Ştefan Agopian - Handbuch der Zeiten

 Ștefan Agopian - Handbuch der Zeiten

Ştefan Agopian - Handbuch der Zeiten

Von Stefan Berkholz

Ein Roman, so irrwitzig, dass er sogar die Zensur einschläferte:
Stefan Agopians "Handbuch der Zeiten" widerstand Ceausescus Diktatur des eisernen Stillstands.

Ştefan Agopian
Handbuch der Zeiten

Aus dem Rumänischen von Eva Ruth Wemme
Verbrecher Verlag, Berlin 2018
104 Seiten
18 Euro

Weihnachten 1806

Zwei Typen wie Estragon und Wladimir wandeln durch dieses schmale Buch. Auch sie warten. Sie warten aber nicht auf Godot. Sie warten auf den Krieg. Es ist Weihnachten 1806, erfahren wir, die russische Armee besetzt Bukarest. Und die beiden abgerissenen Gestalten vertreiben sich die Zeit mit dem Warten und den Fragen, mit den Fragen und dem Warten in trauter Einigkeit.

"Es schneit dauernd!, sprach Ioan ungerührt irgendwann einmal.
Ich denke gerade darüber nach“, sprach der Armenier, „dass, wenn es schneit, sie genau deshalb nicht so bald kommen werden, wer macht sich schon bei so einem Wetter auf den Weg? Ich bin müde und daher glaube ich, dass sie heute nicht kommen werden, sprach er noch und, als er ein schläfriges Auge öffnete, sah er schief auf die Welt. Und die Welt war wie ein schweigsamer Schlitten, der durch den Winter glitt und durch ihre stinkende Kammer."

1984, in Ceausescus Rumänien

Winter ist es auch, als dieses Büchlein erstmals erscheint, 1984, in Ceausescus Rumänien. Das Warten im Stalinismus wird veranschaulicht, die Sehnsucht nach Engliterra, dem nebelverhangenen Land, wird nicht nur einmal erklärt, die Spionage im Land wird benannt, auch die Überwachung und die Bespitzelung – doch die Zensoren merkten nichts und ließen das Buch ungehindert durch, glaubt man den Anmerkungen des Verlegers vom Verbrecher Verlag.

"Wir müssten irgendwohin, sprach der Armenier Zadic nun ausgestreckt und mit dem Blick zur Decke.
Wir können nirgendwohin, sprach Ioan mit geschlossenen Augen und in Gedanken an Engliterra, das nebelverhangene Land. Können wir nicht, ey, so ist es", sprach der Armenier, und auch wenn wir könnten, warum sollten wir? Wenn ich so drüber nachdenke, haben wir keinen Grund wegzugehen."

Phanariotenzeit

Ştefan Agopian

Ştefan Agopian

Ioan nennt sich Geograf, der zweite aber, der Armenier Zadic, ist offenbar ein Alleskönner (oder ein genialer Hochstapler), für seine Berufsbezeichnungen benötigt er allein eine volle Druckseite in diesem Buch, und seine Berufe reichen vom Nippeshausierer über den Hornviehgrossisten bis hin zum Liebhaberdarsteller.

Wir befinden uns Anfang des 19. Jahrhunderts, mal wird das Jahr 1801 genannt, mal 1807 oder 1806, es ist die sogenannte "Phanariotenzeit" in Rumänien, eine Zeit des Verfalls und des nationalen Desasters.

"Das Schweigen kam und setzte sich zwischen ihnen nieder wie eine Mauer, trennte sie, nichts war auf irgendeine Weise wie früher, sie lagen da in diesem Schweigen wie in zwei Gräbern, es hätte nur jemand mit einer Schaufel kommen und beginnen müssen, Erde auf sie zu werfen…"

Ein Leben im Wartestand

1984 aber, als dieses Büchlein erstmals in Rumänien erschien, regierte Ceausescu seit zwanzig Jahren. Der Geheimdienst Securitate sicherte die Macht des Diktators, Angst und Schrecken wurden verbreitet, Umsiedlungen fanden statt, die Altstadt von Bukarest war zu einem großen Teil niedergerissen worden. Ein Leben im Wartestand. Der Spion im "Handbuch der Zeiten" ordnet die Atmosphäre aus seiner Sicht ein.

"Es war im Monat November, wie ich schon sagte, und noch immer ging ich umher, da sah ich und hörte, dass es sehr viele Feinde des Fürsten gibt, sodass das Aufspießen, Hautabziehen, Zungenausreißen, Handabhacken, Augenausstechen, Annageln sowie anderes, was uns vor den Feinden bewahrt, wie zum Beispiel Einsperren in die Dicke Elena, Konfiszieren des Vermögens, Ausweisung, Herabwerfen vom Turm zu Coltia, Ertränken im Flusse Bucurestoaia einmal durchgeführt werden müsste, um einigermaßen mit der Horde der Böswilligen fertig zu werden."

Über das Wohlergehen von Engeln und die Flugbahnen von Kanonenkugeln

Und in diesem Klima der Feindseligkeit und dem Schlachtengetümmel von nah und fern drechseln die beiden Hauptfiguren, Ioan der Geograf und Zadic, der Armenier, die Öde des Alltags ins Absurde. Sie erfinden sich ihre Weisheiten aus der fantasierten Antike. Sie fachsimpeln über das Wohlergehen von Engeln und die Flugbahnen von Kanonenkugeln. Sie philosophieren über die Logik und die Weisheit des Niesens und verdrehen die Welt so genial wie Karl Valentin. Der Autor aber, der sich in Wirklichkeit als verhinderter Lyriker betrachtet, brachte es zum Satiriker und ist heute Literaturredakteur. Dem Schwerpunkt der Leipziger Buchmesse ist es zu verdanken, dass wir auch diese Terra incognita in Umrissen entdecken dürfen: eine Literatur in Rumänien, die weit mehr als bloß national geprägt ist. Schade nur, dass der Verlag sich nicht mehr angestrengt hat, dem Publikum Hintergründe und Zusammenhänge zu diesem Klassiker der Moderne genauer zu erläutern. Davon abgesehen, bleibt uns das Gelächter aus vollen Kehlen. Ein geeignetes Mittel auch in unseren Tagen um die Zumutungen von Potentaten in aller Welt zu ertragen.

Stand: 08.05.2018, 09:29