Buchcover: "Tamons Geschichte" von Seishû Hase

"Tamons Geschichte" von Seishû Hase

Stand: 19.02.2022, 16:33 Uhr

Ein streunender Schäferhund und seine abenteuerliche Reise durchs ländliche Japan. Alle, die ihn treffen, werden von dieser Begegnung verändert. Doch wo liegt sein Ziel? Eine Rezension von Corinne Orlowski.

Seishû Hase: Tamons Geschichte
Aus dem Japanischen von Luise Steggewentz.
Hoffmann & Campe Verlag, 2022.
288 Seiten, 24 Euro.

"Tamons Geschichte" von Seishû Hase

Lesestoff – neue Bücher 21.02.2022 05:37 Min. Verfügbar bis 21.02.2023 WDR Online Von Corinne Orlowski


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Eine abenteuerliche Reise beginnt

Tamon ist ein Hund wie aus dem Bilderbuch: treu, intelligent, sanftmütig und selbstbewusst, ein Schäferhundmischling aus dem Norden Japans. Als seine Besitzer bei der verheerenden Tsunami-Katastrophe 2011 ums Leben kommen, begibt er sich auf eine abenteuerliche Reise. Sein Ziel hat er genau vor Augen.

Allerdings wird er für die Strecke von etwa 1500 Kilometern quer durchs Land ganze fünf Jahre brauchen. Als erstes trifft ihn der junge Tagelöhner Kazumasa.

"Am Rande des Parkplatzes saß ein Hund. Er trug ein Halsband, war aber nicht angeleint. Der Hund hatte ein kluges Gesicht, machte jedoch einen ausgezehrten Eindruck. Wenn sich niemand seiner annehmen würde, würde man ihn bestimmt einschläfern lassen. 'Spring rein!', rief er. Der Hund stürmte zum Auto und sprang hinein. Er nahm seelenruhig Platz, als gehörte er schon immer hierher."

Den Blick nach Süden gerichtet

Tamons besonderen Charakter erkennen die Menschen sofort. Er ist äußerst gut darin, Gesichter und Gefühle zu lesen. Allerdings verhält er sich merkwürdig. Ganz eindeutig. Sein Blick ist immer nach Süden gerichtet. Als Kazumasa bei einem Überfall ums Leben kommt, zieht Tamon weiter. Bis er sein Ziel erreicht, wird er insgesamt sechsmal seine Besitzer wechseln.

Zuverlässig taucht er bei denen auf, die einsam sind, die gute Herzen haben, aber große Laster: darunter ein Dieb, eine Prostituierte, ein krebskranker Jäger oder ein junges unglückliches Ehepaar.

"Dieser Hund gehörte ihr nicht. Sie hätte ihn auch einfach den Ärzten überlassen können. Er konnte ihr schon dankbar sein, dass sie ihn überhaupt dorthin gebracht hatte. Aber es lies Miwa nicht los, dass sie ihm zu jener Zeit an jenem Ort begegnet war. Und dann waren da noch die Augen des Hundes. Obwohl er lebensbedrohlich verletzt gewesen war und Miwa um Hilfe angefleht hatte, hatte sein Blick Ruhe ausgestrahlt. Miwa wollte wissen, warum er sie so angesehen hatte."

Eine moderne Fabel

Seishû Hase erzählt mit "Tamons Geschichte" eine moderne Fabel, durchaus mit erhobenem Zeigefinger. Denn alle, die Tamon treffen, werden von dieser Begegnung verändert. Jedes Kapitel schildert eine Begegnung, die stets nach dem gleichen Prinzip funktioniert: Es beginnt mit dem überraschenden Aufeinandertreffen, es entwickelt sich eine Freundschaft und schließlich folgt das tragische Ende des Besitzers.

Und die Moral von der Geschicht’? Das wird wohl jeder Hundeliebhaber bestätigen: Mit einem tierischen Begleiter lässt sich die Tragik des Seins besser aushalten.

"Tamon? Was ist das für ein Name? Er stand auf seinem Halsband. 'Tamon' wie die buddhistische Gottheit 'Tamonten'. Die Schriftzeichen sind dieselben."

Zuversicht auf vier Beinen

Tamonten ist einer der sieben buddhistischen Glücksgötter, Schutzpatron der Krieger, einer, der alles sieht und immer zuhört. In Japan war der Roman mit einer Viertelmillion verkaufter Exemplare ein Kassenschlager. Vielleicht auch, weil Tamon vor dem Hintergrund der Tsunami-Katastrophe 2011, mit dem Super-GAU von Fukushima im Norden, in Richtung Süden unterwegs ist. Dorthin, wo 2016 das Kumamoto-Erdbeben alles verwüstete.

Wo er auf seinem Weg auch landet: Tamon spendet Zuversicht. Und in dieser Funktion, mit seiner unerschütterlichen Treue, erinnert er an den wohl berühmtesten Vierbeiner Japans: Hachiko, der in den 1920er Jahren jeden Tag zur selben Zeit sein Herrchen am Bahnhof erwartete, auch noch, als der schon lange tot war, und der die Japaner so sehr berührte, dass ihm noch zu Lebzeiten eine Bronzestatue auf dem Bahnhofsvorplatz in Shibuya, Tokio, gewidmet wurde.

Taschentücher bereithalten

Auch "Tamons Geschichte" will merklich eines: rühren bis zum Taschentuch. Und das wird der ein oder andere zücken müssen, wenn der Hund schließlich sein Ziel erreicht. Leider erzählt Seishû Hase wenig atmosphärisch, mit etlichen Redundanzen und mit reichlich Kitsch und Pathos.

Es ist fraglich, ob Tamon hierzulande genau so breiten Erfolg haben wird, wie in seiner japanischen Heimat. Außer vielleicht in Kreisen  eingefleischter Hundeliebhaber.