Jürgen Habermas - Auch eine Geschichte der Philosophie

Jürgen Habermas, Auch eine Geschichte der Philosophie

Jürgen Habermas - Auch eine Geschichte der Philosophie

Eine lange Geschichte von "Lernprozessen"- in seinem neuen voluminösen Werk stellt Jürgen Habermas die Frage nach der Rolle der Religion in den Mittelpunkt.

Jürgen Habermas
Auch eine Geschichte der Philosophie
Band 1: Die okzidentale Konstellation von Glauben und Wissen
Band 2: Vernünftige Freiheit. Spuren des Diskurses über Glauben und Wissen

Suhrkamp, Berlin 2019
1752 Seiten
98 Euro

Einschränkend und kokett zugleich

Die breite Öffentlichkeit kennt Jürgen Habermas als "public intellectual", der Legitimationsprobleme der Moderne und Krisenerscheinungen der Demokratie in zahlreichen Essays und Journalbeiträgen analysiert hat. Der Philosoph Habermas dagegen setzt auf Bücher – die allein ihres Umfangs wegen und auch aufgrund des akademischen Duktus keine derart große Leserschaft erreichen. Dabei wäre die vergleichende Lektüre lohnend: In dem zweibändigen Werk, das Habermas einschränkend und kokett zugleich „Auch eine Geschichte der Philosophie“ nennt, tauchen am Rande jene "Linkshegelianer" auf, als deren legitimer Nachfolger der kritische Publizist gemeinhin gilt:

"Für Georg Lukács, Ernst Bloch, Walter Benjamin und die Exponenten der Frankfurter Schule liegt die Rettung aus dem universalen Sog der kapitalistischen Verdinglichung nicht in der Rückwendung zu den römischen Wurzeln des Katholizismus oder den Ursprüngen der griechischen Philosophie, sondern in der revolutionären Entbindung der in der Moderne aufgestauten, aber einstweilen entstellten Potentiale. Allerdings wird die sozialistische Zukunft als eine Wiederaneignung der vom Mahlstrom der kapitalistischen Rationalisierung unterdrückten Dimensionen der Vernunft gedacht."

Die Suche nach moralischen Ressourcen

Diese "Vernunft" aber trägt nicht mehr. Die Politik, die auf Überzeugung durch Wissen gründet, schwächelt – und mit ihr die säkularisierten westlichen Gesellschaften. Das ist seit langem die These von Habermas, die hier nun auf fast 1800 Seiten bekräftigt wird. Angesichts des weltweit erfolgreichen Vordringens der Religionen propagiert der Sozialphilosoph zwar keine Rückwendung zum Katholizismus, sucht aber nach moralischen Ressourcen, die über die vernünftigen "guten Gründe" hinaus solidarische gesellschaftliche Zustände und kollektives Handeln motivieren könnten. Fündig wird er in einer langen Geschichte der von ihm seit jeher hervorgehobenen diskursiven "Lernprozesse", in diesem Fall der wechselseitigen Verständigung zwischen Verfechtern säkularer Vernunft und religiösen Glaubens.

Der Soziologe und Philosoph Jürgen Habermas blickt bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Paulskirche in die Kamera.

Der Soziologe und Philosoph Jürgen Habermas

So macht Habermas bei Augustinus einen "Typus des gläubigen Intellektuellen" aus, "der der Vernunft folgt". Und zwar, weil die ungebildete Masse des Volkes – dem Fleisch verhaftet – nur durch die "Autorität des verkündeten Wortes" auf den rechten Pfad geführt werden konnte. Zarte Ansätze in Richtung einer friedlicheren und freiheitlicheren Gesellschaft sind erkennbar, wenn das Ideal des Heiligen an die Stelle des Heroen und die Gnade Gottes an die Stelle des kosmischen Schicksals tritt. Selbst die Entwicklung hin zu einem vernunftgemäßen Rechtssystem sieht Habermas durch den Glauben bestärkt, wenn er mit Blick auf die egalitären Vorstellungen des Jüngsten Gerichts den Rechtshistoriker Harold J. Berman zitiert:

"Zwischen dem 6. und 11. Jahrhundert wurde das germanische Recht mit seinen massiven Einseitigkeiten bezüglich Geschlecht, Klasse, Volkszugehörigkeit und Alter von der christlichen Lehre von der grundsätzlichen Gleichheit aller Menschen vor Gott beeinflusst.
Dieser Glaube verbesserte die Stellung der Frauen und Sklaven und den Schutz der Armen und Hilflosen."

Glaube als sozialer Katalysator

Historisch liegen die von Habermas zitierten Beispiele irritierend weit auseinander – denn es geht ihm ja um den langanhaltenden, durch die Jahrhunderte fortwirkenden Diskurs über Glauben und Wissen. Unter genau diesem Blickwinkel hat der Gelehrte seine Geschichte der Philosophie verfasst. Hier weist er der Religion eine entscheidende Position zu: Habermas postuliert eine positive, geradezu heilsame Wirkung des Glaubens als sozialem Katalysator in Situationen der Unsicherheit oder Ohnmacht. Aber auch bei der Verständigung über Normen des Zusammenlebens in einer multikulturellen „Weltgesellschaft“ hält er die Religion für unabdingbar, damit am Ende ein „Diskurs“ zustande kommt.

"Das Wirken oder sogar die bloße Wahrnehmung der Existenz von Kirchen und Religionsgemeinschaften kann – als Stachel im Fleisch einer unreflektiert vollzogenen Profanität – Bedeutung gewinnen … um der Mehrheit der europäischen Bürger die Relativität der eigenen säkularen Bewusstseinslage im Weltmaßstab vor Augen zu führen und ihrem säkularen Weltverständnis jeden Triumphalismus auszutreiben."

In diesem "Triumphalismus" hat der französische Philosoph Claude Lefort erkannt, was Habermas nicht ein einziges Mal erwähnt: die Gefahr des Totalitarismus, verursacht durch die Sehnsucht demokratischer Gesellschaften des Westens nach globaler Geltung von Recht und Wissen. Totalitär ist im Gegenzug aber auch der von Habermas nur en passant gestreifte religiöse Fundamentalismus. Er beharrt auf absoluter Geltung des jeweiligen Glaubens beharrt und verweigert jeden vernünftigen "Diskurs". Beide Totalitarismen sperren sich gegen das Ideal der "Verständigung" – folgerichtig blendet Habermas diese extremen Konstellationen von Wissen und Glauben aus. Damit offenbaren sich die Schwächen seiner gewichtigen Veröffentlichung.

Jürgen Habermas: "Auch eine Geschichte der Philosophie"

WDR 3 Buchrezension 08.11.2019 05:49 Min. Verfügbar bis 07.11.2020 WDR 3

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Stand: 07.11.2019, 18:13