Erik Fosnes Hansen - Ein Hummerleben

Erik Fosnes Hansen - Ein Hummerleben

Erik Fosnes Hansen - Ein Hummerleben

Von Andrea Gerk

Komödie, Tragödie und zarte Liebesgeschichte zugleich - mit großer Fabulierlust erzählt der norwegische Bestsellerautor Erik Fosnes Hansen in seinem neuen Roman "Ein Hummerleben" vom Niedergang eines mondänen Berghotels in den 1980er Jahren.

Erik Fosnes Hansen
Ein Hummerleben

Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019
384 Seiten
24 Euro

Das Berghotel Favnesheim

Ein elegantes Ski-Hotel im norwegischen Gebirge Anfang der 1980er Jahre ist der Schauplatz von Erik Fosnes Hansens neuem Roman "Ein Hummerleben". Hier wächst der 14-jährige Sedd bei seinen Großeltern auf, die viel Wert auf Stil und Etikette legen und ihren Enkel als Laufburschen, Küchenjungen oder Angel-Touren-Betreuer selbstverständlich ins Hotelfach einführen. Denn auch wenn es anfangs nicht so aussieht, wenn Minigolfanlage, Schwimmbad und Hochzeitsfeiern noch gut gebucht und frequentiert erscheinen, steckt die Branche in der Krise. Die Leute reisen längst lieber in den Süden als ins schicke, aber abgelegene Berghotel Favnesheim:

"Es ist eigentlich die Geschichte einer Finanzkrise, in miniatur, es ist eine Komödie, es ist aber auch eine Tragödie und eigentlich eine Liebesgeschichte, die durch ihre Schüchternheit wohl sehr norwegisch ist."

Erik Fosnes Hansen - Ein Hummerleben

WDR 3 Mosaik 08.10.2019 04:50 Min. Verfügbar bis 08.10.2020 WDR 3

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Sedd und Karoline

Tatsächlich entstehen zarte Bande zwischen Sedd und der etwas jüngeren Karoline, die mit ihren Eltern einige Wochen im Hotel logiert, bis die Villa im Ort für den neuen Bankdirektor umgebaut wurde. Sein Vorgänger, dessen Loyalität das Hotel seit Jahren sein Überleben verdankt, hat sich überraschend verabschiedet - in einer grandiosen Anfangsszene, die nicht nur sein Ende, sondern das einer ganzen Ära, einläutet:

"Sie waren gerade beim Kuchen angelangt, da sackte Bankdirektor Berge am Tisch zusammen und fing an zu sterben. Es wirkte nicht echt. Er fasste sich nicht an die Brust oder an den Hals, nur seine Augen wurden groß und kugelrund, es wirkte restlos unnatürlich, künstlich, als führte er ein kleines Schauspiel auf."

Zwischen Sein und Schein

Erik Fosnes Hansen

Erik Fosnes Hansen

Als aufwendiges Schauspiel, mit originellen Haupt- und Nebenrollen, läuft auch der Hotelbetrieb noch eine ganze Weile weiter. Die temperamentvolle, aus Wien stammende Großmutter und ihr Gatte, Hoteldirektor Zachariassen, erscheinen darin wie Figuren aus längst vergangenen Zeiten, die ihre eigene Welt nicht mehr verstehen. Ihr Enkel Sedd, über dessen verschwundene Mutter und ihren geheimnisvollen Liebhaber nicht gesprochen wird, hält in unverbrüchlicher Treue zu ihnen. Dass Sedd die Diskrepanz zwischen Sein und Schein lange Zeit nicht auffällt, sowie der altklug, gewissenhafte Ton seines Berichts, machen diese Geschichte eines Niedergangs über weite Strecken zu einer ausgesprochen amüsanten Lektüre:

"Da stehen wir also. Daran erinnere ich mich genau. Bereit zum Empfang der Gäste. […] Ich selbst in meiner roten Uniform an der Tür, bereit hinauszuspringen und Gepäck jeglicher Art und Couleur entgegenzunehmen. […] Eine Sekunde bevor der Bus um die Kurve biegt, trete ich energisch, aber ohne Hast hinaus, sodass erst die gesamte Steuerbord-, dann die Backbordseite des Busses sieht, was ich zu zeigen bestrebt bin: Dass man hier, in diesem Hotel in den Bergen immer noch Klasse und Ordnung pflegt, dass hier alles noch so ist wie in der guten alten Zeit, der mondänen Zeit damals in den Fünfzigern […]: kurz, hier verfügt man sogar über einen elegant uniformierten Piccolo von exotisch wirkendem Äußeren."

Ein Exot und Außenseiter

Mit seiner dunklen Hautfarbe, dem Einzigen, was Sedd von seinem aus Indien stammenden Vater geblieben ist, bleibt der Junge ein Exot, ein Außenseiter auf diesem ohnehin schon außerhalb der Gesellschaft stehenden Posten. Auch davon erzählt Erik Fosnes Hansen in diesem detailfreudigen, angenehm langsamen Roman, dessen der Autor durchaus auch etwas mit dessen eigener Kindheit zu tun hat:

"Mein Vater war Leiter eines Reisebüros und als ich noch ein Junge war, bin ich mit ihm durch ganz Südnorwegen gefahren, von Hotel zu Hotel, weil er machte Inspektionen, er wollte gern wissen, in welche Hotels sollte er seine Touristengruppen aus Düsseldorf oder Dänemark schicken, d.h. ich habe so viele von diesen altmodischen Hotels in den 70ern und frühen 80ern gesehen und diese Atmosphäre kannte ich dann eigentlich ganz gut und ich wollte sie in meinem neuen Buch wiedergeben."

Kein sentimentales Stück Nostalgie-Literatur

Atmosphärisch dicht und mit ungeheurer Fabulierlust erzählt Erik Fosnes Hansen von einer verlorenen Welt, die es scheinbar nur noch in Filmen, der Literatur und den Erinnerungen jener gibt, die sie miterlebt haben. Dass "Ein Hummerleben" dennoch kein sentimentales Stück Nostalgie-Literatur geworden ist, liegt am doppelbödigen Humor des Autors, an einer schönen Portion Ironie und an der Zeitlosigkeit des Themas – denn das Menschen zusehen müssen, wie ihr mit Hingabe geschaffenes, ureigenes Leben heillos untergeht, geschieht zu allen Zeiten, auch gerade jetzt.

Stand: 07.10.2019, 09:00