Maja Lunde - Die Geschichte des Wassers

Maja Lunde - Die Geschichte des Wassers

Maja Lunde - Die Geschichte des Wassers

Von Jutta Duhm-Heitzmann

Wasser ist Leben, Wasserknappheit heißt Tod. Die Schriftstellerin Maja Lunde schreibt über klimatische Verschiebungen und ihre verheerenden Folgen für die menschliche Existenz.

Maja Lunde
Die Geschichte des Wassers
Aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein
Btb, München 2018
480 Seiten
20 Euro.

Zerstörter Rest

Es war einmal eine überwältigend schöne Landschaft, hohe, scharfzackige Berge, ein uralter Gletscher, zwei Wasserfälle, ein Dorf, und an der Stelle, wo der Gletscherfluss in den Fjord mündete, eine einzigartige Meeresfauna. Die Gegend ist immer noch ein Ziel für Touristen, aber die sehen von ihren dieselstinkenden Kreuzfahrtschiffen aus nur noch einen zerstörten Rest,

"sehen die Schwesternfälle nicht (...) und auch den Fluss Breio können sie nicht sehen, der als Allererstes verschwand, (...) Die Röhren, die einmal der Fluss waren, liegen unter der Erde, und die Schäden, die der Natur bei den Baggerarbeiten zugefügt worden sind, wurden allmählich von der Vegetation überwuchert."

Dem Gletscher ans Leben

Signe erinnert sich an alles, als sie mit ihrem Boot den Landungssteg ansteuert. Sie ist dort geboren und aufgewachsen, aber zornig weggezogen, als die Einwohner selbst der Zerstörung ihrer Heimat zustimmten, verführt durch die hohen Entschädigungssummen für den Bau eines riesigen Kraftwerks. Jetzt geht es auch dem Gletscher ans Leben, nicht nur durch die weltweit steigenden Temperaturen:

"Sie holen Eis aus dem Gletscher, reines weißes Eis aus Norwegen, und vermarkten es als das Exklusivste, was man in seinen Drink geben kann, einen schwimmenden Mini-Eisberg, eingetaucht in goldenen Schnaps, aber nicht für norwegische Kunden, nein, für jene, die es sich wirklich leisten können (...) als wäre es Gold, weißes Gold."

Flucht Richtung Norden

Maja Lunde

Maja Lunde

Die Ökoaktivistin will als Protestaktion das schon zum Transport verpackte Eis in den Fjord entsorgen, einige Behälter davon aber Magnus vor die Tür schütten: Magnus, ihrer großen Liebe, der sie und die Heimat verkauft hat. Signe und ihr Widerstand finden in unserer Zeit statt, im Jahr 2017. Parallel dazu wird im Roman die Geschichte von David erzählt, die 2041, also in einer nahen Zukunft spielt. Wie Millionen anderer Menschen ist der junge Mann mit seiner Tochter Lou auf der Flucht Richtung Norden, wo es noch Wasser geben soll. Mitteleuropa ist längst verwüstet, ausgetrocknet von einer Sonne, die erbarmungslos aus einem ewig wolkenlosen Himmel strahlt. Sie hatten zu lange gezögert, ihre kleine französische Stadt zu verlassen.

"In den Läden fehlten die Nahrungsmittel, und die Stadt wurde immer leerer, stiller. Und wärmer. Denn je trockener die Erde, desto heißer die Luft. Früher hatte die Sonne ihre Kraft darauf gerichtet, das Wasser zu verdampfen. Als es keine Feuchtigkeit mehr in der Erde gab, richtete sie ihre Kraft auf uns."

Europa funktioniert nicht mehr

Noch gibt es organisierte Flüchtlingslager, aber deren Ende ist abzusehen. Europa funktioniert nicht mehr. Menschen, die an Flüssen leben, vertreiben mit Gewalt andere Vertriebene, Hitze und Wassermangel machen alle aggressiv, es wird mehr Chaos geben und todbringende Anarchie - ein desolates Bild, keine negative Utopie, sondern plausible, näher rückende Lebenswirklichkeit. Wie in ihrem internationalen Bestseller „Die Geschichte der Bienen“ zeigt die norwegische Autorin Maja Lunde die möglichen, vielleicht sogar wahrscheinlichen Konsequenzen einer gedankenlosen, von Gier getriebenen Zerstörung der Umwelt in unserer Zeit. Wenn die Bienen an den Giften einer verantwortungslosen Agrarindustrie sterben, werden Blüten nicht mehr bestäubt, es gibt Ernteausfälle, Rationierungen Hungersnöte, Tote. Die Natur ist ein fein austariertes System, in dem alles mit allem zusammenhängt. Wenn jetzt Gletscher zerstört und Urwälder gerodet werden, verändert sich das Klima. Längst ist bekannt, dass es weltweit Kriege um Wasser geben wird, zum Teil schon gibt. Wasser, denkt Signe,

"das ganze Leben ist Wasser, das ganze Leben war Wasser. Wohin ich auch sah, war Wasser. (...)Die Hügel, Berge, Steine, Wiesen waren nur winzige Inseln in dem, was die eigentliche Welt darstellte, und ich nannte meine Welt Erde, aber ich dachte, eigentlich müsste sie Wasser heißen."

Kurzsichtige kapitalistische Naturausbeutung

Gegen Ende des Buches hin verschränken sich die Lebensläufe von Signe und David, indirekt, sie selbst treffen sich nie, wissen nicht einmal voneinander. Nur die Leser begreifen die Zusammenhänge, die hier der Spannung wegen nicht verraten werden sollen. Es sind ziemlich einfache Plots, in beiden Erzählsträngen, fast naiv in ihrer Linearität dargestellt – aber sie berühren dennoch. Nicht nur wegen des Themas, mit dem sich die Autorin wie auch in ihrem Bienenbuch erkennbar gründlich beschäftigt hat. Doch sie hat kein Sachbuch, sondern einen Roman geschrieben, mit genau gezeichneten Personen, deren Schicksale beispielhaft für die vieler anderer stehen. Keine ideologischen Pappfiguren, sondern aufbegehrende, leidende, verzweifelte Menschen, Opfer – heute und morgen – kurzsichtiger kapitalistischer Naturausbeutung. Maja Lunde lässt Signe und David zwar einen Hoffnungsschimmer, winzige Oasen des Glücks in Wüsten von Zorn und stiller Verzweiflung, aber das ändert an der apokalyptischen Grundstimmung kaum etwas.

"Unser Leben würde sowieso kurz sein, und genau in diesem Moment, an diesem Ort, hatten wir nur dieses Leben. (...) Wir hatten keine Kraft mehr, um zu kämpfen, um uns anzustrengen. Wir wollten einfach nur hier sein, gemeinsam. Unsere Tage sollten zu einem Leben werden."

Stand: 09.04.2018, 16:05