Garrett M. Graff - Und auf einmal diese Stille

Hörbuchcover: Garrett M. Graff - Und auf einmal diese Stille. Die Oral History des 11. September.

Garrett M. Graff - Und auf einmal diese Stille

Von Christel Wester

Der Historiker und Journalist Garrett M. Graff hat Interviews mit Überlebenden und Zeugen der Anschläge des 11. September zusammengetragen und daraus eine vielstimmige Erzählung komponiert.

Garrett M. Graff: Und auf einmal diese Stille. Die Oral History des 11. September
Aus dem Englischen von Philipp Albers und Hannes Meyer
Ungekürzte Lesung mit Torben Kessler, Sascha Rotermund, Peter Lontzek u.v.a.
Hörbuch Hamburg, 3 mp3-CDs, 17,5 Stunden Laufzeit, 20 Euro

Ganz weit weg und ganz nah dran

Garrett M. Graffs "Oral History des 11. September" beginnt mit einem Blick von oben. Der NASA-Astronaut Frank Culbertson befindet sich an Bord der Internationalen Raumstation ISS. Culbertson überfliegt gerade die Region New York, als er von der Bodenstation die Nachricht erhält, dass zwei Flugzeuge ins World Trade Center gesteuert worden sind.

"Ich beeilte mich, fand eine Videokamera und ein Fenster, das den Ausblick in die richtige Richtung ermöglichte… Etwa 400 Meilen von New York entfernt, konnte ich die Stadt deutlich erkennen… Das Wetter an diesem Tag war über den gesamten Vereinigten Staaten völlig klar und die einzige Aktivität, die ich ausmachen konnte, war diese große, schwarze Rauchsäule, die über New York aufstieg und die bis nach Long Island und auf den Atlantik hinausreichte."

Garrett M. Graff: Und auf einmal diese Stille. Die Oral History

WDR 3 Buchkritik 11.09.2020 06:15 Min. Verfügbar bis 11.09.2021 WDR 3

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Der Astronaut stellt seine Videokamera auf Zoom und wird durch das Medium der Kamera Augenzeuge des grausamen Geschehens. Diese Perspektive, die der Historiker und Journalist Garrett M. Graff zum Einstieg in seine Oral History wählt irritiert zunächst. Denn sein erster Erzähler befindet sich in einer vergleichbaren Distanz zum Geschehen wie Millionen Fernsehzuschauer in aller Welt.

Dann allerdings bewegt sich Graff doch mitten hinein in die City von New York, in die Straßen von Manhattan, in die Züge, auf die Flughäfen, in die Krankenhäuser, auf die Polizeistationen und auch an die Unglücksorte in Washington und Pennsylvania.

"Herb Ouida, World Trade Centers Association, Nordturm, 77. Stock, und Vater von Todd Ouida, Cantor Fitzgerald, Nordturm, 105. Stock: Wie jeden Morgen verließen mein Sohn Todd und ich gemeinsam das Haus, um zur Arbeit zu fahren, denn Todd arbeitete im World Trade Center bei Cantor Fitzgerald. Als wir Hoboken erreichten, sagte ich zu Todd: 'Warum kommst du nicht mit mir und nimmst die Fähre? Es ist so ein schöner Tag.' Er antwortete: 'Nein, Dad, es ist mir zu kalt draußen.' Ich sagte zu ihm: 'Hab einen schönen Tag, mein Bester.' Das waren meine letzten Worte an ihn."

500 Berichte und 22 SprecherInnen

Garratt M. Graff hat rund 2000 Zeitzeugenberichte ausgewertet, die zwischen September 2001 und Frühjahr 2019 in unterschiedlichen Archiven gesammelt wurden. Zusätzlich führte Graff eigene Interviews. Aus dieser Materialfülle hat er 500 Berichte ausgewählt und aus ihnen eine einzige vielstimmige Fortsetzungserzählung komponiert. Und zwar so, dass die Berichtenden jeweils nach wenigen Sätzen den Staffelstab des Erzählens weitergeben an die nächste Person. Dazwischen gibt es einordnende Kommentare.

"Der Südturm stürzte mit einer geschätzten Geschwindigkeit von nahezu 200 Stundenkilometern ein, spätere Schätzungen ergaben, dass die durch den Einsturz des World Trade Centers ausgelösten Windböen Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 112 Stundenkilometern erreichten."

Sachliche Informationen erzählen nicht, wie sich Menschen in so einer Situation fühlen. Doch genau das wollte Garrett M. Graff dokumentieren. Das ist ihm mit der Kompilation der erschütternden Augenzeugenberichte zumindest teilweise gelungen. Gebannt hört man Feuerwehrmännern, Polizistinnen und Polizisten, Krankenschwestern, Ärztinnen und Ärzten oder Büroangestellten auf dem Weg zur Arbeit zu. Ihre Erzählungen sind oftmals von berührender Intimität. Im Hörbuch leihen ihnen 22 erstklassige Sprecherinnen und Sprecher ihre Stimme.

"Tracy Donaho, Verkehrspolizistin, NYPD: Der Stoß war so gewaltig, dass ich durch die Luft geflogen bin. Ich weiß nicht, wie weit, aber ich flog. Ich konnte spüren, dass ich in der Luft war. Ich bin auf meinen Knien und meiner Hand gelandet. Es war dunkel. Es war so finster dort drin, man konnte überhaupt nichts sehen und ich konnte nicht atmen. Ich war am Ersticken… Ian O’Daker, Mitarbeiter Ellis Island: Die Rauchschwaden bewegten sich durch die Straßenzüge, als seien es riesige Finger."

Weniger ist manchmal mehr

17einhalb Stunden dauert diese Erzählung. Sie ist chronologisch geordnet und rekonstruiert detailliert die Ereignisse des Unglückstages vom frühen Morgen bis in die Nacht. Doch so aufwühlend dieser vielstimmige Erzählstrom auch sein mag: Nach einer Weile stellt sich ein zwiespältiges Gefühl ein. Die Fülle der Erzählstimmen verhindert, dass man den einzelnen Menschen wirklich wahrnehmen kann. Zwar tauchen sehr viele Personen immer wieder auf, aber ihre individuellen Geschichten gehen unter im Stimmengewirr. Wesentlich problematischer sind jedoch nachgestellte Szenen aus den entführten Flugzeugen. Sie basieren zwar auf authentischen Tonband-Mitschnitten, werden jedoch wie in einem Katastrophenfilm inszeniert.


"Funkgeräusch. American 11? Drehen Sie 20 Grad nach rechts. – Wir drehen nach rechts. American 11 hier. – American 11? Steigen. Dann auf Flughöhe 3.50 bleiben. – American 11? Hier Boston. -
Das Cockpit antwortet nicht, jemand ist in der Businessclass niedergestochen worden und ich glaube, hier ist es voll von Pfefferspray, wir können nicht atmen. Ich weiß nicht, ich glaube, wir sind entführt worden."

Wie ein Actionstreifen im Kino wird die Situation durchgespielt, in der eine Stewardess über ein Bordtelefon das Bodenpersonal ihrer Airline kontaktiert. Auch Berichte von Rettungseinsätzen werden teilweise wie Live-Reportagen inszeniert. Derartige Szenen zielen auf Voyeurismus und wohligen Schauder im Wohnzimmersessel. Sie sind völlig fehl am Platz in einer Oral History von Zeitzeugenberichten, die doch angeblich den Opfern, ihren Angehörigen, und den zahlreichen schwer traumatisierten Rettungskräften und Augenzeugen eine Stimme geben will.

Stattdessen hätte ich gerne mehr erfahren über psychische und soziale Langzeitfolgen der Terroranschläge, die in den Berichten eines etwa einstündigen Epilogs am Schluss dieses Hörbuches erkennbar werden. Doch Garrett M. Graff hat seinen Fokus mehr auf die effektvolle Rekonstruktion eines Katastrophenszenarios gelegt. Das ist schade.

Stand: 11.09.2020, 02:38