Buchcover: "In blaukalter Tiefe" von Kristina Hauff

"In blaukalter Tiefe" von Kristina Hauff

Stand: 28.02.2023, 12:00 Uhr

Mast- und Schotbruch: Ein Segeltörn in den schwedischen Schären bringt zwei Paare an ihre Grenzen und Gewissheiten ins Wanken. Kriminell spannend und trotzdem seicht wie ein Inga-Lindström-Spielfilm. Eine Rezension von Corinne Orlowski.

Kristina Hauff: In blaukalter Tiefe
hanserblau Verlag, 2023.
288 Seiten, 23 Euro.

"In blaukalter Tiefe" von Kristina Hauff

Lesestoff – neue Bücher 28.02.2023 05:30 Min. Verfügbar bis 28.02.2024 WDR Online Von Corinne Orlowski


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Was tun, wenn die Liebe rostet? Gehen Sie bloß nicht auf einen Segeltörn, würde vermutlich Kristina Hauff sagen.

"Liebe Leserinnen und Leser, Segeln ist die schönste Fortbewegungsart der Welt, lassen Sie sich bitte von den Romanfiguren nichts anderes einreden. Probieren Sie es aus. Achten Sie darauf, wen Sie mit an Bord nehmen. Und nennen Sie Ihr Boot niemals Querelle."

Dieser Zuspruch im Nachwort ist angebracht. Denn ob jemand aus der Besatzung von Hauffs Roman "In blaukalter Tiefe" noch einmal den Fuß auf ein Segelboot setzt – oder die Rezensentin – ist fraglich. Interessanterweise erzählt Hauff ihre Geschichte anachronistisch, in einer kompletten Analepse, beginnt also mit dem Ende der Geschichte. Caroline ist auf dem Wochenmarkt in der Bretagne und sucht jemanden. Da erblickt sie einen Mann, der ihre Erinnerungen in Gang setzt.

"Das Holzboot legte ab und tuckerte aus dem Hafen, sie sah den Mann im Profil: bewegungslos wie eine Statue stand er am Ruder und steuerte das Boot aus der Bucht. Caroline umklammerte den Einkaufskorb. Seine Hand, die eine feuchte Haarsträhne aus ihrer Stirn strich. Er konnte es nicht gewesen sein. Weil er tot war."

Spoileralarm auf Seite fünf? Paradoxerweise wird so die Spannung erhöht. Denn jetzt erwartet man auf den nächsten 280 Seiten die Katastrophe, die zwar kommt, aber doch ganz anders als gedacht. Nichts in diesem Roman ist im ersten Moment wie erwartet. Blaukalt? Eher sommerlich warm. Urlaubsstimmung? Fehlanzeige. Es folgt ein Rückblick sechs Wochen zurück – an Bord der Querelle mit Fahrt in die schwedischen Schären.

"Das Schiff war ein Traum. Die Querelle war schmal, elegant, windschnittig. Ein schneeweißes Rassepferd, das nervös an den Leinen zerrte, ungeduldig, endlich loszupreschen."

An Bord sind zum einen Caroline und Andreas, zwei erfolgreiche Workaholics, die mit dem sommerlichen Segeltörn frischen Wind in ihre Beziehung bringen wollen. Da sind außerdem Tanja und Daniel, Andreas’ Anwaltskollege, der hoch hinaus will und sich mit dem Trip einen Karrieresprung zum Kanzleipartner erhofft. Und da ist der Skipper Eric, attraktiv und mysteriös, der die Crew durch teilweise gefährliche Gewässer steuern soll.

"'Den nächsten Felsen, den kleinen da vorn, lässt du an Steuerbord.’ Er wirkte hochkonzentriert, unablässig sprang sein Blick zwischen dem Plotter, den Begrenzungstonnen und den Felsen im Wasser hin und her. Einige waren tückisch, weil nur einzelne dunkle Zacken über die Wasserlinie ragten."

Kaum haben die fünf die Küste verlassen und die ersten Flaschen Crémant geleert, bröckeln die auf Hochglanz polierten Fassaden. Man könnte sie auch als verwöhnte Snobs bezeichnen. Ziemlich reich und ziemlich arrogant. Ein Scheinheiligenquartett wie im Theaterstück "Der Gott des Gemetzels". Klar, dass hier Egos aufeinanderprallen. Kapitelweise und erzählerisch durchaus geschickt fokussiert die Erzählstimme jeweils einen anderen Protagonisten.

"Caroline konnte sich nicht vorstellen, dass sie sympathisch auf ihn wirkten. Nicht Andreas mit seinem jovialen und jetzt komplett merkwürdigen Verhalten, nicht Daniel, der Overarchiever, nicht Tanja mit ihrer Beflissenheit, nur ja alles richtig zu machen. Nicht mal sie selbst."

Aus der Fahrt durch die Idylle wird zunehmend ein Höllentrip, denn die ungewohnte Nähe bringt verborgene Konflikte an die Oberfläche. In einer klassischen Klimaxstruktur wird die See immer rauer, die Manöver immer gefährlicher und die Stimmung an Bord immer aggressiver. Bis vor lauter Wut und Vorwürfen eine fatale Fehlentscheidung getroffen wird.

"Die Querelle schwankte. Daniel lauschte der Naturgewalt draußen. Er konnte sich schon nicht mehr erinnern, wie sich das anfühlte. Stille. Er spürte die Wut der Brandung. Wie sie über Felsen rollte, dunkle, von Algen bewachsene Steine, die unter Wasser lauern."

Kristina Hauff ist das Pseudonym der Krimi-Autorin Susanne Kliem. Sie war einst Pressereferentin für Fernsehserien von ARD und ZDF. "In blaukalter Tiefe" kommt literarisch leider auch nicht über ein Inga-Lindström-Spielfilm hinaus. Die Story ist auf Spannung getrimmt und daher sehr handlungsgetrieben, mit vielen Dialogen.

Doch die Sprache ist zu saftig und der Roman klischiert erzählt – eher aus der Kategorie ‚seichte Unterhaltung‘. Trotzdem oder gerade deshalb gut möglich, dass sich viele gerne von der Querelle in kriminell kurzweiliger Lektüre auf gefährliche Gewässer treiben lassen. Mast- und Schotbruch für alle, die sich danach noch auf ein Segelboot trauen.