Ariana Harwicz - Stirb doch, Liebling

Ariana Harwicz - Stirb doch, Liebster

Ariana Harwicz - Stirb doch, Liebling

Von Tobias Wenzel

Das Dorfleben in einem anderen Land und die eigene Familie – alles erscheint der weiblichen Hauptfigur in Ariana Harwicz‘ Debütroman so fremd, dass sie kurz vorm Durchdrehen ist.

Ariana Harwicz
Stirb doch, Liebling

Aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz
C.H. Beck, München 2019
126 Seiten
18,95 Euro

Die Idiotin des Dorfs

Am Anfang des Debütromans von Ariana Harwicz stand eine intensive Erfahrung, die die argentinische Autorin in einem winzigen Dorf an der Loire gemacht hat, nur wenige Kilometer von ihrem jetzigen Wohnort entfernt:

"Ich war die Fremde, die Idiotin des Dorfs, die einzige, die Französisch mit einem seltsamen Akzent gesprochen hat. Ich habe mich wie eingesperrt gefühlt, ein bisschen wie in diesem Dorf hier, nur war es dort noch viel ländlicher und extremer. Auf mich hatte das eine beklemmende Wirkung. Und eines Tages habe ich dann angefangen zu schreiben, eine Art Tagebuch meiner Beklemmung. Und daraus ist dann ein Redeschwall entstanden, der Prosatext "Stirb doch, Liebling"."

Ariana Harwicz - Stirb doch, Liebling

WDR 3 Mosaik 05.06.2019 05:03 Min. WDR 3

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Töten würde ich sie nicht.

So fühlt sich auch die weibliche Hauptfigur des Romans fehl am Platz in der Provinz eines Landes, das nicht ihr eigenes ist. Sie scheint kurz vorm Durchzudrehen zu sein:

"Ich legte mich auf das Gras zwischen umgestürzten Bäumen, und die Sonne, die auf meiner Handfläche brannte, gab mir das Gefühl, ein Messer zu halten – ein flinker Schnitt in die Halsschlagader, und ich werde verbluten. Hinter mir, vor der Kulisse eines leicht heruntergekommenen Hauses, hörte ich die Stimmen von meinem Sohn und meinem Mann. Beide nackt, planschten sie im dem blauen Plastikbecken, das Wasser bei fünfunddreißig Grad. Es war der Sonntag vor einem Feiertag. Ich lag wenige Schritte von ihnen entfernt, im Gestrüpp versteckt. Ich belauerte sie. Wie konnte es sein, dass ich, eine schwache, gestörte Frau, die von einem Messer in der Hand träumte, Mutter und Ehefrau dieser beiden Wesen war? Was würde ich tun? Ich verbarg meinen Körper, presste mich in die Erde. Töten würde ich sie nicht. Ich ließ das Messer fallen."

Tragikomödie und bitterböse Abrechnung

Ariana Harwicz

Ariana Harwicz

Die Ich-Erzählerin versucht sich in der Rolle der braven Ehefrau und liebevollen Mutter, aber in ihrem Kopf wüten weiter die Zerstörungsphantasien. Weil sie psychisch krank ist? Oder vielmehr, weil das Dorf sie mit seinen spießigen Auswüchsen krank macht? Der Schwiegervater überprüft die Stimmigkeit der Kassenbons mit dem Taschenrechner. Die junge Frau und zweifache Mutter und ihr Mann schlafen getrennt, Affären und Eifersucht machen alles nur noch schlimmer. „Stirb doch, Liebling“ ist eine sprachlich fulminante Tragikomödie und eine bitterböse Abrechnung mit einer gescheiterten Ehe in der Provinz:

"Ich habe immer gesagt: An dem Tag, an dem sie, mein Mann und meine Schwiegereltern, den Roman lesen, reiche ich die Scheidung ein. Sie haben ihn bisher nicht lesen können, weil er noch nicht auf Französisch erschienen ist. Und ich bin jetzt schon geschieden. Sie haben aber doch Passagen des Romans gelesen, allerdings nur mit Hilfe des Google-Übersetzers. Wahrscheinlich hat der mein Buch von den Metaphern und dem Humor befreit und alles wörtlich wiedergegeben. Ich glaube, deshalb ist es zur Scheidung bekommen. Der Google-Übersetzer ist der Schuldige!"

Ein bewundernswertes, erfrischend radikales Debüt

Dagmar Ploetz, die herausragende Übersetzerin der Werke von Gabriel García Márquez, hat zwar „Stirb doch, Liebling“ gut ins Deutsche übertragen, allerdings vermisst man hier und da etwas den rotzigen Ton des spanischsprachigen Originals, was auch daran liegen könnte, das Harwicz mehr als dreißig Jahre jünger ist als ihre Übersetzerin. Die Komik in Harwicz‘ Debütroman, dem Auftakt zu einer Art Dorftrilogie, entsteht meist dadurch, dass die Hauptfigur den schönen Schein zu wahren versucht, aber in Gedanken ihren Mann und die Dorfbewohner verachtet. Manchmal werden ihre Fantasien allerdings Wirklichkeit.

"An den Tagen, an denen mein Mann auf Reisen ist, setze ich, bei sommerlicher Hitze, ein Plastikbaby auf den Rücksitz. Ich habe meinen Spaß daran, zu beobachten, wie viele Nachbarn oder Staatsbedienstete in Aufregung geraten. Ich freue mich daran, wie sie als gute Mitbürger reagieren, Helden, die das Autofenster zerschlagen wollen, um das Kindchen vorm Erstickungstod zu retten. Es macht mir Laune, den Feuerwehrwagen mit schrillender Sirene ins Dorf fahren zu sehen. Alles Unterbelichtete. Und wenn ich bei gefühlten vierzig Grad mein Baby im Auto lassen will, dann tu ich das."

Ariana Harwicz ist ein bewundernswertes, erfrischend radikales Debüt gelungen, das seine Kraft aus der Verachtung zieht, die die Autorin für ihre Umgebung empfunden hat:

"Ich fühle mich der Literatur des Hasses und ihren Autoren zugehörig. Der Hass ist beim Schreiben viel produktiver als die Liebe."

Stand: 04.06.2019, 13:58