Dana Grigorcea - Die nicht sterben

Buchcover: Dana Grigorcea - Die nicht sterben

Dana Grigorcea - Die nicht sterben

Von Simone Hamm

Von gegenwärtigen und vergangenen Vampiren: Dana Grigorcea in ihrem Roman "Die nicht sterben".

Dana Grigorcea: Die nicht sterben
Penguin Verlag, München 2021.
272 Seiten, 22 Euro.

Dana Grigorcea - "Die nicht sterben"

WDR 3 Buchkritik 04.05.2021 05:23 Min. Verfügbar bis 04.05.2022 WDR 3


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Vampire in Vergangenheit und Gegenwart

Die nicht sterben, dass sind die blutsaugenden Vampire, das sind Graf Dracula und seine Nachfahren. Aber nicht alle haben spitze Zähne und ein bleiches Gesicht und nicht alle tragen einen schwarzen Umhang.

Von gegenwärtigen und vergangenen Untoten erzählt Dana Grigorcea in ihrem Roman "Die nicht sterben". Es ist eine sehr sinnliche Mischung aus Fantasy, Gesellschaftsanalyse, Splattermoviedrehbuch, Legenden und philosophischen Betrachtungen. Ein moderner Schauerroman.

Eine Villa in der Walachei

Eine junge Malerin aus Bukarest, die in Paris studiert hat, fährt zum Landsitz ihrer Großtante Margot in der Walachei. Die Villa wurde von Kommunisten enteignet und die Großtante und ihre Entourage hatten sie jeden Sommer neu mieten müssen, hatten den "Kommunistenkitsch": Makramees, Nippes, ausgestopfte Tiere, scheußliche Lampen in den Keller geschleppt und stattdessen silberne Kerzenleuchter, unzählige orthodoxe Ikonen und einen großen Perserteppich aus dem Gepäck geholt.

Margot stellte Champagner und Auberginenhäppchen auf den Tisch und lud alle die kommen wollten in die kleine Stadt B. am Fuße der Karpaten ein. Die Ich-Erzählerin, eben jene Malerin, war in jedem Sommer mit dabei.

Mittlerweile gehört das Anwesen wieder der Familie und die Ich-Erzählerin kehrt 2004 hierher zurück, um zu malen, um Ruhe zu finden. Aber in diesem Sommer wird alles ganz anders werden. In Margots Familiengruft wird eine gepfählte Leiche gefunden und noch etwas viel Spektakuläreres: das Grab des historischen Dracula, Fürst Vlad III.

Fürst Vlads grausame Geschichte

Auf ihn ist man stolz. Er kämpfte gegen Ungarn und Türken, gegen verhasste Großgrundbesitzer. Die, die ihm illoyal erschienen,  hat er auf bestialische Art töten lassen. Wer kein Rückgrat habe, so wird Fürst Vlad zitiert, dem gebe er eines. Wie, das beschreibt Gricorcea ganz genau. Das ist nichts für schwache Nerven.

Sie springt schnell durch die Jahrhunderte, wechselt gekonnt vom Grausamen ins Skurrile und ins Humorvolle - und das alles vor dem Hintergrund des heutigen Rumänien, in dem Fürst Vlad immer noch verehrt wird:

"Einzig Vlad der Pfähler ha[t] unsere Geschichte markiert, punktiert, eben eingepfählt mit aller Entschlossenheit. Vor ihm und nach ihm, leider auch jetzt, [war und ist] Rumänien nur eine öde Weite voller Dummheit und Herdentrieb."

Halbverfallen sind die Häuser in B., die meisten Menschen, die hier lebten, sind längst ausgewandert nach Italien. Anfangs kamen sie noch zurück in die Heimat, begannen,  Häuser zu bauen. Dann kamen sie nicht mehr und hinterließen Ruinen aus Beton.

Eine lukrative Einnahmequelle

Margot und die Sommergäste sind angewidert. Sie denken streng national. Sie zitieren den rumänischen Nationaldichter Mihai Eminescu, der sich den Fürsten Vlad zurückwünscht:

"Ach, Pfähler! Herrscher! Kämst du doch! Mit harter Hand zu richten!"

Immerhin, das Grab ist ja jetzt gefunden worden. B. wird zu einem Tollhaus, Touristen aus ganz Europa kommen. Die Ich-Erzählerin verdient sich eine goldenen Nase, sie zeichnet Touristen als Vampire. Der Bürgermeister will einen Erlebnispark bauen - natürlich mit Staatsgeldern, die in seinen Taschen landen werden.

Mythen verbinden sich mit Kindheitserinnerungen

Dana Gricorcea erzählt nicht linear. Die Ich-Erzählerin entschuldigt sich, die Reihenfolge der Ereignisse ginge durcheinander, aber vielleicht ergäbe das ja gerade Sinn.

Das ist natürlich kokett, denn sie es gelingt ihr mühelos und sehr überzeugend, die Mythen und Sagen des legendären Fürsten Vlad mit Erinnerungen an ihre Kindheit zu verbinden, als man hinter vorgehaltener Hand von einem ganz anderen Diktator gesprochen hat, der das Volk aussaugte: Nicolae Ceausescu. Natürlich ist Ceausescu nach seiner Hinrichtung alles andere als tot. Er ist nur einer in einer langen Kette von Blutsaugern.

Doch nicht nur B. ändert sich, sondern auch die Ich-Erzählerin:

"Hätten sie mich gesehen, sie wären wahrscheinlich gerührt gewesen: Ich kontemplierte, hätte man meinen können, war dem Ort zugehörig…Doch meine Ruhe war…eine Starre, verursacht durch meine gewaltige Abneigung gegen B. und gegen die Welt, meine Ruhe war nichts anderes als eine mir noch unbegreifliche, still wachsende Wut."

Eine blutige Groteske im postkommunistischen Rumänien

Die Ich-Erzählerin bemerkt, dass die Konturen derer, mit denen sie zusammensitzt, zerfließen. Sie hat kein Spiegelbild mehr. Sie schläft unruhig. Eine dunkle Gestalt huscht durchs Zimmer, raunt ihr "Wir sin gelichen bluotes" ins Ohr. Sie folgt ihm, läuft in den Wald, sie schwebt über dem Boden, sie fliegt, sie reißt in wilder Lust einen Rehbock.

Grigorcea erzählt elegant und beschwingt, spart nicht mit grausamen Details, durchleuchtet dabei das postkommunistische Rumänien glasklar: Die Beamten sind gierig und korrupt geblieben, die Oberschicht dünkelhaft und herablassend, die Armen bleiben arm und niemand schert sich darum. "Die nicht sterben" ist Groteske und Burleske zugleich. Mitreißende Lektüre.

Stand: 02.05.2021, 14:44