Robert Harris - Der zweite Schlaf

Robert Harris, Der zweite Schlaf

Robert Harris - Der zweite Schlaf

Von David Eisermann

Ursprünglich Politikjournalist, hat Robert Harris sich mit historischen Romanen und Thrillern beträchtliches Ansehen erworben. Sein neues Buch: eine Attacke auf den Zustand Englands – die Vision eines neuen Mittelalters als Post-Brexit-Dystopie.

Robert Harris
Der zweite Schlaf

Aus dem Englischen von Wolfgang Müller
Heyne Verlag, München 2019
416 Seiten
22 Euro

Robert Harris: "Der zweite Schlaf"

WDR 3 Buchkritik 20.01.2020 05:40 Min. Verfügbar bis 19.01.2021 WDR 3

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Ein Land, das meint, in der Moderne zu leben

In seinem neuen Roman entlarvt Robert Harris England als ein Land, das meint, in der Moderne zu leben, in Wahrheit aber – zumindest geistig – noch im Mittelalter steckt. Robert Harris selbst sagt, er habe diese Idee schon lange vor der Brexit-Abstimmung gehabt und sie so lange aufbewahrt, bis der richtige Moment dafür gekommen schien. Plötzlich sprach man in London über die Konsequenzen eines Brexits, über Notfallpläne und eine fehlende Versorgung mit Medikamenten und Nahrungsmitteln. Aus der Sicht von Robert Harris ist England auf ungute Weise von seiner eigenen Vergangenheit fasziniert. Das britische Empire hatte seinen Zenit schon vor dem Zweiten Weltkrieg überschritten. Seitdem haben sich viele Briten wie hilflose Zeugen eines unaufhaltsamen Abstiegs gefühlt. Der Brexit, so Harris, sei Ausdruck des Traums von einer ruhmreichen Vergangenheit, eines Traums von Unabhängigkeit und allgemeiner Überlegenheit. Die Ironie dabei sei, daß der Weg, den Großbritannien seitdem zurückgelegt hat, das Gegenteil beweise. Britische Tugenden wie Pragmatismus, stabile Institutionen und ein Sinn für Humor gehen verloren. Im Roman erleben wir England nach der großen Katastrophe: ein klerikales Regime regelt das gesellschaftliche Leben. Der junge Priester Fairfax wird vom Bischof von Exeter in ein kleines Dorf entsandt, um dort die Beisetzung des mysteriös verstorbenen Pfarrers zu regeln.

"Noch nie hatte er einen solchen Leichnam zu Gesicht bekommen. Die Nase war gebrochen, die Augenhöhlen blutunterlaufen. Quer über der Stirn klaffte ein tiefer Riß. Das rechte, zerfetzte Ohr sah aus, als hätte es jemand halb abgebissen. Man hatte sich bemüht, die Entstellungen unter weißem Bleierzpulver zu verbergen, dennoch schimmerten die Wunden grünlich durch. Die Wirkung war grotesk. [Der Pfarrer] trug keinen Bart; lediglich graue Stoppeln bedeckten sein Gesicht, was für einen Geistlichen ungewöhnlich war."

Zerreißprobe

Die allgewaltige Kirche, die Church of England, ist streng darauf bedacht, allen Irrwegen entgegenzusteuern. Je tiefer der junge Fairfax jedoch in die Geheimnisse der abweisenden Dörfler eindringt, desto mehr werden seine festen Vorstellungen – von sich selbst, seinem Glauben und der wahren Geschichte seiner Welt – auf die Zerreißprobe gestellt.

"Am Spätnachmittag des neunten Tages im April des Jahres Unseres Auferstandenen Herrn 1468, einem Dienstag, suchte ein einsamer Reiter seinen Weg. Sollten Sorgen die Züge des jungen Mannes verdunkelt haben, so hatte er zugegebenermaßen allen Grund dazu. Seit mehr als einer Stunde war er in der wilden altertümlichen Moorlandschaft im Südwesten Englands, die seit den Tagen der Sachsen als Wessex bekannt war, keiner Menschenseele mehr begegnet. Es würde bald dämmern, und wer nach Beginn der Sperrstunde im Freien aufgegriffen wurde, lief Gefahr, die Nacht im Kerker zu verbringen."

"Erster Schlaf" und "zweiter Schlaf"

Robert Harris

Robert Harris

So, wie Robert Harris sich das Leben in einem neuen Mittelalter ausmalt, sind die Menschen zu einem zweiphasigen Schlaf zurückgekehrt, wie er vor der industriellen Revolution üblich war.

Für die meisten Menschen waren die Nächte in zwei Schafabschnitte unterteilt.

Der erste Abschnitt wurde als "erster Schlaf" bezeichnet, dann folgte – vor dem "zweiten Schlaf" – eine Wachphase, in der sich unser junger Priester Fairfax nachts im Pfarrhaus umsieht.

"Er hielt die Flamme näher an die Buchrücken – Protokolle und Schriften der Gesellschaft für Altertumsforschung. Augenblicklich war er hellwach. Obwohl er zur Zeit der Prozesse noch ein Knabe gewesen war, erkannte er den Namen sofort. Die Gesellschaft war für ketzerisch erklärt, ihre Mitglieder eingesperrt, ihre Publikationen beschlagnahmt und öffentlich verbrannt und die bloße Benutzung des Wortes Altertumsforschung verboten worden."

Eine Sammlung verbotener Dinge

Hat eine verbotene archäologische Leidenschaft zum Tod des alten Pfarrers geführt? In Der Zweite Schlaf bekämpft die Kirche jedes Wissen über die Vergangenheit und erklärt schon den Besitz von Artefakten aus der Zeit vor der großen Katastrophe für illegal. Nachts im Pfarrhaus stößt Fairfax auf eine große Sammlung dieser verbotenen Dinge:

"Münzen und Plastikbanknoten aus dem Elisabethanischen Zeitalter, Schlüssel, Ringe aus Gold, Kugelschreiber, Glasgeschirr, ein Souvenirteller anlässlich einer königlichen Hochzeit, schmale Blechdosen, ein Bündel Plastiktrinkhalme, eine Plastikwindel mit ausgebleichten Bildern von Störchen mit Säuglingen im Schnabel, weißes Plastikbesteck, Plastikflaschen jeder Form und Art, zusammengesteckte Plastikbauklötzchen in leuchtendem Gelb und Rot, eine Spule mit grünblauer Angelschnur aus Plastik, eine fleischfarbene Plastikpuppe ohne Augen und – im obersten Bord auf einem durchsichtigen Plastikständer – offenbar der Stolz der Sammlung: eines jener Geräte, die von den Vorfahren benutzt wurden, um sich sich auszutauschen."

Das endgültige Symbol für die Hybris und Blasphemie der Vorfahren

Der Cyberkrieg, so Robert Harris, sei heute schon Realität. Sobald er außer Kontrolle gerät, hätte er dieselben Konsequenzen wie der Krieg, den wir kennen. Fällt alles erst einmal weg, was heute digital gesteuert wird, bricht sich eine Kaskade Bahn, die alles mitreißt – vom Geldverkehr bis zu Telefonie, Stromversorgung und der Versorgung mit Wasser, Lebensmitteln und Medikamenten. Als Symbol der Verfehlungen einer wissenschaftsgläubigen Vergangenheit erscheint das Smartphone:

"Fairfax hatte schon Fragmente davon gesehen, aber noch nie ein so perfekt erhaltenes Exemplar. [...] Er drückte auf den Knopf auf der Vorderseite, als könnte es wie durch ein Wunder zum Leben erwachen, aber die glänzende Oberfläche blieb entschieden schwarz und tot. Er konnte lediglich das im Kerzenschein geisterhafte Spiegelbild seines Gesichts sehen. Er drehte sich um. Auf der Rückseite prangte das endgültige Symbol für die Hybris und Blasphemie der Vorfahren – ein angebissener Apfel."

Ein dystopischer Thriller

Robert Harris erinnert an erste Pläne der britischen Regierung für eine Notversorgung mit Lebensmitteln im Fall einer großen Krise. Kein Zufall also, daß er sich 2019 entschieden habe, dieses Buch zu schreiben – einen dystopischen Thriller, in dem auf politisch-satirische Weise Trends aus unserer Gegenwart auf die Spitze getrieben würden, bis zu ihrem logischen Schluss, der absurd erscheinen möge, aber doch genug Wahrscheinlichkeit enthielte, um zu überzeugen. Höchst lesenswert, glänzend geschrieben, gleichzeitig amüsant und schockierend, soviel lässt sich sagen, ist Der Zweite Schlaf allemal.

Stand: 19.01.2020, 19:58