Gertrude Stein - Geld

Gertrude Stein - Geld

Gertrude Stein - Geld

Von Dirk Hohnsträter

Hochaktuelle Betrachtungen: fünf Texte der avantgardistischen Schriftstellerin Gertrude Stein über das Geld lohnen die Wiederentdeckung.

Gertrude Stein
Geld

Aus dem Amerikanischen von Michael Mundhenk,
mit Magischen Quadraten von Friedrich Meckseper
Friedenauer Presse, Berlin 2019
24 Seiten
14 Euro

Ist Geld nun Geld oder ist Geld nicht Geld?

"Es ist schon sehr komisch mit dem Geld. Was die Menschen von den Tieren unterscheidet ist Geld. Alle Tiere haben die gleichen Gefühle und die gleichen Gewohnheiten wie Menschen. Wer viele Tiere um sich herum hat weiß das. Aber was kein Tier kann ist zählen, und was kein Tier kennt ist Geld."

Es gibt etwas zu entdecken: fünf Texte, die Gertrude Stein 1936 veröffentlicht hat, und die alle um das Thema Geld kreisen.„Geld“, „Mehr über Geld“, „Noch mehr über Geld“, „Alles über Geld“, „Ein letztes über Geld“. Bereits die Abfolge der Überschriften sagt etwas über das Thema aus, zeigt sie doch den Anhäufungscharakter des Geldes, die Tatsache, dass man nie genug davon bekommt. Bekanntlich stammt der berühmte Vers, dass eine Rose eine Rose sei, von der Pariser Avantgardistin. So überrascht es kaum, dass die Meisterin der höheren Tautologie auch beim Thema Geld erst einmal Elementarsätze formuliert:

"Jeder muß sich jetzt wirklich entscheiden. Ist Geld nun Geld oder ist Geld nicht Geld. Jeder der es verdient und es jeden Tag zum Leben ausgibt weiß daß Geld Geld ist, jeder der darüber abstimmt wieviel Steuern eingetrieben werden sollen weiß daß Geld nicht Geld ist. Das ist es was alle verrückt macht."

Arme und Reiche

Steins Prosa kommt fast ohne Kommata aus, sie stellt fest, wiederholt, geht den Dingen mit rhythmischer Sprache auf Grund. Was lässt sich sagen? Was wissen wir wirklich? In diesen knappen Texten über das Geld hört man einen Hemmingwayschen Gestus der Reduktion heraus, ein Ethos des perfekt sitzenden Satzes, der mit dem darauf folgenden nur durch ein lakonisches "und" verbunden ist:

"Wenn es Reiche gibt kann man immer von den Reichen nehmen und den Armen geben aber wenn jeder arm ist dann kann man nicht von den Armen nehmen und den noch viel Ärmeren geben und da stehen sie dann da."

Geld ist Geld und das ist alles.

Gertrude Stein,

Gertrude Stein,

Stein, die wohlsituierte Amerikanerin in Paris, deren Salon moderne Künstler von Picasso bis F. Scott Fitzgerald versammelte, wendet ihre Betrachtungen über das Geld überraschenderweise ins Sozialpolitische. Was zunächst wie literarische Erkenntnistheorie anmutet, bekommt eine ganz handfeste Dimension. Zu wissen, ob Geld Geld ist, hat nämlich sehr konkrete Auswirkungen auf das Ausgabeverhalten:

"Ob es einem nun gefällt oder nicht Geld ist Geld und das ist alles. Jeder weiß das. Wenn sie es verdienen und ausgeben was sie verdienen dann wissen sie es dann wissen sie wirklich daß Geld Geld ist und wenn sie darüber abstimmen dann wissen sie nicht daß es Geld ist."

Wie Betrachtungen über die Staatverschuldung

So lesen sich Steins mehr als 80 Jahre alte Texte wie Betrachtungen über die Staatverschuldung. Wer sein Geld verdienen müsse, schreibt Stein, kenne „den Unterschied zwischen einer Million und drei“. Wer jedoch lediglich über abstrakte Zahlen abstimme, neige nicht zu verantwortungsvollem Haushalten.

"Wenn man einmal anfängt Geld auszugeben hört man nie wieder von selbst auf. Wenn man aufhört, dann nur weil jemand dafür sorgt daß man aufhört. Und wer soll schon dafür sorgen daß der Kongreß aufhört zuviel Geld auszugeben. Das muß sich jetzt jeder mal überlegen."

Sätze von spektakulärer Weitsicht

Auf hochinteressante Weise verbinden Steins Texte über das Geld also drei Momente: ein erkenntniskritisches, ein politisch-ökonomisches und ein literarisches. Ihre punktgenaue, rhythmische Prosa führt vor, wie untrennbar Sprache und Wirklichkeit verbunden sind. Als die Komponistin Ulrike Hage Steins Betrachtungen vor ein paar Jahren zu einem Hörspiel vertonte, waren sie nur Insidern bekannt. Jetzt sind die Texte wieder im Buchhandel erhältlich: in einer einmal mehr bezaubernd gestalteten Ausgabe des Verlags Friedenauer Presse. Machen Sie sich gefasst auf Sätze von spektakulärer Weitsicht. Zum Beispiel auf folgende:

"Was werden sie als nächstes versuchen, was will das einundzwanzigste Jahrhundert tun? Sie werden bestimmt nicht organisiert sein wollen, das zwanzigste Jahrhundert erlebt gerade das Ende davon, vielleicht da die unberührte Natur bis dahin so gut wie verbraucht sein wird und da außerdem bis dahin jeder so schnell er kann überall gewesen sein wird, vielleicht werden sie anfangen wieder Freiheit zu suchen und ihre Zeit wieder auf individuelle Ar t zu verbringen und ihr Land auf altmodische Art oder eigenhändig zu bestellen."

Gertrude Stein: "Geld"

WDR 3 Buchrezension 14.06.2019 04:47 Min. Verfügbar bis 13.06.2020 WDR 3

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Stand: 13.06.2019, 14:02