Yaa Gyasi - Ein erhabenes Königreich

WDR 3 Buchkritik: Yaa Gyasi -  Ein erhabenes Königreich

Yaa Gyasi - Ein erhabenes Königreich

Von Simone Hamm

Schwarze Mamba und tödliche Opiate. Yaa Gyasis furioser Roman "Das erhabene Königreich" erzählt von zwei starken Frauen in einer feindlichen Umgebung.

Yaa Gyasi: Ein erhabenes Königreich
Aus dem Englischen von Anette Gruber.
DuMont Buchverlag, 2021.
304 Seiten, 22 Euro.

Mäuse, die den Schmerzen trotzen

Yaa Gyasi: "Ein erhabenes Königreich"

WDR 3 Buchkritik 13.09.2021 05:18 Min. Verfügbar bis 13.09.2022 WDR 3


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Gifty, eine junge Neurowissenschaftlerin ist die in den USA geborene Tochter eines ghanesischen Paares. Sie arbeitet in einem Labor  an der Stanford University in Kalifornien. Ein Privatleben hat sie nicht. Sie untersucht die Hirne von süchtigen Mäusen. Die Tiere müssen auf einen Hebel drücken, dann bekommen sie einen süßen Energy Drink - aber auch einen Stromschlag. Manche drücken nie wieder. Gifty ist am meisten interessiert an den Mäusen, die immer wieder auf den Hebel drücken, die den Stromschlägen, den Schmerzen trotzen.

"Das erhabene Königreich" heißt der zweite Roman von Yaa Gyasi. Aber von Erhabenheit ist zunächst ebenso wenig zu spüren wie vom Königreich.

Erinnerungen an den Bruder

Zuerst waren sie zu viert in Alabama: Gifty, ihre Eltern, ihr sieben Jahre älterer Bruder. Der Vater, krank vor Heimweh, ging zurück nach Ghana. Ihrem Bruder, einem talentierten Basketballspieler, wurde nach einer Verletzung das Schmerzmittel Oxycontin, ein Opioid, verschrieben. Er wurde süchtig. Er griff zu Heroin. Das ist billiger und man braucht es sich nicht verschreiben zu lassen. In Rückblicken erinnert sich Gifty - an den vergeblichen Kampf ihres Bruders Nana, clean zu werden - an seinen Tod. Da war sie elf Jahre alt.

"Ich glaube, als die Leute von meinem Bruder erfuhren, nahmen sie an, dass ich mich aus Pflichtgefühl ihm gegenüber für Neurowissenschaften entscheiden hatte, aber in Wahrheit entschied ich mich nicht für diese Fachrichtung, weil ich den Menschen helfen wollte, sondern weil es mir als das Schwierigste erschien, das man machen konnte, und ich wollte das Schwierigste tun. Ich wollte alle geistige Schwäche von meinem Körper abziehen wie Faszien von Muskeln."

Von den Drogen loskommen

Gifty erfüllt alle Klischees eines talentierten Kindes aus einer Einwandererfamilie. Ihr Bruder hingegen versagt in den Augen der evangelikalen Kirchengemeinde in Alabama .

"Diese Leute scheinen eine Vorliebe für Drogen zu haben." sagt die frömmelnde weiße Diakonin über den schwarzen Nana. Niemand ärgert sich mehr als Gifty, die so willensstarke Frau, dass so getan wird, als sei es nur eine Frage des Willens, von den Drogen loszukommen. Und eine Frage der Hautfarbe.

Präzise und philosophische Beobachtungen

Yaa Gyasis Sprache kann so kühl sein wie das Labor in Stanford oder so lyrisch überbordend wie ein Markt in Ghana - ein ungewohnter Sprachrhythmus, denn die Erzählperspektive ist ja immer dieselbe, Gifty erzählt.

Der gekonnte Umgang mit Sprache, die philosophischen Beobachtungen über die Rolle von Wissenschaft und Religion in der Gesellschaft, der raffinierte Plot, die präzisen Beobachtungen der Ich Erzählerin Gifty machen "Ein erhabenes Königreich" zu einem großen Roman. Genauso präzise lässt sie ihre Mutter die Demütigungen betrachten, denen ihr Mann ausgesetzt ist:

"Wenn sie mit meinem Vater unterwegs war, sah sie, wie sich Amerika beim Anblick großer schwarzer Männer veränderte. Sie sah, wie er zu schrumpfen versuchte, den langen stolzen Rücken krümmte, wenn er mit meiner Mutter durch den Walmart ging, wo er in vier Monaten dreimal des Diebstahls bezichtigt wurde."

Das Leben mit der depressiven Mutter

Yaa Gyasi springt hin und her zwischen den Zeiten,  dem frühen Tod des Bruders, ihrer Ausbildung an einer Eliteuniversität, den Telefonaten, die sie als Kind mit dem Vater im fernen Ghana führte, den immer wiederkehrenden rassistischen Bemerkungen, bisweilen Bedrohungen, dem Leben mit der depressiven Mutter, die sie zu sich genommen hat.

Diese Mutter ist nicht wirklich hart, aber "ganz kurz davor hart zu sein". Hart zu den Kindern, niemals zärtlich, hart sich selbst gegenüber. Gifty nennt sie in ihrem Tagebuch aus Kinderzeiten die schwarze Mamba.  Sie zerbricht fast am Tod des Sohnes, will aber keine Therapie machen, glaubt, allein Gott könne ihr helfen. Giftys Mutter überhört und übersieht den tiefsitzenden Rassismus der Gemeindemitglieder. Als Erwachsene hinterfragt Gifty die Religion, die in ihrem und dem Leben ihrer Mutter eine so große Rolle spielt. Sie zitiert Bibelstellen. Aber sie hinterfragt auch die Naturwissenschaften.

Im Spannungsverhältnis von Wissenschaft und Religion

In diesem Spannungsverhältnis spielt der kluge Roman. Neurowissenschaft und Religion bieten Gifty wertvolle Blickwinkel, aus denen sie das Leben betrachten kann. Doch auf eine jeweils andere Art predigen sie beide.

"Ich wuchs auf unter Menschen, die der Wissenschaft misstrauten, die sie für einen hinterlistigen Trick hielten, der ihnen den Glauben rauben sollte, und ich wurde ausgebildet von Wissenschaftlern und Laien, die von Religion sprachen, als wäre es eine wärmende Decke für die Dummen und Schwachen. Aber dieses Spannungsverhältnis, die Vorstellung, dass man sich zwangsläufig zwischen Wissenschaft und Religion entscheiden muss, ist falsch."

"Das erhabene Königreich" sind weder Religion noch Wissenschaft. Das erhabene Königreich haben Mutter und Tochter in einer feindlichen Umgebung erschaffen. Es ist der Kokon, in dem sie zusammen leben. Überleben.

Stand: 12.09.2021, 14:34