"Kleine Fabel der Esche von München" von Peter Handke

Stand: 06.12.2022, 12:00 Uhr

Mit "Kleine Fabel der Esche von München" erscheint zum 80. Geburtstag des österreichischen Nobelpreisträgers Peter Handke eine Erzählung, die schon vor gut dreißig Jahren veröffentlicht, die poetische Kraft des frühen Handke zeigt. Eine Rezension von Terry Albrecht.

Peter Handke: Kleine Fabel der Esche von München
Mit Fotos von Isolde Ohlbaum und einem Nachwort von Michael Krüger.
Wallstein Verlag Göttingen 2022.
79 Seiten, 20 Euro.

"Kleine Fabel der Esche von München" von Peter Handke Lesestoff – neue Bücher 06.12.2022 05:39 Min. Verfügbar bis 06.12.2023 WDR Online Von Terrance Albrecht

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Im Dialog mit der Natur

Als Peter Handke 1990 in Anlehnung an den großen griechischen Historiker und Geschichtenerzähler den Erzählungsband "Noch einmal für Thukydides" veröffentlichte, ein Buch vom Unterwegssein des Dichters Handke, befand sich darin auch die "Kleine Fabel der Esche von München".

Eine poetische Erzählung, in der Handke das unternimmt, was er in seinem Schreiben sehr gerne macht: er begibt sich in einen Dialog mit der Natur. In einem schon damals vom Verkehr "durchbrausten" Garten im Zentrum Münchens, in der Nähe der Siegessäule, kommt es zu einer Begegnung Handkes mit einem Baum.

"An einem Tag Ende Oktober 1989 aber, dunkles klares Herbstlicht und Sturm, trat der Baum aus seinem üblichen, wie auch immer liebgewordenen Bild heraus und überraschte als ein Ort des Geschehens. Ort des Geschehens? Nein, die Esche selbst wurde (von einem Bild) zum Geschehen. Womit begann es? Was geschah zuerst? Zuerst geschah die Farbe der Rinde des sehr dicken, von vielleicht zwei Männern und einem Kind zu umspannenden Stamms."

Eine besondere Oase

Die Esche, die zu dieser Zeit meist `gemeine Esche´ genannt wurde und kaum Beachtung fand, mittlerweile aber zu einer der bedrohtesten Baumarten Mitteleuropas gehört, wie Schriftsteller-Kollege Michael Krüger im Nachwort der Fabel schreibt. Für Handke wird die Esche hier zu einer sich im Verkehr behauptenden Oase.

"Mitten in der Stadt stand für den Augenblick der Stamm mit seinen Mehrfarben vor mir und zugleich weit draußen, für sich, auf dem Land. (...) Vom Siegestor mit der seltsamen Inschrift 'Dem Sieg geweiht – vom Krieg zerstört – zum Frieden mahnend' erschien die Esche auf einmal versetzt in eine Wildnis."

Zugleich dient dem betrachtenden Erzähler die vermooste Wetterseite der Esche als Orientierung, als Wegweiser in der Stadt.

"Wo der Mooswald aufschoß, das mußte sozusagen die Zenitlinie der Wetterseite sein, der Westen."

Dann macht Handke mit der Erscheinung der Esche eine besondere Erfahrung, entdeckt die erzählerische Qualität von deren Baumrinde.

"Das kohlengraue Segment, mit dessen Farbewerden das Erzählen des Baums begonnen hatte, wies nach Osten. Eine Aufregung ergriff mich bei der Gewißheit, daß in der langsamen fortgesetzten Umgehung und Betrachtung des Baums sich damit noch weit mehr begeben würde, aber weil ich mich scheute, zu viel und zu jäh auf einmal zu erfahren, verschob ich es auf morgen."

Erinnerungen an andere Naturerlebnisse

Doch bei der Begegnung mit dem Baum am folgenden Tag droht das Momentum des ersten Tages wieder zu verschwinden. Denn nun umkreist er den Baum mit einer Erwartungshaltung, die Handke blockiert. Seine Gedanken schweifen ab. Bilder entwickeln sich vor seinem geistigen Auge, etwa die Erinnerung an ein anderes Naturerlebnis im Friaul, die ihn stören, ärgern.

Schließlich aber lässt er diese Sprünge der Erinnerung an andere Naturerlebnisse zu, denn sie lehren ihn eine neue Sicht auf die Dinge, auch die Nebensächlichsten.

"Ein Blick in eine Straßenbahnschiene: Sand, Laub und Kiesel, die für den Moment zu der Geschichte der Esche am Siegestor gehörten."

Eine besondere Form des Naturewritings

Handkes Kanon der Texte in den späten 80er, frühen 90er Jahren ist bestimmt von einer besonderen Form des Naturewritings. In ihr ist der Erzähler mit der Natur für Augenblicke des Alltags verwachsen. Das Buch "Versuch über einen geglückten Tag" (1989) ist der Versuch sich aus den geglückten Augenblicken einen Tag zu pflücken. In "Versuch über die Müdigkeit" (1989) wird die Müdigkeit positiv gewendet, als Grundvoraussetzung eines erfüllten Lebens.

"Die kleine Fabel  der Esche von München" ist auch einer dieser langen poetischen Blicke Handkes in das unerschöpfliche Buch der Natur. Illustriert wird dieses Buch der Esche von wunderbaren Schwarzweiß-Fotografien Isolde Ohlbaums, die die lebhaft kräftige Gestalt der auch nach über dreißig Jahren noch existierenden Esche eine eigen Bildsprache verleiht. Zudem ist dem Text eine handschriftliche Fassung beigelegt, die den Entstehungsprozess der Fabel veranschaulicht.