Janina Hecht - In diesen Sommern

Buchcover: Janina Hecht - In diesen Sommern

Janina Hecht - In diesen Sommern

Von Katja Lückert

In Teresas Familie dreht sich alles um ihren Vater. Dieser hat manche gute, aber auch viele schlechte Tage, an denen er gegen seine Frau und die beiden Kinder wütet und sogar gewalttätig wird. In ihrem Debüt erzählt Janina Hecht von einer Kindheit in den neunziger Jahren mitten in Deutschland.

Janina Hecht: In diesen Sommern
CH Beck Verlag, 2021
175 Seiten, 20 Euro

Janina Hecht: "In diesen Sommern"

WDR 3 Buchkritik 15.09.2021 04:56 Min. Verfügbar bis 15.09.2022 WDR 3


Download

Ein dysfunktionales, aber stabiles System

Wie verläuft eine Kindheit, wenn sich Mutter und Kinder vor dem Vater fürchten und sich fast immer wünschen, er möge nicht mehr da sein? Tatsächlich ist eine Familie ein so unglaublich stabiles System, auch wenn es, wie in Teresas Fall, völlig dysfunktional ist.

Vielleicht ist das die erstaunliche Erkenntnis dieses kurzen Romans, dessen Kapitel oft nur aus wenigen Zeilen bestehen. Durchgehend im Präsens berichtet die Ich- Erzählerin von verschiedenen Kindheitserlebnissen: Von Sommerferien in Italien oder in Bayern, aber auch auf Balkonien. Ihr Vater trinkt und hat sich selten unter Kontrolle, weshalb er Ohrfeigen verteilt, aber auch schon mal den jüngeren Bruder zu Boden wirft oder die Erzählerin tritt und schlägt.

Das passiert, mitten in Deutschland, in den 90er Jahren. Und es wird offenbar kaum bemerkt. Meist bekommt es die Mutter ab, lange schafft sie es nicht, ihren Mann zu verlassen. Erst als Teresa ihrem Vater die Stirn zu bieten beginnt, bricht etwas auf. 

"Wir sitzen nach dem Abendessen am Tisch. Meine Mutter hat gekocht. Die Teller sind leer. In der Schüssel liegen noch ein paar Kartoffeln. Ich sage, dass es sehr gut geschmeckt hat. Mein Vater sagt nichts. Ich schaue ihn auffordernd an. „Und Dir?“, frage ich.“ Hat es Dir auch geschmeckt?“. Er zuckt mit den Schultern. „Du bist so ungerecht“, sage ich. Mein Vater schaut überrascht. Dann beugt er sich zu mir herüber. Seine Augen, zwei schmale Striche. Er fragt mich, ob ich Ärger will. Ich kann seinen säuerlichen Atem riechen. Ich sage, dass er mich in Ruhe lassen soll."

Kein guter Abend

Alles dreht sich in dieser Familie um Teresas Vater, der morgens meist noch recht stabil ist, doch im Laufe des Tages ändert sich das. Schon als kleines Mädchen kann Teresa am Gang ihres Vaters erkennen, wie er gestimmt ist. Auch dieses kurze Kapitel endet mit einer Leerstelle, die der Leser leicht zu füllen vermag.

"Mein Vater öffnet das Tor und dreht sich wieder um, er läuft langsam, seine Arme hängen seltsam herab, der Kopf geneigt, noch mehr als sonst. Er steigt wieder ein und fährt in die Garage. Ich spüre mein Herz schlagen, klettere die Leiter herunter und gehe zu ihm. Er nickt mich nur an, hallo Teresa sagt er, sein Atem schwer. Ich weiß sofort, es wird kein guter Abend."

Von Zuneigung über Desinteresse zu Aggression

Dabei ist der Vater nicht nur böse, liebevoll bringt er Teresa das Fahrradfahren bei, an einem anderen Tag rettet er sogar unter Einsatz aller Kräfte ein fremdes Kind aus einem Pool. Es ist nur so schwer für Teresa und ihren Bruder Manuel, ein konstantes vertrauensvolles Verhältnis mit ihm aufzubauen, weil seine Gefühle, besonders durch den Alkoholkonsum gesteigert von kurzen Aufwallungen der Zuneigung zu Desinteresse und Aggression schlingern.

"Manchmal würde ich gerne einer Version meines Vaters vertrauen. Eine Antwort haben, auf die Frage, wer er war. Ich lege die Ereignisse wie Schichten aus Transparentpapier übereinander und versuche zu erkennen, was durchscheint."

Beschützerin von Mutter und Bruder

In diesen Sätzen verrät Janina Hecht leider gleich zu Anfang des Buchs, dass ihr Vater nicht mehr lebt. Hätte der Leser diese Information noch nicht, könnte man das Buch nicht nur als eine Spurensuche, als eine Annäherung an längst vergangene Kindheitstage lesen, sondern würde mehr dem Ausgang der Geschichte entgegenfiebern.

Als Teresa ein wenig älter ist, fungiert sie in den Auseinandersetzungen mit dem Vater meist als Beschützerin der Mutter und des jüngeren Bruders. Eines Nachts hat Manuel Hunger und macht sich in der Küche ein Brot. Das Geräusch eines heruntergefallenen Messers weckt den Vater, der wieder einmal mit Schlägen reagiert. Doch auch der zehnjährige Manuel hat inzwischen offenbar gelernt, sich mit Fäusten zu verteidigen. Das Undenkbare geschieht in dieser Familie:

"Ich laufe zurück zur Treppe, gehe mit Manuel die ersten Stufen hinauf, mein Vater steht wieder hinter uns. Manuel und ich drehen uns gleichzeitig um und dann holt Manuel mit der Faust aus, er trifft das Gesicht meines Vaters in der Mitte. Mein Vater brüllt auf, er blickt uns mit aufgerissenen Augen an."

Nicht nur Hass

Schließlich schafft es die Mutter mit ihren Kindern in eine andere Wohnung zu ziehen. Allein kommt der Vater nun gar nicht mehr zurecht, er ist alkoholkrank und tablettenabhängig – eines Tages stirbt er an einem Herzinfarkt. Teresa ringt mit einer merkwürdigen Mischung von Gefühlen.

"Ich denke daran, wie mein Vater an einem Wintermorgen in mein Zimmer kommt, er ruft meinen Namen, er zieht die Rollläden hoch, schau raus, sagt er, es hat geschneit, es hat geschneit. Manchmal bin ich wütend darüber, dass ich nie wieder mit ihm sprechen kann. Aber diese Wut hat keine Richtung. Ich kann sie nicht herunterschlucken und sie verschwindet nur sehr langsam."

Wie stark Familienbande, wie nah Liebe und Abneigung in familiären Beziehungen sind, warum man auch einen gewalttätigen Vater nicht nur hassen kann, auf diese Fragen findet Janina Hechts Roman durchaus poetische Antworten. Ein starkes Debüt.

Stand: 12.09.2021, 14:49