Buchcover: Gottfried Benn / Gertrud Zenzes: Briefwechsel 1921 – 1956

"Briefwechsel 1921 – 1956" von Gottfried Benn und Gertrud Zenzes

Stand: 12.01.2022, 07:00 Uhr

Ein weiterer Briefwechsel Gottfried Benns liegt vor, diesmal mit seiner kurzzeitigen Geliebten und langjährigen Freundin Gertrud Zenzes. Zu entdecken ist ein modernes Frauenleben. Eine Rezension von Stefan Berkholz.

Gottfried Benn / Gertrud Zenzes: Briefwechsel 1921 – 1956
Herausgegeben von Holger Hof und Stephan Kraft.
Wallstein Verlag, 2021.
488 Seiten, 34 Euro.

"Briefwechsel 1921-1956" zwischen G. Benn und G. Zenzes

Lesestoff – neue Bücher 19.01.2022 05:05 Min. Verfügbar bis 19.01.2023 WDR Online Von Stefan Berkholz


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Benns politische und geistige Verirrungen

In diesem Briefwechsel finden sich noch einmal deutliche Anklänge an Gottfried Benns politische und geistige Verirrungen zu Beginn der Nazi-Diktatur. Im einzigen maschinenschriftlichen Brief vom September 1933 bittet Benn seine frühere Geliebte, die seit Ende 1926 in den USA lebt, ihm nichts mehr zu schicken, "was Deutschland herabsetzt", wie er schreibt, denn "wir wissen durchaus darüber Bescheid, dass die meisten Länder der Welt Deutschland im Augenblick noch mehr hassen als sonst und alles tun, um ihm zu schaden". Darauf folgt im nächsten Absatz ein deutliches Bekenntnis zu Hitlers Reich.

"Vielleicht aber, Trudchen, interessiert es Sie doch, nochmal von mir persönlich zu hören, was ja in meinem Buch schon steht, dass ich und die Mehrzahl aller Deutschen den neuen Staat bejahen, Hitler für einen sehr grossen Staatsmann halten und vor allem vollkommen sicher sind, dass es für Deutschland keine andere Möglichkeit gab. Das alles ist ja auch nur ein Anfang, die übrigen Länder werden folgen, es beginnt eine neue Welt, die Welt, in der Sie und ich jung waren und gross wurden, hat ausgespielt und ist zu Ende. Sie müssen das alles nicht so gefühlvoll ansehen, auch nicht so pathetisch."

Die rücksichtsvolle, aber deutliche Antwort

Kurz zuvor hatte Benn seinen Essayband "Der neue Staat und seine Intellektuellen" veröffentlicht, der in deutschen Emigrantenkreisen auf heftige Kritik stieß. Die Antwort Gertrud Zenzes vom Oktober 1933, also vier Wochen später, fällt vorsichtig und zurückhaltend aus, feinsinnig und rücksichtsvoll, zugleich aber auch hinreichend deutlich.

"Es ist so schwer in diesem Moment das Richtige, Verstehende, Endgiltige zu sagen. – Herz und Verstand sind auf beiden Seiten, und ich habe Angst, dass Sie mich ablehnen werden, wie viele andere Ihrer frueheren Freunde. (…) Es fragt sich nur (…), ob ein Phaenomen bestehen kann, dessen Spannungskraefte im Hass verwurzelt sind, und das die irrationalen Kraefte des Lebens zu kontrollieren und dienstbar zu machen sucht."

Gefangen in Männergesellschaften

Gertrud Zenzes hatte noch im Kaiserreich studiert und als eine der ersten Frauen in Deutschland promoviert. Zenzes war eine typische moderne Frau dieser Zeit, sie war berufstätig und erotisch unabhängig, doch gefangen in Männergesellschaften, die berufliche und karrieristische Beziehungen weitgehend unter sich ausmachten.

Zenzes stammte aus einem wohlhabenden jüdischen Elternhaus, sie war mit fünfzehn Jahren konfirmiert worden, blieb ihr Leben lang eine deutsche Patriotin und entwickelte wohl eine "partiell antijüdische Grundhaltung", wie es im Nachwort heißt. Auch deshalb sprach Gottfried Benn das sogenannte Judenproblem in seinem Brief vom September 1933 gesondert an.

"Was nun das Judenproblem angeht, an dem Sie vielleicht besonders leiden und das Nordamerika mit seinem unvergleichlichen Rassenmischmasch natürlich ganz fremd ist, so sehen Sie das sicher auch ganz falsch. Denken Sie einmal, unter den Berliner Ärzten waren 85 % Juden, den Rechtsanwälten 75 %. In den journalistischen und Theaterbetrieben auch ungefähr 80 %. Es ist doch vollkommen selbstverständlich, dass dieser Zustand eines Tages als unmöglich angesehen wurde."

In den Anmerkungen schreiben die Herausgeber, sie wüssten nicht, woher Benn diese Prozentzahlen "konkret nahm", ihnen hingegen seien nur wesentlich geringere Prozentzahlen bekannt.

Ein lesenswerter Briefwechsel

In diesem Briefwechsel mit rund 150 Dokumenten zeigt sich ein dichtender, menschenscheuer Patriarch und eine Frau, die sein Werk bis zuletzt bewunderte, ihn als Dichter verehrte und sich um ihn (und seine Ehefrau) nach dem Krieg kümmerte, sie reichhaltig mit Care-Paketen aus den USA versorgte. Allein für diese Einsichten ist diese Briefausgabe nebst umfangreichem Anmerkungsapparat und ausuferndem Nachwort lesenswert.