Mark Gevisser - Die pinke Linie

Mark Gevisser - Die pinke Linie

Von Marko Martin

Der südafrikanische Publizist Mark Gevisser portraitiert den weltweiten Kampf um sexuelle Selbstbestimmung und Geschlechtsidentität. Er tut dies nicht in der Form eines thesenlastigen Pamphlets, sondern als spannende Reportage.

Mark Gevisser: Die pinke Linie
Aus dem Englischen von Helmut Dierlamm und Heike Schlatterer.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2021.
653 Seiten, 28 Euro.

Mark Gevisser: Die pinke Linie

WDR 3 Buchkritik 18.06.2021 05:51 Min. Verfügbar bis 18.06.2022 WDR 3


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Menschen in ihrer ganzen Vielfalt

Aunty ist eine enddreißigjährige Transperson aus Malawi, die aufgrund sexueller Verfolgung ins benachbarte Südafrika geflohen war. Dort lebt sie unter prekären Umständen in einem Township bei Kapstadt. Und dort hat sie auch der Essayist Mark Gevisser besucht.

Im Laufe der Jahre konnte er zahlreiche solcher Gespräche mit Angehörigen sexueller Minderheiten führen: In seiner Heimat ebenso wie in Kairo, Moskau, Tel Aviv oder Ramallah. Dabei geht es ihm tatsächlich um Menschen in ihrer ganzen Vielfalt und Widersprüchlichkeit. Und auch darum, die eigene privilegierte Position nicht schamhaft zu verschweigen. 

"Ich bin ein weißer schwuler Mann und lebe auf der säkularen und wohlhabenden Seite einer pinken Linie, die nicht nur die Welt, sondern auch meine Heimatstadt Kapstadt teilt, Aunty ist eine arme, schwarze Transfrau und lebt auf der anderen Seite. Die pinke Linie zwischen uns hat viele Komponenten: Ich wohne hinter Mauern, habe ein Auto und bin gendernormativ; sie lebt in einem überfüllten Hinterhof, muss zu Fuß gehen und ist gendervariant."

Wirtschaftlichte Zusammenhänge

Anders als etwa die Linken-Politikerin Sara Wagenknecht in ihrem aktuellen Buch "Die Selbstgerechten" insinuiert, besteht eben kein Widerspruch zwischen den Kämpfen für sexuelle Emanzipation und der Sensibilität für sozialökonomisch bedingte "hard facts". Wo Armut und Ausbeutung herrschen, so Gevissers empirisch beglaubigte Wahrnehmung, ist es auch um die Rechte der Minderheiten schlecht bestellt - und vice versa. Je ärmer die Betroffenen sind, umso gefährdeter ist ihre Existenz, je weiter von den großen Städten entfernt und je bildungsferner, desto geringer ihre Chance, dass NGO`s auf sie aufmerksam werden.

Und selbst dann geraten sexuelle Minderheiten häufig ins Visier lokaler Potentaten - und zwar im Namen eines demagogisch verformten "Antikolonialismus". Nachdem nämlich westliche Staaten der ugandischen Regierung mit Sanktionen gedroht hatten, sollte sie ein rabiat homophobes Gesetz verabschieden, schaltete Präsident Museveni auf Gegenangriff:

"Die geballte Opposition des Westens gegen das Gesetz, sagte Museveni, als er es schließlich unterzeichnete, sei `eine Form von Sozialimperialismus, um dem Land bestimmte Werte aufzuzwingen. Die Unterzeichnung des Gesetzes wurde zu einer Geste antikolonialer Selbstbestimmung gegen diesen `Imperialismus´ - selbst wenn die Ideen, die in dem Gesetz ihren Ausdruck fanden, ebenfalls aus dem Westen gekommen waren."

Feindliche Stimmung fordert Todesopfer

Die grausige Ironie der Geschichte besteht darin, dass auch in Uganda der britische Kolonialismus eine bigotte Homophobie mit sich gebracht hatte und dass heute vor allem Evangelikale nordamerikanischer Prägung dieses Erbe bewirtschaften. Freilich geht es hier nicht lediglich um "Debatten" oder gar "kulturelle Eigenheiten".

Während zum Beispiel Angola Homosexualität entkriminalisiert hat, fordert die feindliche Stimmung in Uganda bis heute Todesopfer unter Schwulen und vor allem Transpersonen, die als vermeintlich "westlich Degenerierte" besondere Aggression auf sich ziehen. Für Mark Gevisser ist diese Hasssprache nichts Neues:

"Schon Stalin nutzte sie, um in der Sowjetunion der dreißiger Jahre eine moralische Panik gegen Homosexuelle loszutreten. Der Schriftsteller Maxim Gorki, der diese Entwicklung als Stalins Propagandist in der Zeitung Prawda erklärte, verkündete, es sei an der Zeit, dass das Proletariat derartige vom Westen ausgehende Symptome kapitalistischer Krankheit wie ein Elefant zermalmt."

Die Kraft persönlicher Schicksale

Ähnlich hört es sich heute in Putins Russland an, in dem nationalistische Kreml-Ideologen hasserfüllt von "Gayropa" halluzinieren und der EU und George Soros vorwerfen, sogenannte "russische Werte" zu unterminieren.

Dass dies mit deutlich antisemitischer Schlagseite geschieht, gehört dabei zum rhetorischen Geschäftsmodell. Umso eindrucksvoller Mark Gevissers Porträt eines lesbischen Paars in Moskau, das für sich und die Zukunft ihrer Kinder kämpft. Wie ohnehin die Kraft persönlicher Schicksale stärker wirkt als die einen oder anderen "Narrative", die vom Individuellen abstrahieren.

Davon zeugt auch die Geschichte des jungen israelisch-arabischen Krankenpflegers Fadi aus Jaffa, der mit seinem gleichaltrigen jüdischen Partner Nadav in Tel Aviv lebt, aber auch Kontakt hält zu seinen palästinensischen Freunden in Ramallah, die dort freilich um den Preis ihres Lebens gezwungen sind, ihre Homosexualität zu verbergen. 

"Fadi entdeckte, dass er queer und arabisch sein konnte; er musste sich nicht entscheiden. Und Nadav konnte sich nicht daran erinnern, dass seine Homosexualität beim Militär je ein Problem gewesen wäre. Die israelischen Streitkräfte hatten sich bereits 1993 dazu verpflichtet, schwule und lesbische Wehrpflichtige vor Diskriminierung zu schützen. Wenn er gewollt hätte, hätte er in seiner Militäruniform zur Gay Pride-Parade gehen können."

Der Kampf für ein selbstbestimmtes Leben

Dennoch: Mark Gevisser malt keine Postkarten-Idyllen; politische Verwerfungen belasten häufig auch glückliche Paarbeziehungen. Außerdem gibt es keine Garantie dafür, dass die Abwesenheit oder das Nachlassen gesellschaftlichen Drucks automatisch zu einem harmonischeren Leben führt.

Nicht wenige der in diesem Buch Porträtierten, denen irgendwann die Flucht in den liberalen Westen gelungen war, machten in der dortigen Queer-Szene keineswegs nur positive Erfahrungen. Und doch, darauf legen diese tapferen Menschen in ihren Berichten Wert, sind es ihre Erfahrungen, ist es ab nun ihr selbstbestimmtes Leben, in dem sie sich zu behaupten suchen. Kein Paradies, aber weit mehr als lediglich eine "Hoffnung". Was für ein präzises und Mut machendes Buch!    

Stand: 17.06.2021, 16:29