Buchcover: "Geschichte eines Kindes" von Anna Kim

"Geschichte eines Kindes" von Anna Kim

Stand: 20.09.2022, 12:00 Uhr

Ein Blick auf die Kehrseite der Sprache: Anna Kim erzählt von der Adoption eines "gemischtrassigen" Kindes und der Bürde, als fremd wahrgenommen zu werden. Ein aufwühlender Faktenroman über Rassismus. Eine Rezension von Corinne Orlowski.

Anna Kim: Geschichte eines Kindes
Suhrkamp Verlag, 2022
220 Seiten, 23 Euro

"Geschichte eines Kindes" von Anna Kim

Lesestoff – neue Bücher 20.09.2022 05:46 Min. Verfügbar bis 20.09.2023 WDR Online Von Corinne Orlowski


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Keine Verharmlosung

Eine Triggerwarnung vorweg: Dieser Roman könnte verstören, denn die hier verwendete Sprache ist rassistisch und mitunter schwer zu ertragen. Auch wenn es manche stören mag, wenn vor Kunstwerken gewarnt wird: in diesem Fall ist es angebracht.

Denn die Autorin Anna Kim setzt rassistische Sprache bewusst ein – nicht, um zu provozieren, sondern, um nicht zu beschönigen. Ihre Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten.

Kim: „Ich halte es für verharmlosend, wenn ich die Geschichte nacherzählt hätte und das ganze Vokabular ausgetauscht hätte. Das hätte für mich überhaupt nicht funktioniert. Und ich weiß, es liegt sehr viel Drastik in diesen Begriffen und ich bin ja auch persönlich immer wieder mit solchen Begriffen konfrontiert übrigens.“

Ethnische Bestimmung

Anna Kim erzählt ihre "Geschichte" in zwei sich abwechselnden Strängen. Es geht um Daniel, der im Juli 1953 von seiner unverheirateten Mutter noch in der Nacht seiner Geburt zur Adoption freigegeben wird. Die mit dem Fall betraute Sozialarbeiterin vermutet, dass das Kind, anders als angegeben, einen Schwarzen Vater haben könnte. Ein Skandal, weshalb sie wie besessen versucht, es ethnisch zu bestimmen.

"Der Säugling besitzt Körpermerkmale, die auf eine indianische Abstammung hinweisen könnten. Es ist allerdings noch zu früh, dies zu beurteilen."

Bedingungen für Zugehörigkeit

Green Bay, Wisconsin, 60 Jahre später: Seit Tagen schneit es und auch die Gesellschaft hier ist sehr weiß. Dorthin verschlägt es Franziska, Österreicherin mit koreanischer Mutter, die wie ein Alter Ego der Autorin wirkt. Sie hat ein Stipendium am College erhalten und quartiert sich bei Joan ein. Deren Mann liegt nach einem Schlaganfall im Krankenhaus. Er ist der Junge aus den Akten.

"Ihr Mann Danny sei in der gleichen Situation wie ich. Er sei der einzige Afroamerikaner in Green Bay, zumindest fühle es sich so an. Sie sagte, es sei wichtig, eine Gruppe zu haben, zu der man gehöre. Herkunft sei nicht die alleinige Bedingung für Zugehörigkeit, wandte ich ein. Sie schüttelte den Kopf."

Daniels Akte

Anna Kim kennt die Bürde, wegen des Aussehens als fremd wahrgenommen zu werden und sie kennt auch den wahren Daniel, der als Kind vermessen und kategorisiert wurde. 2015 hat sie seine Akte in die Hände bekommen. Die haben sie so fasziniert, dass sie daraus Literatur machen wollte. Aber zunächst musste sie recherchieren, denn an der Akte hat sie einiges irritiert.

Kim: "Intelligenztest bei einem Säugling? Ich fand das alles ganz eigenartig und musste das erstmal herausfinden und das war gerade bei diesen Tests extrem schwierig. Das war sicherlich einer der Punkte dieses Romans, zu zeigen wie subjektiv oder wie unwissenschaftlich zum Teil Wissenschaft sein kann."

Zwei Erzählebenen mit eigenem Ton

Anna Kim bemerkt, wie viel wertendes Urteil in den scheinbar objektiven Beschreibungen steckt. Und das macht sie zum Thema ihres beeindruckenden Romans.

Denn sie schafft es für ihre zwei Erzählebenen jeweils einen eigenen Ton zu entwickeln: einmal protokollarisch, in denen die Betrachtungen immer subjektiver werden, je älter das Kind wird und dann aus der Perspektive der Ich-Erzählerin Franziska, die bildlich und mit kluger Beobachtungsgabe Daniels Geschichte aufarbeitet, der nie zur handelnden Figur wird, da immer nur über ihn gesprochen wird.

Kim: "Das hat mich wirklich am allermeisten schockiert, wie viel offener Rassismus in diesen Berichten liegt und wirklich berührt hat mich – ich bin mitten in der Arbeit an diesem Buch selbst schwanger geworden und dann konnte ich es überhaupt nicht fassen, wie man so einen Säugling behandelt, wie sie das Kind behandelt haben. Das fand ich schon heftig."

Abweichungen von der Norm

Der Mensch wird zum Material – und Anna Kim entlarvt mit ihrer "Geschichte eines Kindes", wie ein ganzes Leben durch Fremdzuschreibungen beeinflusst wird. Das trifft im Grunde alle. Denn die Geschichte jedes Kindes – ob rassifiziert oder nicht – ist zwangsläufig das erzählerische Objekt anderer, man selbst hat ja keine Erinnerungen an seine Geburt. Im Fall von Daniel und Franziska kommt aber noch die äußerliche Abweichung von der Norm hinzu.

"Die Ausnahme von der Regel zu sein, nein, sowohl die Ausnahme als auch die Regel zu sein, meistens beides innerhalb eines Satzes, ist seit jeher meine Conditio humana; wie das Irren durch ein Spiegellabyrinth befördert dies die Schizophrenie."

Strukturen ändern

Auch wenn manche Begriffe wie das N-Wort heute nicht mehr benutzt werden – dieser Faktenroman zeigt aufwühlend, wie lebendig und gewaltvoll die Idee der "Rasse" immer noch ist. Die Lektüre ist schmerzhaft, aber vermutlich gelingt nur so der kunstvolle Blick auf Alltagsrassismus.

Kim: "Wir müssen das ändern, Strukturen ändern. Das wäre natürlich das Tollste, aber kann man so viel von Literatur erwarten?"