Norbert Gstrein - Der zweite Jakob

Buchcover: Norbert Gstrein - Der zweite Jakob

Norbert Gstrein - Der zweite Jakob

Von Andreas Wirthensohn

Mit seinem neuen Roman schlägt Norbert Gstrein den literarischen Bogen zurück zu seinem Debüt vor über 30 Jahren.

Norbert Gstrein: Der zweite Jakob
Hanser Verlag, München 2021.
448 Seiten, 25 Euro.

Norbert Gstrein - Der zweite Jakob

WDR 3 Buchkritik 08.04.2021 04:58 Min. Verfügbar bis 08.04.2022 WDR 3


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Der Kern allen Schreibens

In einer bemerkenswerten Rede, die Norbert Gstrein 2018 im Rahmen des renommierten Lucerne Festivals hielt und die eine Art poetologisches Seitenstück zu seinem neuesten Roman darstellt, zitiert er den amerikanischen Dichter Robert Frost. Der habe den Kern allen Schreibens folgendermaßen definiert:

"Die eigene Geschichte erzählen, als wäre es die von jemand anderem, die Geschichte von jemand anderem erzählen, als wäre es die eigene."

Genau das macht der in Tirol geborene Norbert Gstrein seit seiner 1988 erschienenen Debüt-Erzählung "Einer", und seither demonstriert er in immer neuen Anläufen, dass sich die Wahrheit eines Lebens – auch des eigenen – einer eindimensionalen Erzähl- und Betrachtungsweise entzieht.

Die Bedeutung eines Namens

"What’s in a name?" Auf diese Shakespeare’sche Frage kann man im Falle von "Der zweite Jakob" nur antworten: alles.

"Die Philosophen haben sich Gedanken darüber gemacht, was der Name einer Person bedeutet, und wenn man genauer darüber nachdenkt, ist man zuerst tatsächlich viel zu lange damit beschäftigt, sich einen Namen zu machen und, sobald man sich einen gemacht hat, fast genauso lange mit der absurden Angst, ihn wieder zu verlieren, oder vielleicht auch mit dem vergeblichen Versuch, ihn loszuwerden. Dabei reichte es vollauf, dass man der war, zu dem sie nach der Geburt oder meinetwegen auch bei der Taufe gesagt hatten: 'Du bist dieser hier.' Das war die Bedeutung des Namens: 'Dieser hier bist du', noch bevor man Anlass hatte, Erwartungen oder Befürchtungen zu hegen oder gar auf etwas stolz zu sein oder es zu bereuen."

Statue und Biografie für Jakob Thurner

Jakob Thurner ist ein weltweit erfolgreicher Schauspieler aus Tirol, dem vor allem in Amerika gerne die Rolle des "Knochenbrechers" angeboten wird – als Österreicher wirkt man dabei angeblich besonders  authentisch – und der auch schon mehrmals Frauenmörder gespielt hat. Eigentlich heißt er anders, doch den Vornamen hat er sich von seinem Onkel Jakob geliehen, einem schrulligen Außenseiter im Dorf der Kindheit, und den Nachnamen hat er von der Großmutter übernommen.

Dieser Jakob Thurner, Sohn und Enkel einer Hotel- und Skiliftbesitzerdynastie, steht kurz vor seinem 60. Geburtstag, die Heimatgemeinde will ihm ein Fest samt Statuen-Enthüllung ausrichten, und ein Auftragsschreiber, der zuvor einen Herzchirurgen und einen Haubenkoch porträtiert hat, soll die autorisierte Biografie verfassen. Ins Zentrum dieses Lebens freilich führt die Frage, die Jakobs Tochter Luzie ihrem Vater stellt: was das Schlimmste sei, dass er jemals getan habe.

"'Ich habe niemanden umgebracht, und ich habe niemanden so weit getrieben, dass er sich selbst das Leben genommen hat', sagte ich, als sie nicht aufhörte zu drängen. 'Aber ich bin einmal bei einer Sache dabei gewesen, die nicht gut ausgegangen ist.'"

Die Enthüllung eines gut gehüteten Geheimnisses

Und so erfahren wir die Geschichte, die sich vor Jahren ereignete, bei Dreharbeiten an der amerikanisch-mexikanischen Grenze, als Jakob neben einer Schauspielerkollegin im Auto saß und sie irgendwo in der Wüste eine unbekannte Frau überfuhren und tot am Straßenrand liegen ließen. Dieses bislang gut gehütete Geheimnis erzählt Jakob seiner Tochter, die darüber reichlich entsetzt und verstört ist.

Der Roman wird gleichsam zur unautorisierten Beschreibung eines Lebens, das viel komplexer, viel abgründiger und viel widersprüchlicher ist, als es gängige Lebenserzählungen gern vermitteln. Der runde Geburtstag, die "bald sechs Jahrzehnte angehäufter Existenz", wie Jakob selbst das nennt, erscheinen dem Jubilar nur noch schauerlich angesichts der vielen Möglichkeiten, die mit jeder Lebens-Realisierung ausgelöscht werden.

"Ich konnte niemandem sagen, wer ich war, und wenn in Zukunft jemand danach fragte, gab es vielleicht eine Handvoll definierender Sätze, die mich angeblich ausmachten und die von Jahr zu Jahr weniger werden würden, bis ich dem Vergessen anheimfiele."

Lakonische Zweideutigkeit schafft große Literatur

Wie immer bei Norbert Gstrein löst sich der feste Grund der Gewissheit im Laufe des Erzählens immer weiter auf, und wir Leser werden Zeugen, wie sich da ein Mensch seiner selbst immer ungewisser wird. Gstrein treibt dieses Spiel mit autobiografischen Fakten und Fiktion, mit Realität und Möglichkeit, mit der Wahrheit, die immer nur im Plural zu haben ist, ebenso lust- wie kunstvoll bis an den Punkt, da aus einem Leben ein unbeschriebenes Blatt wird, das auch ganz anders gefüllt werden könnte.

"Der zweite Jakob" zeigt so deutlich wie bislang kein Roman von Gstrein, dass dieser Autor seit mehr als dreißig Jahren im Grunde an einem einzigen großen Werk schreibt.

"Jetzt kommen sie und holen Jakob."

So hieß der erste Satz, mit dem Gstrein 1988 die literarische Bühne betrat.

"Solche wie uns zwei hat es nie gegeben."

hat dieser erste Jakob angeblich einmal zu seinem Neffen, dem zweiten, gesagt. Aus der lakonischen, lauernden Zweideutigkeit dieses Satzes schafft Gstrein immer wieder aufs Neue bemerkenswerte, große Literatur. 

Stand: 04.04.2021, 17:40