhängt. Nachdem das weiche Gewebe vollkommen vertilgt ist, übernimmt ein Teppich von Bakterien die Knochen und Meeresschnecken weiden auf ihnen."

Der Mensch und seine Stellung in diesem Kosmos

So detailliert Heinrich die gleichermaßen schockierende wie respekterheischende Welt verdauender Pflanzen und Aasfresser beschreibt - letztendlich zielt er doch auf den Menschen und seine Stellung in diesem Kosmos. Der Mensch ist für ihn der größte Aasfresser, da er davon lebt, pflanzliche und tierische Energie zu verwerten. Heinrich spekuliert darüber, inwieweit der Verzehr von Elefantenfleisch es dem Menschen ermöglichte, ein größeres Gehirn zu entwickeln. Er schildert, wie sich der Mensch zunehmend aus dem Kreislauf der Natur entfernte und willkürlich andere Lebewesen ausrottete: vom Mammut über die Riesenschildkröte bis hin zum heutigen Artensterben. Und er verweist darauf, dass der Mensch Kultur hervorbrachte und damit eine Welt erschuf, die Sinn und Bedeutung jenseits der Naturkreisläufe ansiedelte. Heinrich bestreitet aber, dass sich der Menschen damit vollständig von der Natur abgelöst hat. Denn Kultur sei letztlich auch nur ein integraler Baustein der großen Metamorphose der Natur.

"Genau wie Kreide und Kalkstein aus den Organismen vergangener Zeiten entstanden, hat sich auch die Kultur herausgebildet. Sie ist das immaterielle Leben, das wir mit unseren Augen und unseren Ohren aufgenommen haben und das ein Teil unseres Gehirns geworden ist, Ähnlich wie Pflanzen Nährstoffe durch ihre Wurzeln und Spaltöffnungen in ihren Blättern aufnehmen und diese in Zucker und DNA verwandeln. Es gibt keine klare Grenze zwischen stofflichem und nichtstofflichem Recycling."

Kann man also dieses Buch verschenken?

Vor allem wenn es um den Menschen und die Kultur geht, bietet Heinrich einen Mix aus genauen Beobachtungen und eher spekulativen Interpretationen, die manchmal in die Nähe einer ganzheitlichen Naturromantik geraten. Alles ist dann Kreislauf und miteinander verbunden. Heinrich verweist zum Beispiel darauf, dass die DNA eines einzelnen Lebewesens ein Amalgam aus der DNA allen Lebens ist. Wir sollten anerkennen, nur ein Glied im ewigen Kreislauf des Lebens und des "großen Fressens" zu sein. Und deshalb naturnäher und ökologischer leben sowie den Tod nicht fürchten.

Kann man also dieses Buch verschenken? Bei zart besaiteten Seelen sollte man damit vorsichtig sein, auch wenn es mit ästhetisch anspruchsvollen Illustrationen versehen ist. Für Menschen jedoch, die in der Lage sind, Heinrichs schwärmerische Ausführungen über die innere Natur-Verbundenheit kritisch zu gewichten, wäre es auf jeden Fall ein Gewinn. Denn es gewährt Einblick in eine verdrängte Seite des Lebens, ohne die man es nicht wirklich verstehen kann.

Stand: 19.12.2019, 18:25