Peter Handke - Das zweite Schwert. Eine Maigeschichte

Peter Handke, Das zweite Schwert. Eine Maigeschichte

Peter Handke - Das zweite Schwert. Eine Maigeschichte

Von Martin Krumbholz

"Das zweite Schwert" ist Peter Handkes erstes Buch nach der Entgegennahme des Nobelpreises für Literatur im Dezember 2019.

Peter Handke
Das zweite Schwert

Eine Maigeschichte
Suhrkamp
160 Seiten
20 Euro

Man nehme einen Geldbeutel und einen Ranzen

Der Titel des neuen Handke-Buchs zitiert das Lukasevangelium. Man nehme einen Geldbeutel und einen Ranzen, spricht Jesus da, und kaufe ein Schwert. Die Jünger erwidern: Herr, siehe, hier sind zwei Schwerter, und er sagt: Das genügt. Bis zum Schluss der Erzählung bleibt die Frage offen, was es mit dem zweiten Schwert auf sich haben könnte. Sofort beantwortet wird dagegen die Frage nach dem Thema der Geschichte: Es ist die "späte Rache".

"Das also ist das Gesicht eines Rächers!, sagte ich zu mir, als ich mich an dem bewussten Morgen, bevor ich mich auf den Weg machte, im Spiegel ansah. (p. 11)"

Historische Schuld / Gerechtigkeit / Verleumdung

Macht der Ich-Erzähler sich etwa auf den Weg nach Stockholm, den Nobelpreis entgegenzunehmen? Und sich dann an irgendjemandem zu rächen? Keine Sorge. Zwar weist auch dieser Erzähler manche Ähnlichkeit mit dem Autor Peter Handke auf, doch das Buch wurde im April/Mai des vergangenen Jahres geschrieben, lange vor der Bekanntgabe der Nobelpreisträger und den sich anschließenden heftigen Protesten gegen die Person Handkes, der sich während der Balkankriege einseitig und nach Ansicht vieler Beobachter abwegig positioniert hatte.

Peter Handke, Schriftsteller (2007)

Peter Handke

All dies ist nicht Gegenstand des Buchs, und überhaupt, soviel darf man verraten, wird das Rache-Motiv ins Leere laufen – schließlich ist Handke kein Thriller-Autor. Und doch spielt der Themenkreis historische Schuld / Gerechtigkeit / Verleumdung in dieser Erzählung eine elegant umspielte und durchgespielte Rolle. Die Personen, um die es geht, sind erstens die verstorbene Mutter des Erzählers und zweitens eine namentlich nicht benannte Figur des öffentlichen Lebens in Frankreich, wiederum eine Frau, eine Journalistin vielleicht: Sie soll die Mutter in einem Zeitungsartikel mit einem gefälschten Foto bezichtigt haben, sie hätte im Alter von siebzehn Jahren Hitler zugejubelt.

Dabei liegt es auf der Hand, dass die Journalistin letztlich den Sohn treffen wollte – der in der Erzählung nicht ausdrücklich ein Schriftsteller ist, aber jedenfalls ein Intellektueller, jemand, der fast immer ein Buch bei sich hat; nur am Tag der Erzählung, am Tag der "Rache" ausnahmsweise nicht.

"Das sollte ein Tag ohne Lesen sein, oder höchstens ein zufälliges, im Vorbeigehen, eine Inschrift in einem Mauerstein. Und doch fehlte mir schon jetzt das Geräusch der Buchseiten beim Umblättern, vor allem das Knistern manch eines Dünndruckpapiers, unvergleichliche Musik. Heute kein Buch. No book today, my love is far away. (p. 61f.)"

Peter Handke - "Das zweite Schwert"

WDR 3 Buchkritik 17.02.2020 06:15 Min. Verfügbar bis 16.02.2021 WDR 3

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Nichts bewundern!

Handke paraphrasiert die Popgruppe Herman’s Hermits: No milk today… Und später dann Eric Burdon, die schwärzeste Bluesstimme eines Weißen, dessen Ballade "When I Was Young" der Erzähler auswendig dahersagen kann. Der Taxifahrer, bei dem der Ich-Erzähler einsteigt, entpuppt sich nämlich als die französische Stimme Burdons. Es sind solche wundersamen Zu- und Einfälle, die der Geschichte das Gepräge eines modernen Märchens geben, und überhaupt: Die Exposition, die Schilderung einer eintägigen Reise durch die Ile-de-France, ist lang und breit, und das ist das Schöne an diesem Text: seine Ziellosigkeit. Denn das angebliche Ziel, der Racheakt an einer im Grund gleichgültigen Person, im Namen einer ganz und gar nicht Gleichgültigen, eben der Mutter, die zweimal gar als "Heilige" tituliert wird – dieses vorgebliche Ziel ist natürlich vollkommen fiktiv. Man kann sich schlecht vorstellen, wie der Erzähler, bei allen Anflügen von Zorn und Hass doch eher ein Menschenfreund, sein Klappmesserchen zückt und es der Übeltäterin in die Brust bohrt. Dass er es allerdings ernst meine, wenn auch nicht bitter ernst, mit seinem Racheplan, das beteuert der Erzähler nicht nur einmal. Um Rache gehe es, nicht um Strafe. Was ist der Unterschied? Strafen kann wohl nur eine Autoritätsperson, sich rächen kann jeder. Ein Kind kann sich an einem anderen Kind rächen, genauso gut wie ein Mafiaboss an einem anderen Mafiaboss. Mit der Verwandlung seines Motivs in Sprachlust erweist Peter Handke sich erneut als Humorist. Und keineswegs als ein Kauz, etwa ein Feind der Moderne: Er bewundert ausdrücklich die unterirdische, sonor summende Straßenbahn, wobei "bewundern" streng genommen das falsche Wort wäre.

"Nichts bewundern!, das ist mit den Jahren auch einer meiner "Leibsprüche" geworden, fast ein Glaubenssatz, und über das Technische hinaus. Die „techne“ dieser Tramstation dagegen konnte ich nicht umhin zu bewundern, in Abwandlung eines Satzes in einem alten Film, gerichtet von einem Mädchen an einen jungen Mann: „Ich kann nicht umhin, dich zu lieben. (p. 83)"

Er fällt sich selbst ins Wort, und nicht zufällig

Es ist ein Prinzip dieses Textes, und der Poetik Handkes überhaupt. Kein Satz, keine Wendung, erst recht nicht die ausgeklügelten, werden auf Anhieb akzeptiert. Handke-Prosa ist immer auch ein Durchmustern und Auf-den-Prüfstand-stellen der herkömmlichen Semantik. Das betrifft nicht allein gängige Phrasen wie "Null Reaktion" oder "Kein Thema". Es betrifft vielmehr vorschnelle Wahrnehmungen, "Beobachtungen" – er ersetzt "Beobachten" durch "Schauen" -, aber auch Vokabeln, die einem beim Schreiben schon mal in die Feder fließen: "gleichsam", "sozusagen". Am Schluss, um die Behauptung über den Humor zu untermauern, trifft der Erzähler die Übeltäterin tatsächlich, und sie hat drei Paar Brillen auf:

"Eine oben auf dem Kopf, eine vor den uneinsehbaren Augen und eine an der Schnur vor der Brust… (p. 156)"

Ob das wirklich so gewesen sein kann? Wer weiß.

Stand: 14.02.2020, 19:52