Irmgard Keun - Gilgi - eine von uns

Irmgard Keun - Gilgi - eine von uns

Irmgard Keun - Gilgi - eine von uns

Von Jutta Duhm-Heitzmann

"Gilgi - eine von uns", 1931 als Erstling der Schriftstellerin Irmgard Keun erschienen, erzählt vom Leben und Lieben einer modernen jungen Frau in brüchiger Zeit.

Irmgard Keun
Gilgi - eine von uns

Gelesen von Camilla Renschke
5 CDs
Produktion des Saarländischen Rundfunks
DAV
ISBN 978-3-7424-0945-4

Als ihre beiden Romane Anfang der 1930er Jahre erschienen, machten sie die Autorin Irmgard Keun schlagartig bekannt. "Gilgi - eine von uns" und "Das kunstseidene Mädchen" hießen sie und waren so frisch, so ungewöhnlich, so provozierend modern, dass die Jungen sich überschlugen vor Begeisterung und die Alten sich empörten über ihre unmoralische Direktheit. Beide erzählten von jungen Frauen, die sich tapfer und heiter durchs Leben schlugen und die Wunden, die sie dabei abbekamen, achselzuckend als den Preis akzeptierten, den sie für ihre Freiheit eben zahlen mussten. Für die Nazis waren die Werke der 1905 in Köln geborenen Irmgard Keun eine Provokation: sie wurden verboten, die Autorin emigrierte, kam unter falschem Namen zurück und schrieb weiter, herausfordernd und hellsichtig – bis 1945. Nach dem Krieg konnte sie nicht an ihrer früheren Erfolge anknüpfen, und als sie1982 starb, war sie fast vergessen. Doch nach und nach wurden ihre Romane wieder aufgelegt, im vergangenen Jahr gab es sogar eine Gesamtausgabe ihrer Werke. Nun kann man die auch in Hörbuchform entdecken: Die Schauspielerin Camilla Reschke hat "Gilgi - eine von uns" eingesprochen.

Irgmard Keun - Gilgi - eine von uns

WDR 3 Buchrezension | 14.03.2019 | 05:51 Min.

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Noch lange vier Jahre bis zum Namenswechsel

"Sie hält es fest in der Hand, ihr kleines Leben, das Mädchen Gilgi. Gilgi nennt sie sich, Gisela heißt sie. Zu schlanken Beinen und kinderschmalen Hüften, zu winzigen Modekäppchen, die auf dem äußersten Ende des Kopfes geheimnisvollen Halt finden, passt ein Name mit zwei i. Wenn sie fünfundzwanzig ist, wird sie sich Gisela nennen."

 Die Schriftstellerin Irmgard Keun, aufgenommen am 27.03.1981 bei den Dreharbeiten zur Verfilmung ihres Romans "Nach Mitternacht" in Berlin.

Irmgard Keun

Doch jetzt ist sie gerade mal 21, noch lange vier Jahre bis zum Namenswechsel. Und die will sie nutzen. Gilgi ist ehrgeizig. Sie arbeitet als Stenotypistin bei der Firma "Reuter & Weber. Strumpfwaren und Trikotagen en gros", hat aber große Pläne:

Sie lernt Englisch, Französisch und Spanisch in der Berlitz School, will aufsteigen, ins Ausland fahren, die Welt erobern. Im realistischen Rahmen natürlich. Für Tagträume hat sie keine Zeit und auch nicht für die Resignation, die sie in den müden Gesichtern der Straßenbahn-Mitfahrer sieht.

"Ist denn keiner von euch jung wie ich, freut sich keiner wie ich? Doch. Ein-zwei-drei Gesichter. Junge, straffe Züge, harte kleine Stirnfalten, unterneh-mungsbereites Kinn, wache Augen."

Erfolgshunger

In ihnen erkennt sie sich wieder. Nicht in den breiten, fleischigen Bürgergesichtern ihrer Eltern oder den langweiligen ihrer Kolleginnen im Büro. Hier, bei einigen Jungen, spürt sie den Erfolgshunger, der auch sie antreibt.

"Gilgi umschließt mit der Hand die äußere Kante ihres Koffers. Hart und fest. Die knappe, kleine Bewegung ist ein Händedruck. Also doch! Nicht ich – sondern wir. Wir! Sie hebt den Kopf und hat frohe Augen. Du – du – du und ich: wir werden es schaffen."

Die Suche nach ihrer biologischen Mutter

Doch ehrgeizige Pläne sind das eine, das reale Leben das andere. Den ersten Schlag empfindet Gilgi fast als Erlösung: an ihrem 21. Geburtstag erfährt sie, dass sie nicht das leibliche Kind der gutmütigen, von ihr leicht verachteten Kölner Bürger ist, die sie aufgezogen haben. Sie ist unehelich, und die Suche nach ihrer biologischen Mutter führt sie erst in die stinkende Unterwelt des Prekariats, dann in eine vornehme Bürgervilla, deren Bewohner letztlich, nur in anderer Form, ebenso unglücklich sind wie die Armen.

"Die kleine Magazindame ist meine Mutter – ich hätte nicht zu ihr gehen sollen. Aber sie wird schon wieder in Ordnung kommen – sie hat einen Diddy und einen braven Mann, dessen Untreue so lukrativ für sie ist – bald wird er wohl sechzig sein, dann fängt er erst richtig an, Seitensprünge zu machen, und dann wird sie viele schöne neue Ringe bekommen."

Schicksalsschlag durch Glück

Sie fordert Geld von dieser Mutter, nicht für sich, sondern für einen verzweifelten Freund, der vor dem Nichts steht, doch als sie eintrifft, hat er sich und seine Familie schon umgebracht.
Den schlimmsten Schicksalsschlag aber empfängt Gigli durch das Glück: Sie verliebt sich. Martin ist Künstler, unbürgerlich, lebensfroh, leichtsinnig, welterfahren, und die Leidenschaft für ihn wirft die junge Frau aus der Bahn. Sie löst sich förmlich auf, mit ihren Plänen, ihrem Ehrgeiz, ihrem festen Zugriff aufs Leben.

"Du - die rote, heiße Wolke – die Sonne – immer näher – Hyazinthen -, Hyazinthen in schwarzen Vasen – deine Hände auf meiner Brust – deine Lippen – deine Augen im Licht, der liebe Schmerz in deinen Augen... du – die Ringe – sind auf die Erde gefallen – lass sie liegen – meine Hände – die brauche ich jetzt für dich..."

Ein völlig neuer Ton

So etwas hatte man noch nie gelesen, damals, 1931, als Irmgard Keuns Roman "Gilgi - eine von uns" erschien:
Ein völlig neuer Ton, eine Sprache, sachlich direkt und dennoch zärtlich, eine Feier des Lebens und der Liebe, die auf alle Konventionen pfiff. Ein Erfolg, der von vielen fast als Skandal empfunden wurde, mit einer modernen Heldin, die sich nicht unterkriegen lässt. Gilgi begreift, dass Martin sie zwar ebenso liebt wie sie ihn, dass aber ihre Lebensweise, ihre Zukunftsträume sich auf die Dauer nicht vertragen.

"Ein Mensch kann sich wohl von sich aus ändern, - aber einen anderen ändern wollen, heißt sich und ihm nur das Leben schwer machen. Er hat mich wohl wirklich lieb jetzt und würde sich vielleicht umstellen, - mir zuliebe. Aber ganz abgesehen von der äußeren Schwierigkeit – auch sonst ist das furchtbar schwer. Ja, wenn er das später ganz unbeeinflusst und ganz langsam und allmählich und vor allem ganz, ganz freiwillig tut – dann – ja, dann..."
Sie verlässt ihn und Köln und beginnt ein neues Leben in Berlin.

Gilgis Geschichte

Camilla Renschke

Camilla Renschke

Die Schauspielerin Camilla Renschke taucht ganz ein in diese Welt, liest Gilgis Geschichte mit beeindruckender Empathie für eine junge Frau, die sich durch alle Miseren der Zeit kämpft, mit den Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs, der wackligen Wirtschaftslage nach der Inflation, der zunehmenden Arbeitslosigkeit, den bedrohlichen politischen Zusammenstößen. Ihre mädchenhafte, leicht heisere Stimme fängt die liebende Verzweiflung ein, den Überlebenstrotz, die vielleicht aussichtslose Tapferkeit der Heldin, die sich so gar nicht als Heldin fühlt – eine schöne Art, Irmgard Keuns Roman neu oder wieder zu entdecken.

Stand: 13.03.2019, 10:00