Buchcover: "Königsmörder" von Robert Harris

"Königsmörder" von Robert Harris

Stand: 24.11.2022, 12:00 Uhr

England, 1660. König Karl II. verzeiht den meisten seiner Untertanen. Sie hatten sich am Sturz seines Vaters beteiligt. Nur auf die eigentlichen Täter, die den alten König öffentlich hingerichtet hatten, wird unerbittlich die Jagd eröffnet. David Eisermann über Robert Harris' neuen Roman "Königsmörder".

Robert Harris: Königsmörder
Übersetzt von Wolfgang Müller.
Heyne Verlag, 2022.
544 Seiten, 24 Euro.

"Königsmörder" von Robert Harris

Lesestoff – neue Bücher 24.11.2022 05:28 Min. Verfügbar bis 24.11.2023 WDR Online Von David Eisermann


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König Karl vor Gericht

Ihren ersten König names Charles haben die Engländer vor Gericht gestellt. Das war im 17. Jahrhundert. Der Name des englischen Königs wurde eingedeutscht zu "Karl I." In der Geschichtswissenschaft blieb das auch so – bis heute.

Der Vorwurf: König Karl habe versucht, ohne das mächtige englische Parlament zu regieren. Auch wurde ihm nachgesagt, zu verständnisvoll und nachsichtig gegenüber den Katholiken zu sein. Aus Sicht radikaler englischer Protestanten war das eine Art Staatsverbrechen. Entsprechend wurde König Karl vom Parlament zum Tode verurteilt:

"Es vergingen ein paar Augenblicke, dann machte der König eine Geste mit seinen Händen, eine kurze, anmutige Bewegung, als wollte er zu einem Kopfsprung ansetzen, und das Beil fuhr mit solcher Wucht herab, daß der Hieb in der Stille über ganz Whitehall hinweg zu hören war."

Die Monarchie wurde abgeschafft

So beschreibt Robert Harris in seinem neuen Roman, wie die Engländer ihren König einst öffentlich köpfen ließen – anderthalb Jahrhunderte, bevor die Franzosen auf den Einfall kamen. Danach gab es in Großbritannien lange Jahre keine Monarchie mehr. "Die Leute haben vergessen, daß wir die Monarchie schon einmal abgeschafft haben", sagt Robert Harris dazu.

Er gilt als einer der erfolgreichsten und angesehensten Schriftsteller des Vereinigten Königreichs. Stoffe und Figuren seiner Romane bezieht er aus der Geschichte. Dabei interessiert ihn daran stets das Politische: wie wurde früher Herrschaft ausgeübt? Wie entstand die Praxis der parlamentarischen Verfassungsdemokratie westlichen Typs? Harris war ursprünglich Politikjournalist bei der BBC sowie beim Observer, bei der Sunday Times und beim Daily Telegraph. Sein neues Buch heißt in der deutschen Übersetzung "Königsmörder".

"Der Henker, der nach wie vor das Beil in der einen Hand hielt, packte mit der anderen den Kopf an den Haaren, ging an den Rand des Gerüsts und zeigte der Menge das Gesicht des Königs. Er rief etwas, aber seine Worte verloren sich im lauten Gebrüll der Zuschauer, eine Mischung aus Jubel, Grauen und Bestürzung."

Jagd auf die Königsmörder

Der Anführer der radikalen Protestanten, Oliver Cromwell, herrschte als "Lord Protector" über die englische Republik. Nach seinem Tod setzten sich die Royalisten wieder durch. Das Parlament berief den Sohn des hingerichteten Königs. Mit ihm sind wir dann bei Charles Nummer zwei angelangt. Karl II., wie er auf deutsch genannt wurde, einigte sich mit dem Parlament auf ein Gesetz, den "Act of Oblivion". So heißt Harris’ Roman auch im Original.

Nach außen eine Art Schwamm-drüber-Gesetz, mit dem der neue König Karl den meisten seiner Untertanen verzieh, die sich am Sturz seines Vaters beteiligt hatten. Nach innen: gnadenloser Terror. Denn auf die eigentlichen Täter, die den alten Charles öffentlich hingerichtet hatten, wurde unerbittlich die Jagd eröffnet.

Den Ermittler, der sie für den Kronrat aufspüren soll, hat Robert Harris nur als Schattenriß in den erhaltenen Dokumenten ausmachen können. In seinem Roman gibt er ihm einen Namen: Richard Nayler. Nayler findet das schriftliche Urteil, unterschrieben von den "Königsmördern".

"Was er in Händen hielt, war ein albernes kleines, gut spannengroßes Etwas, das wie die zusammengerollte Kaufurkunde für ein Pferd oder ein Faß Wein aussah und mit einem zerfransten schwarzen Band zusammengebunden war. Allerdings war es für seine Größe vielversprechend schwer. Pergament, kein Papier. Richard Nayler wog es in der Hand, ging damit zum Fenster, löste in dem trüben Licht das Band und entrollte es zu seiner ganzen Breite von zwei Spannen: das Todesurteil für Charles Stuart, König von England, Schottland und Irland [...] Er zählte die Unterschriften auf dem Todesurteil und kam auf neunundfünfzig."

Flucht nach Nordamerika

Viele derer, die das Todesurteil für Karl I. unterschrieben hatten, werden auf schier entsetzliche und grauenhafte Weise öffentlich hingerichtet, während der neue König Karl II. aus einer Art Loge interessiert zuschaut.

Zwei der "Königsmörder" allerdings entfliehen nach Neuengland - in die neuen englischen Kolonien in Nordamerika. Beide Männer waren angesehene Soldaten. Ein Amerikaner aus Massachusetts, der von England nach Amerika zurückkehrt, nimmt sie mit zu sich nach Hause.

"'Mary', sagte Gookin. 'Das sind zwei gute Freunde, die mich auf der Überfahrt begleitet haben. Oberst Edward Whalley und sein Schwiegersohn Oberst William Goffe.' 'Es freut mich, Euch kennenzulernen, Mrs. Gookin', sagte Whalley. Schließlich waren die Männer im Haus verschwunden. 'Dann sind sie also keine Besucher aus England, sondern Flüchtlinge?' fragte Mary ihren Mann. Gookin nahm sich Zeit für seine Antwort. Dann sagte er leise: 'Sie haben den König getötet'."

Zwischen Fiktion und historischer Überlieferung

Wie der Beauftragte des Kronrats, Richard Nayler, die letzten "Königsmörder" bis tief in die Wälder der Neuen Welt verfolgt – das macht den eigentlichen Erzählbogen des Romans aus. Robert Harris versteht sich wie kein Zweiter darauf, darüber nicht allein spannend, sondern klug zu schreiben - mit viel Überzeugungskraft.

"Das Erfinden läßt die Wahrheit hervortreten", hat Daniel Kehlmann unlängst formuliert, als er vom Verhältnis der literarischen Vorstellung zur historischen Überlieferung sprach. Robert Harris ist das in seinem neuen Roman wieder einmal gelungen.