Klaus Vieweg - Hegel: Der Philosoph der Freiheit

Klaus Vieweg - Hegel: Der Philosoph der Freiheit

Klaus Vieweg - Hegel: Der Philosoph der Freiheit

Von Michael Hesse

Zu Hegels 250. Geburtstag erscheint die erste umfassende deutschsprachige Biographie des großen Philosophen seit 175 Jahren. Sie folgt einem Grundmotiv der Freiheit, das den gesamten Lebensweg durchzieht.

Klaus Vieweg
Hegel: Der Philosoph der Freiheit

C.H. Beck, München 2019
824 Seiten
34 Euro

Klaus Vieweg: "Hegel: Der Philosoph der Freiheit"

WDR 3 Buchkritik 17.01.2020 05:39 Min. Verfügbar bis 16.01.2021 WDR 3

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Ein Gigant unter den Philosophen

Nein, dieser Hegel ist anders als alles, was man heute an populär-philosophischer Lektüre kennt. Seine Sätze sind kompliziert, man muss sie wieder und wieder lesen. Hegel war ein Gigant unter den Philosophen. Seinen Lesern mutete er Unheimliches zu, den Widerspruch in allen Dingen zu denken. Die Negation war seine treibende Kraft. Er zeigte, wie man aus Gedanken die Wirklichkeit erbaut.

Für Klaus Vieweg ist er ein Philosoph der Freiheit, jemand, den wir unbedingt wieder lesen sollten. Denn Hegel habe so vieles von dem durchdacht, was auch heute für uns wichtig ist: das Verhältnis von Bürger und Staat, die Beziehung zwischen naturgesetzlicher Determination und Freiheit, die Erkenntnis einer Welt, die im steten Wandel begriffen ist.

Der Spätzünder

Sein Leben nimmt viele Umwege, bis er es an sein Ziel schafft. Im Tübinger Stift lernt er Hölderlin und Schelling kennen. Hegel sollte Pfarrer werden, sein Vortragsstil ist jedoch entsetzlich schlecht. Er fühlt sich zum Philosophen berufen. Mit Unterstützung von Schelling zieht er ins thüringische Jena. Hier versammeln sich die besten Köpfe der Epoche, hier wirkten Goethe, Schiller, Fichte und Schlegel. Es ist das klassische Athen, das an der Saale neu ersteht. Auf der Straße begegnet Hegel sogar Napoleon: die Weltseele zu Pferde, wie er später notiert. Und hier schreibt er unter dem Kanonendonner der französischen Truppen im Jahr 1807 seine "Phänomenologie des Geistes", ein Jahrhundertwerk, das in dieser Form keine Vorläufer kennt. Dieser Monolith ist die Grundlegung seines Systems. Die erhoffte Anstellung an der Universität lässt indes lange auf sich warten.

Hegel, Georg Friedrich Wilhelm Philosoph Stuttgart

Georg Friedrich Wilhelm Hegel, Philosoph Stuttgart

"Rektor, Philosophielehrer, Schulrat – seine Ämter erfüllte Hegel mit hohem Verantwortungsbewusstsein. Der Königsweg zur Freiheit trägt für ihn den Namen Bildung. Sein Engagement belastete ihn zunehmend, was sich in der Rede vom "Schulplunderwesen" zeigt.

Im Sommer 1815 vergleich Hegel seine Lage mit der von Napoleon während der Verbannung auf St. Helena. Ihm war bewusst, dass für ihn nur die Universität eine angemessene Wirkungsstätte sein kann."

Die Freiheit ging ihm über alles

Doch 1816 wendet sich das Blatt, Hegel ist 46 Jahre alt, er erhält Angebote für eine Professur. Er gilt nun als der "einzige entschieden ausgezeichnete Philosoph". Innerhalb von 13 Jahren hat er die gesamte Philosophie auf den Kopf gestellt. Nach der Phänomenologie folgte sein Hauptwerk "Die Wissenschaft der Logik" im Jahr 1812. Im Jahr 1820 veröffentlicht er schließlich seine „Grundlinien einer Philosophie des Rechts“. Spätestens ab 1818, als er Fichte auf dem Lehrstuhl an der Berliner Universität nachfolgt, wächst sein Ruhm unbeschreiblich an.

Hegel trinkt an jedem 14. Juli ein Glas Champagner auf den Sturm auf die Bastille. Die Freiheit ging ihm über alles. Er interveniert in einem Verfassungsstreit und setzt sich für seine politisch aktiven Studenten bei der Berliner Obrigkeit ein. Philosoph der Freiheit aber ist er, weil er diese Freiheit in seinem System so denkt, dass sie sich selbst hervorbringt. Sie ist kein Vermögen, das wir einfach so besitzen. Es ist ein großes Verdienst von Klaus Vieweg, diese Seite Hegels als Freiheitskämpfer neben der als Freiheitsdenker ans Licht gebracht zu haben. Denn man wirft Hegel immer noch insgeheim vor, ein Reaktionär gewesen zu sein. In Berlin herrschte ein Klima der Intrige und Repression. Spitzel und Polizei sorgten dafür, dass auf den Straßen eine Vorsicht wie in Diktaturen herrschte. Hegel versuchte sich zu schützen.

"Die skandalisierte Vorrede zur Rechtsphilosophie von 1820 enthält als Reaktion auf die Karlsbader Beschlüsse und das Preußische Zensuredikt die wohl gelungenste und wirkungsmächtigste Täuschungsaktion des Philosophen, den berüchtigten Doppelsatz von der Wirklichkeit des Vernünftigen und der Vernünftigkeit des Wirklichen, die dem Freiheitsdenker das Etikett Knechtsphilosoph und Restaurationsphilosoph eintrug – welch Treppenwitz der Philosophie-Geschichte."

Hegel ist schwer

Vieweg erinnert an dieser Stelle an einen weiteren Satz Hegels, der ihn davon entlaste, ein Reaktionär zu sein:
"Was wirklich ist, ist vernünftig. Aber nicht alles ist wirklich, was existiert." Anders gesagt: Im Staate Preußen könne es durchaus auch unvernünftig zugehen.

"Hegel ist schwer", schreibt Klaus Vieweg. Es ist eine Stärke des Buchs, durch die Schilderung von Hegels Leben viele Voraussetzungen von dessen Werk sichtbar gemacht zu haben. Man erfährt, mit welchen Ideen der Philosoph in Berührung kam, bevor sie in umgearbeiteter Form Eingang in seine Theorie fanden. Die Darstellung der Theorie Hegels bleibt aber auch bei Vieweg anspruchsvoll. Das Nachdenken und Nachhaken wird dem Leser nicht erspart. Den privaten Hegel kannte man so bislang nicht, seine gesellige Art, seine Lust an Wein und an den Frauen. Er zeugt einen unehelichen Sohn.

Ein schlechter Redner

Seine Vorlesungen waren indes für Hörer stets eine Herausforderung. Heinrich Heine war unter den Besuchern, auch ein gewisser Karl Marx, der Hegel später vom Kopf auf die Füße stellen sollte. Sie alle waren geduldige Hörer, denn Hegel war ein schlechter Redner, weder flüssig noch klar:

"Er stückelte Sätze, kramte in Papieren, schnupfte Tabak, krächzte und hustete. Er sprach zu sich selbst, ein lautes Selbstgespräch, eine Art denkende Improvisation – er dachte seinen Zuhörern etwas vor."

Hegel stirbt am 14. November 1831. Er lässt sich auf dem Berliner Friedhof neben dem Philosophen Fichte begraben. Die letzten Worte seiner letzten Vorlesung lauteten: "Freyheit ist das Innerste, und aus ihr ist es, dass der ganze Bau der geistigen Welt emporsteigt."

Klaus Vieweg: "Hegel: Der Philosoph der Freiheit"

WDR 3 Buchkritik 17.01.2020 05:39 Min. Verfügbar bis 16.01.2021 WDR 3

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Stand: 16.01.2020, 16:28