"Doppeltes Spiel" von Jörg Handstein

Buchcover: "Doppeltes Spiel. Dmitri Schostakowitsch - Eine Hörbiografie" von Jörg Handstein

"Doppeltes Spiel" von Jörg Handstein

Ein Komponistenleben im Schatten von Revolution und Diktatur. Immens intensiv zeigt das Hörbuch, wie Angst und Terror das Leben Schostakowitschs bestimmen – und wie er darauf mit seiner Musik seismographisch genau reagiert. Eine Rezension von Oliver Cech.

Jörg Handstein: Doppeltes Spiel. Dmitri Schostakowitsch 1906-1975
Erzähler: Udo Wachtveitl, Dmitri Schostakowitsch, Ulrich Matthes.
BR-Klassik, 2021.
4CDs, EUR 26,99.

"Doppeltes Spiel. Dmitri Schostakowitsch - Eine Hörbiografie" von Jörg Handstein

Lesestoff – neue Bücher 13.01.2022 04:45 Min. Verfügbar bis 13.01.2023 WDR Online Von Oliver Cech


Download

Vor der Revolution

Februar 1917, mitten im ersten Weltkrieg: Verzweifelt telegrafiert der Chef des russischen Parlaments an den Zaren um Unterstützung. Unruhen und Hungersnöte erschüttern das Land. Chaos bricht aus in Petersburg.

"Als Polizei und Militär in die Menge schießen, kommt es zum Kampf. Viele kriegsmüde Soldaten wechseln die Seite. Die Bevölkerung solidarisiert sich; die Zarentreuen unterliegen. Die Demonstration wird zur Revolution!"

"An den Oktober"

Gleich zu Anfang schafft das Hörbuch von Jörg Handstein ein historisches Tableau, das unter die Haut geht. Eher nüchtern und distanziert dokumentiert der Erzähler das Geschehen im Vorfeld der Oktoberrevolution 1917; doch die Musik zieht uns unmittelbar hinein, sie macht das Drama dieses Augenblicks emotional spürbar.

Was nicht erstaunlich ist! Denn komponiert hat diese Musik ein Augenzeuge der Ereignisse. "An den Oktober" hat Dmitri Schostakowitsch später die Sinfonie genannt; die Revolution hat er als Junge von elf Jahren hautnah miterlebt. Der Trauerzug für die Opfer des Aufstandes hat sich ihm tief eingeprägt. Seine Tante erinnert sich:

"Die Familie Schostakowitsch war unter der Menge. Die drei Kinder waren auf einen Eisenzaun geklettert, der einen alten Friedhof umgab. Die traurige Melodie erfüllte sie mit eigentümlichem Schmerz und Stolz. Als die müde Familie abends heimkam, ging Mitja zum Klavier und spielte ruhig, für lange Zeit…"

Ein Knochenjob am Klavier

In dieser Szene übernimmt die Musik eine weitere Aufgabe. Sie übermittelt nicht nur die Traurigkeit des elfjährigen Dmitri, genannt Mitja; sie lässt auch vor unserem inneren Auge den Jungen selbst am Klavier sitzen, wie in einer Filmszene! – Am Klavier sitzt Schostakowitsch erneut einige Jahre später, um sein erstes Geld zu verdienen. Er begleitet Stummfilme im Kino! Ein Knochenjob.

"Mitja saß unten vor der Leinwand. Der Schweiß floss ihm den Rücken hinunter. Mit seinen kurzsichtigen Augen hinter einer dicken Hornbrille verfolgte er aufmerksam das Filmgeschehen und hämmerte dazu auf einem ausgeleierten Klavier."

Stalins tiefer Schatten

Scharfe Schnitte, die Instrumente purzeln über einander wie in einer Slapstick-Szene… Die erste Sinfonie des 20jährigen Schostakowitsch ist inspiriert von seiner Arbeit als Filmpianist. Die Uraufführung 1926 wird ein einziger Triumph.

Doch ein Jahr darauf ist Joseph Stalin Alleinherrscher der Sowjetunion. Schauprozesse, Terror, Massenerschießungen: Stalins tiefer Schatten fällt auch auf die Musik des jungen Schostakowitsch.

Showdown im Bolschoi-Theater

1936 kommt es im Moskauer Bolschoi-Theater zum Showdown. Der Diktator besucht eine Aufführung von Schostakowitschs Oper Lady Macbeth. Begleitet von zwei hohen Tieren aus dem Politbüro, nimmt Stalin Platz in der stahlgepanzerten Regierungsloge…

"Genau gegenüber sitzen Schostakowitsch und zwei Freunde. Jedes Mal, wenn Schlagzeug oder Bläser fortissimo losbrachen, konnten wir sehen, wie Sternoff und Mikojan zusammenfuhren – und sich dann erheitert zu Stalin umdrehten. Schostakowitsch verbarg sich hinten in unserer Loge – und bedeckte sein Gesicht mit den Händen. Er war schweißüberströmt vor Aufregung…"

Todesangst und Terror werden lebendig

Wer Udo Wachtveitl bisher nur als Tatort-Kommissar kennt, kann ihn hier erleben als Erzähler, souverän und nuancenreich, ohne sich im vielköpfigen Ensemble nach vorn zu drängen. 

Die Regie von Jörg Handstein lässt Szenen wie diese im Bolschoi wirklich lebendig werden. Wie Todesangst und Terror ihren Schatten werfen auf das Leben des Musikers Schostakowitsch, zeigt dieses Hörbuch immens intensiv – und es kann hörbar machen, genauer als jede geschriebene Biographie, wie Schostakowitsch darauf seismographisch reagiert: mit seiner Musik!

Stand: 12.01.2022, 07:00