Thomas Girst - Alle Zeit der Welt. Geschichten über erstaunliche Dinge, die sehr viel Zeit brauchen

Thomas Girst - Alle Zeit der Welt. Geschichten über erstaunliche Dinge, die sehr viel Zeit brauchen

Thomas Girst - Alle Zeit der Welt. Geschichten über erstaunliche Dinge, die sehr viel Zeit brauchen

Von Oliver Pfohlmann

Thomas Girst versammelt in "Alle Zeit der Welt" Geschichten über Dinge, die viel Zeit brauchen.

Thomas Girst
Alle Zeit der Welt
Geschichten über erstaunliche Dinge, die sehr viel Zeit brauchen

Carl Hanser Verlag, München 2019
208 Seiten
17 Euro

Kommt uns die Zeit abhanden?

Einige Kulturwissenschaftler glauben das inzwischen. Für sie führt das digitale Dauerbombardement an Push-Nachrichten und Twitterfeeds dazu, dass in unserer Wahrnehmung Vergangenheit und Gegenwart zu einem einzigen wabernden Jetzt verschwimmen, einem rasenden Stillstand. Aber auch um die Zukunft ist es nicht gut bestellt. Sie erscheint uns angesichts von Klimawandel und schwindenden Ressourcen tagtäglich unvorstellbarer. Da tut es gut, daran erinnert zu werden, wie wertvoll die Zeit ist. Und zwar gerade als Voraussetzung dafür, dass Bedeutendes entstehen kann. Man denke nur an Schriftsteller wie Marcel Proust oder Robert Musil, die viele Jahre lang an ihren großen Werken schrieben.

Thomas Girst - Alle Zeit der Welt

WDR 3 Buchrezension 24.05.2019 05:20 Min. Verfügbar bis 23.05.2020 WDR 3

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Thomas Girst hat nun zahlreiche weitere Dinge zusammengetragen, die viel Zeit brauchen oder gebraucht haben. Und zwar aus ganz unterschiedlichen Bereichen wie Wissenschaft, Ökonomie, Kultur oder Kunst. Manches ist einfach nur verblüffend wie das tausendjährige Ei der chinesischen Küche. Oder ein im Jahr 2016 entdeckter Grönlandhai, der schon durchs Meer schwamm, als Shakespeare seine Stücke schrieb. Anderes dagegen erscheint dem Leser so atemberaubend-verrückt wie John Cageʼ Orgelstück „Organ2“. Dessen Aufführung in einer Halberstädter Kirche wird nämlich erst im Jahr 2640 beendet sein. Wobei die Anweisung, es so langsam wie möglich zu spielen, dafür sorgt, dass Besucher kaum mehr als ein waberndes Vibrieren hören können, berichtet Thomas Girst. Der nächste Tonwechsel ist erst fürs kommende Jahr angekündigt.

"In den leisen Tönen und nicht im lauten Poltern, in der Ruhe und in der Stille, in der Konzentration und nicht in der hyperventilierenden Hetze, die tagtäglich an uns zerrt, offenbart sich zumeist das Schöne im Menschen, all jenes, das wir eben auch zu vollbringen imstande sind. Gut Ding will bekanntlich Weile haben."

Ein gigantischer Fantasiepalast

Thomas Girst

Thomas Girst

Gleich zu Beginn erinnert Thomas Girst an den französischen Landbriefträger Ferdinand Cheval. Über drei Jahrzehnte lang, bis zu seinem Tod 1924, hat Cheval auf seinen Wegen Steine und Muscheln aufgesammelt. Und mit ihnen in seinem Gemüsegarten nach und nach einen gigantischen Fantasiepalast errichtet, der umgehend zu einer Pilgerstätte avancierte, zuerst für surrealistische Künstler, später für Touristen. Beispiele wie Chevals Palais idéal, glaubt Thomas Girst, können uns ein notwendiges Gegengewicht in einem Leben bieten, das immer mehr unter dem Diktat des Tempos steht.

"Nach einem Besuch dieses Monuments menschlicher Fantasie und Beharrlichkeit lässt man am besten Verkaufsstände und Touristenbusse links liegen. Abseits der Hauptstraße gerät man schnell auf Felder, von denen aus der Friedhof nicht mehr weit ist. Hierher verirrt sich kaum einer, der nicht auch trauert. Ebendort hat Cheval allerdings ein weiteres Jahrzehnt gewerkelt. Nach Fertigstellung seines Palastes bis zu seinem Tod im Alter von 88 Jahren errichtete er dort das Familiengrab, für Stille und unendliche Ruhe, wie er schrieb: Nicht die Zeit vergeht, wir vergehen."

Formale Mittel zum Bollwerk der Ruhe

"Alle Zeit der Welt" darf ruhig als Trost- und Besinnungsbüchlein bezeichnet werden. Das natürlich von all den immer neuen Gegentrends zum sich ewig drehenden Hamsterrad profitiert. Thomas Girst weiß das selbst, distanziert sich aber zugleich vom Hype um Slow Food, Hygge-Heimeligkeit oder Entspannungs-Apps. Denn deren Heilsversprechen könnten am Ende doch nur enttäuschen, glaubt der Autor. Oft reiche es dagegen schon, sich beim Gang durch die Stadt einmal nicht von GoogleMaps leiten zu lassen. Sondern vom Zufallsprinzip – umso überraschende Entdeckungen möglich werden zu lassen. So weit, so sympathisch und anregend. Doch wer seinen Lesern ein – Zitat – „Bollwerk der Ruhe“ – verspricht, sollte auch über die entsprechenden formalen Mittel verfügen. Und da ist bei dem Münchner Kulturmanager, vorsichtig formuliert, Luft nach oben. Nicht nur weil manche von Girsts Einsichten an Kalendersprüche erinnern.

Das eigentliche Problem ist vielmehr, dass dieses Buch auf weniger als 200 Seiten 28 Kapitel enthält. In ihnen geht es mal um historische Speisen, mal um das Holz für Stradivaris Geigen, mal um die gesammelten Erfahrungen von Wirtschaftskapitänen. Da überrascht es nicht, dass die Lektüre automatisch auf eine Art Lese-Zapping hinausläuft. Zumal gerade die reportagehaften Einsprengsel an banalen Häppchenjournalismus erinnern, wie man ihn im Hanser Verlag eher nicht vermutet hätte. Wie Girsts Begegnung mit dem Fotokünstler Michael Ruetz, der seit Jahren ein und dasselbe Alpenpanorama unter immer neuen Wetterverhältnissen festhält. "Alle Zeit der Welt" bietet daher deutlich mehr Unterhaltung als Kontemplation. Was durchaus schade ist – kaum auszudenken, was ein Schriftsteller wie, sagen wir, Gerhard Roth aus der Geschichte um Chevals Phantasiepalast hätten machen können.

Stand: 21.05.2019, 15:23