Lars Gustafsson - Etüden für eine alte Schreibmaschine

Lars Gustafsson - Etüden für eine alte Schreibmaschine

Lars Gustafsson - Etüden für eine alte Schreibmaschine

Von Martin Krumbholz

Elegische, sinnliche, humorvolle Gedichte hat der große schwedische Schriftsteller Lars Gustafsson seiner alten Schreibmaschine gewidmet. Postum sind sie nun erschienen.

Lars Gustafsson
Etüden für eine alte Schreibmaschine

Aus dem Schwedischen von Verena Reichel
Carl Hanser Verlag, München 2019
80 Seiten
18 Euro

Lars Gustafsson: "Etüden für eine alte Schreibmaschine"

WDR 3 Buchrezension 01.07.2019 05:49 Min. WDR 3

Download

Nachtgespinste, Nachtmahre

Melancholie ist ein zu abgedroschenes Wort für die Haltung, die Lars Gustafsson in diesen nachgelassenen Gedichten an den Tag legt. „An den Tag?“ Auch wieder falsch, es handelt sich eher um Nachtgespinste, Nachtmahre, die hier in die alte Schreibmaschine getippt werden – und was das Instrument betrifft, darf man getrost glauben, dass dies wörtlich zu nehmen ist.

"Es gibt einen Zustand/ zwischen drei und vier, / weder Schlaf noch Wachen/ in dem man sich vollständig/ still verhält/ und für einen Augenblick ahnen kann/ wie es wäre/ gar nicht der zu sein, der man ist. / Und auch niemand anders."

Vom Lesezeichen zum Lebenszeichen

Nicht der zu sein, der man ist, und auch niemand anders – hier manifestiert sich eine elegische Todessehnsucht, die wir wohl auch nicht zu grundsätzlich nehmen dürfen: es ist die nächtliche Stunde zwischen drei und vier. Was ist ein Gedicht anderes als ein Lebenszeichen? Und ist es Zufall, dass die Worte Lesezeichen und Lebenszeichen so eng verwandt sind? Wie ein vergilbtes Lesezeichen zum Lebenszeichen werden kann, zeigt nun folgender Text:

"Vergilbtes Lesezeichen/ mitten in einem alten Roman, / hinter einem anderen gefunden. / Hier hörte Greta Carlsson/ an Weihnachten 1929 auf zu lesen. / Gerade als der Herzog von Alba/ die Bühne betreten hatte/ und der redliche Gefängniswärter / entdeckte, dass er die Schlüssel / zum Gefängnis seines Sohns hatte."

Unter einem alten Norberghaus

Lars Gustafsson am Hafen

Lars Gustafsson

Greta Carlsson war, wenn man Wikipedia vertrauen darf, eine schwedische Schwimmerin, mit vierzehn Jahren Olympiasiegerin von 1912. Warum sie 1929 den Roman über die spanische Inquisition zu lesen aufhörte, ist nicht bekannt; Zeit gehabt hätte sie genug, sie ist erst 1980 gestorben. Auch, wie Gustafsson an den Nachlass der Sportlerin kam oder ob er die Anekdote irgendwo aufgeschnappt hat, ist nicht bekannt. Aber das kryptische Moment macht gerade den Reiz dieses feinen kleinen Gedichts aus. Es ist ein Lebenszeichen aus ferner Vergangenheit: Weihnachten 1929 hat jemand aufgehört, ein bestimmtes Buch zu lesen, das von Freiheit und Gefangenschaft handelt. Um die Hölle und das Paradies geht es dagegen in dem Gedicht "Unter einem alten Norberghaus":

"Unter dem Küchenboden / ein längst verschwundenes Kloster / die toten Mönche, die / unter dem Küchenboden ruhen. / Fromme Freunde aus dem 13. Jahrhundert / als es hier ein Kloster gab / unter meinem heutigen Küchenboden. / Sie hatten nicht dieses Problem. / Sie hatten andere // Probleme. // Die Frage, wie es wirklich ist / dies in die Hölle kommen."

Und so endet das Gedicht:

"Ich frage mich: / Wenn man also in der Hölle ankommt, / woher weiß man, dass man wirklich in der Hölle angekommen ist? / Und nicht nur in einer Ecke / des Üblichen?"

Das Lob des Sommers

Das klingt grimmig, fast übellaunig, und hat doch einen schönen Humor. Es gibt in dem schmalen Band auch Verse von einer Leichtigkeit, die man beinahe als heiter empfindet. Beispielsweise diese Eloge unter dem Titel „Zum Lob des Sommers“:

"Dieser Tag besteht aus lauter kleinen Ereignissen / Der Blecheimer klappert ohne Wasser // Ein Habicht fliegt vorbei, aber nicht für uns / Die Farbe des Fensterrahmens ist stärker abgeblättert // als neulich // Wie friedlich sprechen nicht die Korbstühle / auf der Veranda miteinander // Wenn alle sie verlassen haben // Wenn alle hineingegangen sind zum Hering / und dem eisgekühlten Schnaps"

Aus meiner verschwitzten Jugend

Die geschilderten Ereignisse eines Sommertages auf dem Land sind tatsächlich klein – und ob es überhaupt ein „Ereignis“ ist, wenn Korbstühle friedlich miteinander sprechen, ist ja auch noch die Frage. Das Lob des Sommers jedoch ist ganz plausibel, besonders im Hinblick auf den Hering und den eisgekühlten Schnaps. Nicht alle Texte des Bandes sind so unmittelbar eingängig wie die hier aufgrund ihrer Kürze zitierten. Es gibt auch widerspenstige Gebilde unter ihnen. Alle aber haben eine schöne Sinnlichkeit. Und viele einen kauzigen Humor. Wie hier, unter dem Titel „Aus meiner verschwitzten Jugend“:

"Es war nicht leicht. // Wer hat behauptet, es würde leicht sein? // Magister Eskillsons Religionsaufsätze: // Die Ursachen von Kaiser Karls Austritt // aus dem Schmalkaldischen Bund? // Ja, er hatte wohl seine Gründe."

Kurz. Jeder Vers eine neue Strophe. Man könnte nun wieder bei Wikipedia nachsehen, was der Schmalkaldische Bund war. Für das Verständnis des Gedichts ist es entbehrlich. Eine derart patzige Antwort wie der Schüler hier dürfte man einem Religionslehrer – Magister gar – natürlich nicht geben. Aber, on the long run, ist es nicht doch eine ganz zufriedenstellende, beinahe tröstliche Auskunft, die der weise Gustafsson uns hier gibt, dass Kaiser Karl der Große seine Gründe gehabt haben wird?

Stand: 01.07.2019, 12:13