Hartmut Lange - Der Lichthof

Hartmut Lange - Der Lichthof

Hartmut Lange - Der Lichthof

Von Ulrich Rüdenauer

Staunen und Schaudern: Hartmut Lange legt einen neuen Band mit meisterhaften Novellen vor.

Hartmut Lange
Der Lichthof

Diogenes, Zürich 2020
95 Seiten
22 Euro

"Die Wahrheit liegt im Verschwinden"

Das ist eine Sentenz aus einer früheren Novelle Hartmut Langes. Man könnte diesen Satz auch in einem seiner jüngsten Texte finden: Da ist ein alternder Schauspieler, der seinen verfallenden Körper im Spiegel wie ein Unheil betrachtet, das ihm zustößt. Mit den ihm anvertrauten Rollen kommt er immer weniger zurecht. Weder körperlich ist er den Herausforderungen des Theaters mehr gewachsen noch scheint er ein Verständnis für seine Figuren aufzubringen. Ibsens Drama „Die Frau vom Meer“ bereitet ihm besondere Schwierigkeiten. Mit Billigung des Regisseurs reist er an die Nordsee, um dort ein Gefühl für das Wesen des Stückes zu bekommen. Das gelingt zunächst nicht. Erst beim zweiten Besuch auf Sylt scheint er eine Übereinstimmung zwischen seinem Alter, der Rolle und seiner ihn zur letzten Konsequenz zwingenden Phantasie herstellen zu können.

"Dieses Mal gefiel ihm der Wetterwechsel, der sich am Horizont vollzog. Da war die schwarze Wolkenwand, in der es ständig blitzte, und Gruber war klar, dass er sich jetzt, vor Einbruch der Dunkelheit, entscheiden musste. Würde es ihm gelingen, ohne Alkohol und ohne Tabletten, sozusagen mit klarem Kopf, das zu tun, was er sich vorgenommen hatte?
Er verließ den Strand, ging aufs offene Meer zu, fest davon überzeugt, dass hier, um Ibsens Stück zu spielen, kein Hindernis nötig war, und während die Wolkenwand näher kam und man in dem Aufleuchten der Blitze erkennen konnte, dass das Wasser, weil die Flut zurückkehrte, überall anstieg, ging Thorsten Gruber weiter, immer nur weiter, bis man ihn aus den Augen verlor."

Hartmut Lange: "Der Lichthof"

WDR 3 Buchkritik 25.02.2020 04:39 Min. Verfügbar bis 24.02.2021 WDR 3

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"Der Weg zum Meer"

Eine von vier neuen, kurzen Novellen Hartmut Langes, und es ist auch in ihr das Wundersame respektive Rätselhafte präsent, das alle Texte dieses Autors auszeichnet: Aus der Harmlosigkeit des Erzählens, diesem ruhigen, fast schon skrupulös unspektakulären Ton, schält sich plötzlich etwas Unergründliches heraus. Ein Geheimnis, das seine Protagonisten aus der Bahn wirft – oder zum Verschwinden bringt. Es ist wie mit dem Meer: Blickt man vom Strand her darauf, vermag man eine sanfte, mitunter stürmische Oberfläche wahrzunehmen. Begibt man sich aber hinein, ist da ein unermesslicher Abgrund, eine Schwärze, ein unterseeisches Treiben, gefährliche Strömungen und Wesen, die noch kein Mensch zu Gesicht bekommen hat. Geister, die den Banalitäten des Alltags etwas Transzendentes hinzufügen. Und uns in Angst und Schrecken versetzen können.

Hartmut Lange

Hartmut Lange

Die Schrecknisse im Trivialen spürt Hartmut Lange immer wieder auf. In der Titelgeschichte „Der Lichthof“ zieht ein Paar in eine neue, großzügige Wohnung. Der Blick in den Lichthof irritiert die Frau allerdings. Etwas Beängstigendes liegt darin. Es ist ein Menetekel. Sie besteht darauf, die Fenster abzuhängen. Und doch geschehen seltsame Dinge, die mit diesem Schauen ins Ungewisse zu tun zu haben scheinen; und die Seltsamkeit mündet in das ganz unvorhergesehene Ende der Beziehung zwischen den beiden. Der Lichthof ist wie das Meer: tief, dunkel und bedrohlich.

"Wo ein Himmel ist, ist auch eine Hölle, dachte Hannelore und sah, dass es zu regnen begann und dass der Wind das Wasser gegen die Fensterscheiben peitschte, und besonders der Lichthof wirkte, da man den gerafften Stoff, der die Sicht verdeckte, entfernt hatte, wie ein aufgewühlter Abgrund. Da waren die zerbröckelnden Wände, fünf Stockwerke hoch und sieben Meter im Quadrat, an denen das Wasser in Sturzbächen in die Tiefe lief. Die Tür ins Parterre, wo früher einmal der Dienstboteneingang war, hatte man zugemauert. Damit hatte niemand mehr Zutritt zum Hof. Es sei denn, er benutzte das Fenster."

In eigener Sache

Abgeschlossen wird das Buch nicht durch eine Novelle, sondern einen autobiographischen Text, der doch mit seiner literarischen Arbeit korrespondiert: „In eigener Sache“. Hartmut Lange erzählt darin, wie er es auch in Interviews schon tat, von Begebenheiten seiner Kindheit: vom Staunen vor dem Weihnachtsbaum, vom Besuch zweier mit dem Vater befreundeter SS-Männer kurz vorm Ende des Krieges, vom Brennen benachbarter Höfe, von der Erschießung des Vaters, vom Tod des Bruders, von der Flucht.

"Die Umstände, in die ich mich verwickelt sah, so absurd und unvereinbar sie sich dem kindlichen Gemüt auch darboten, sie konnten mich lediglich irritieren, und dies ist eine sonderbare Erfahrung: dass ich mich auch der schrecklichsten Einzelheiten gern erinnere."

Vielleicht liegt diese Erfahrung all seinen fulminanten Prosastücken zugrunde: Dass die Schrecknisse des Geschehenen durch den Akt des Erinnerns stets auch etwas Lustvolles annehmen; dass im Erzählen des Absurden eine Form geschaffen wird, die es erträglich macht.

Stand: 23.02.2020, 17:33