"Das verlorene Paradies" von Abdulrazak Gurnah

Buchcover: "Das verlorene Paradies" von Abdulrazak Gurnah

"Das verlorene Paradies" von Abdulrazak Gurnah

Abdulrazak Gurnah, der in Sansibar aufwuchs, aber seit Jahrzehnten in England lebt, wird mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Insbesondere auch deshalb, weil er mit seinem Werk die Kolonialzeit und ihre Folgen facettenreich aufarbeitet. Ab sofort ist auch wieder ein Roman auf Deutsch von ihm verfügbar. Eine Rezension von Ulrich Noller.

Abdulrazak Gurnah: Das verlorene Paradies
Übersetzt von Inge Leipold.
Penguin Verlag, 2021.
334 Seiten, 25 Euro.

"Das verlorene Paradies" von Abdulrazak Gurnah

Lesestoff – neue Bücher 07.12.2021 05:17 Min. Verfügbar bis 07.12.2022 WDR Online Von Barbara Geschwinde


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Erstmals 1996 auf Deutsch erschienen

"Das verlorene Paradies" - im Originaltitel nur "Paradise" - ist der Roman, mit dem Abdulrazak Gurnah Mitte der 1990er Jahre einem größeren Publikum bekannt wurde; er war damals unter anderem für die Shortlist des Booker Prize nominiert. 1996 erschien die deutsche Übersetzung, die auch überarbeitet der jetzigen Neuausgabe zu Grunde liegt. Die Story ist in Ostafrika angesiedelt, im Raum des heutigen Tansania. Die Gegend, aus der der Autor selbst Ende der 1960er Jahre nach England auswanderte.

"Erst der Junge. Seine Name war Yusuf, und in seinem zwölften Jahr verließ er ganz überraschend sein Zuhause. Er erinnerte sich, es war die Zeit der Dürre, in der ein Tag war wie der andere. (..) Die Sonne ließ Bäume in der Ferne zittern und die Häuser leicht schwanken und nach Atem ringen. Jeder verirrte Fußball wirbelte Staubwolken auf, und über den Tagesstunden lastete angespannte Stille."

 Das Leben weitab vom Schuss

Der Junge namens Yusuf lebt mit seinen Eltern weitab vom Schuss, irgendwo in der Provinz. Immerhin, eine Eisenbahn gibt es, die Deutschen haben sie gebaut. Die Eltern führen ein kleines Hotel. Das klappt mehr schlecht als recht.

"Damals kam auch sein Onkel Aziz zu Besuch. Seine Visiten waren kurz und selten; normalerweise kam er in Begleitung einer Horde von Reisenden und Trägern und Musikanten. Auf der langen Reise vom Meer zu den Bergen, zu den Seen und Wäldern und über die dürren Ebenen und die kahlen Felshügel im Landesinneren machte er bei ihnen halt."

Eine Reise mit dem Händler

"Onkel" Aziz ist ein wohlhabender, reisender Händler. Seine Besuche sind eine willkommene Abwechslung. Eines Tages eröffnen die Eltern ihrem Sohn, dass er am selben Nachmittag mit Aziz reisen wird. In der Eisenbahn. Aufregend. Was der Junge da noch nicht weiß und erst über Monate und Jahre zu verstehen lernt: Er wird nicht zurückkehren. Die Eltern haben ihn "verkauft" - weil sie ihre Schulden bei dem Händler nicht mehr bezahlen können.

"Am nächsten Morgen kamen sie an ihrem Ziel an, und ruhig und bestimmt geleitete Onkel Aziz Yusuf durch die kreischende Schar von Händlern in und vor dem Bahnhof. (..) Ein Träger schleppte ihr Gepäck vor ihnen her; er schwitzte und murrte in der Vormittagshitze. (..) Onkel Aziz verströmte einen ungewöhnlichen Geruch, ein Gemisch aus dem Duft nach Fellen und Parfum und Harzen und Gewürzen und einem anderen, nicht so einfach zu bestimmenden Geruch, der in Yusuf ein Gefühl von Gefahr aufkommen ließ."

Auf der Suche nach Antworten

Yusuf wird als eine Art zweiter Diener im Laden des Händlers arbeiten – und später auch mit ihm reisen. So lernt er das Land und das Leben dort kennen und wir Leserinnen und Leser mit ihm. Seine Fragezeichen sind unsere, die Suche nach Antworten zieht immer tiefer hinein in die Geschichte.

Abdulrazak Gurnah transportiert das mit einem zwar allwissenden Erzähler, der allerdings eine radikal subjektive Perspektive einnimmt. Nach und nach wächst das Verständnis, wie diese Gesellschaft, funktioniert. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch die Kolonisierung – in diesem Teil Afrikas durch die Deutschen.

"'Du träumst, mein Freund', widersprach Hussein. 'Sieh dir doch an, wie sie das beste Land auf dem Berg schon unter sich aufgeteilt haben. Im Bergland nördlich von hier haben sie sogar die wildesten Völker vertrieben und ihnen ihr Land genommen. Sie haben sie weggejagt, als seien sie Kinder, ohne jegliche Schwierigkeiten, und einige ihrer Führer haben sie lebendig begraben. (..) Ich sage dir, die wissen, was sie wollen. Sie wollen die ganze Welt.'"

Mechanismen von Ausbeutung

Abdulrazak Gurnah wird mit dem Nobelpreis insbesondere wegen seiner vielschichtigen Aufarbeitung der Kolonialzeit und ihrer Folgen ausgezeichnet. Dabei erweist er sich (nicht nur mit diesem Roman) als ein großer, souveräner, sinnlicher, immer wieder auch humorvoll-witziger Erzähler, der ausgesprochen versiert und intelligent mit den Mitteln des Romans operiert - und gerade dadurch mit Blick auf die Kolonialzeit allzu einfache Deutungsmuster unterläuft.

Die Kolonisatoren sind ein zentraler Faktor, keine Frage. Aber es gibt noch viele andere Strukturen und Mechanismen von Ausbeutung und Unterdrückung. Das Paradies hat es nie gegeben.

Stand: 28.11.2021, 16:46