Buchcover: "Innere Dialoge an den Rändern" von Peter Handke

"Innere Dialoge an den Rändern" von Peter Handke

Stand: 09.05.2022, 07:00 Uhr

Der Literaturnobelpreisträger Peter Handke legt einen neuen Band mit tagebuchartigen Aufzeichnungen vor und präsentiert seine sehr subjektive Chronik der jüngsten Gegenwart. Eine Rezension von Andreas Wirthensohn.

Peter Handke: Innere Dialoge an den Rändern
Jung und Jung, Salzburg 2022.
372 Seiten, 26 Euro.

"Innere Dialoge an den Rändern" von Peter Handke

Lesestoff – neue Bücher 09.05.2022 05:44 Min. Verfügbar bis 09.05.2023 WDR Online Von Andreas Wirthensohn


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Vogelfedern statt Weltgeschehen

Es ist wahrlich nicht wenig passiert in diesen Jahren, denen Peter Handkes neues Journal gewidmet ist: 2016, als hierzulande noch die Flüchtlingsfrage gärte, wurde Donald Trump zum US-Präsidenten gewählt. Ein Jahr später betrat Emmanuel Macron die politische Bühne Frankreichs. In Paris brannte Notre-Dame, in Afghanistan scheiterte der westliche Versuch, die Taliban zu besiegen. Und seit 2020 bestimmte Corona den Alltag der Menschen weltweit.

Ach ja, und der Schriftsteller selbst wurde 2019 zum Literaturnobelpreisträger gekürt, worauf sich ein Sturm der Entrüstung erhob wegen seiner Parteinahme für Serbien während des Jugoslawienkriegs. In Handkes Aufzeichnungen der Jahre 2016 bis 2021 findet sich über all diese Dinge – nichts. Der islamistische Terror in Frankreich taucht einmal beiläufig auf, irgendwo fällt – allerdings in anderem Zusammenhang – das Wort "nobilitiert", und den Masken sowie dem Lockdown kann zu seinem Leidwesen nicht einmal der Rückzugskünstler Handke entgehen.

"An den Waldrändern selbst der wie weltfernsten Dörfer liegen inzwischen, anstelle der Fasanen-, Bussard-, Sperber-, auch Adlerfedern die weggeworfenen, abgestreiften, 'gestrippten' Masken, im Weidegras und in den Ackerfurchen."

Ein Kosmos der Sprache und der Natur

Die Zeitläufte sind Handkes Sache nicht, er lebt, wie er selbst sagt, in den Zwischenräumen und den Zwischenzeiten, und das Getöse der Welt da draußen, jenseits seines Zuhauses in der Nähe von Paris und abseits seines Landhauses in der Picardie, dringt nicht hinein in diesen Kosmos der Sprache und der Natur:

"Schlagzeile auf meiner inneren Zeitung (meinem Tagblatt): ZITRONENFALTERTAGE IN FOLGE. Und dazu der Titel des Fortsetzungsromans: Z-Falter, der gelbe Kundschafter."

Die Selbsvergewisserung als Schreibender

Manch einer mag das weltfremd, eskapistisch oder gar verwerflich finden. Aber bei dem Journal, der Mitschrift des eigenen Lebens Tag für Tag, wie Handke sie seit fast fünfzig Jahren praktiziert, geht es nicht um Zeitgenossenschaft. Diese Aufzeichnungen, die meist nur zwei oder drei Zeilen umfassen und allenfalls gelegentlich datiert sind, dienen vielmehr der eigenen Selbstvergewisserung als Schreibender. Und sie sind einem Daseinsideal verpflichtet, das Handke so benennt:

"die Souveränität eines, der von niemandem etwas will, von niemandem etwas fordert, von niemandem etwas erwartet."

Die Welt von der Seitenlinie aus beobachten

Der Titel ist insofern Programm: das Schreiben als inneres Selbstgespräch eines Schriftstellers, dessen Lieblingsort die Ränder sind, die Seitenlinien, von denen aus er seinen Blick auf die Welt werfen kann. Diese ist vor allem eine des Lesens, der eigenen und der fremden Literatur. Es ist eine Welt, die aus und in der Sprache besteht. Und es ist eine Welt, in der Flora und Fauna wichtiger sind als Menschen.

Gesellschaft, das ist für Handke beispielsweise ein über die Lehne einer Steinbank gebreiteter Fingerhandschuh am Rande eines Dorfwiesenplatzes, den vermutlich jemand liegen hat lassen. Oder die Marienkäferkolonie auf der Fensterbrüstung. Oder das wilde Schneetreiben draußen vor den Fenstern, das dem Dichter zur "Schnee-Hoffnung" wird. Handke selbst nennt das "Eskapologie":

"die Lehre vom Ausweichen in die Menschenleere"

Zitate und gerettete Sätze

In seinen Aufzeichnungen sammelt Handke reichlich Zitate anderer (natürlich längst toter) Autoren, er rettet Sätze aus der Nacht und den Träumen in den Tag, er führt unwillkürliche Selbstgespräche und ist sich auch für den ein oder anderen Kalauer nicht zu schade. Das Schreiben gibt den Tagen und dem eigenen Ich Kontur:

"Im Aufschreiben bin ich nicht der übliche So-und-So, sondern ein anderer, mein Anderer"

Sprachlicher Sorgfalt und sorgsamer Wahrnehmung

Nicht alles in diesem Buch ist interessant, vieles bleibt kryptisch, manches ist auch einfach nur banal. Trotzdem sind Handkes Notate wunderbare Übungen in sprachlicher Sorgfalt und sorgsamer Wahrnehmung. Seit dem ersten Journalband, der 1977 erschien, haben sich Handkes Aufzeichnungen immer weiter verknappt. Und immer kompromissloser führen sie eine Haltung vor Augen, die sich den gängigen Fragen nach dem Warum und Wozu bewusst entzieht:

"Das Zwecklose als das Sinnvolle. Aber diese Zwecklosigkeit muss gelebt werden. Das Zwecklose hat praktiziert zu werden, tagaus, tagein. Die Praxis des Zwecklosen – und es projiziert sich ein Plan, vielleicht gar ein Lebensplan."

Die ideale Lektüre dieses Buches wäre eine, die dem Vorgang des Notierens entspricht – und die letztlich genauso lange dauert, wie Handke für das Schreiben dieses Journals brauchte. Es könnte sein, dass man die Welt anschließend tatsächlich mit anderen Augen sieht.