Kateřina Tučková - Gerta. Das deutsche Mädchen

Kateřina Tučková - Gerta. Das deutsche Mädchen

Kateřina Tučková - Gerta. Das deutsche Mädchen

Von Holger Heimann

Eine unschuldige junge Frau wird nach dem Zweiten Weltkrieg aus ihrer Heimatstadt Brünn vertrieben, weil sie einen deutschen Vater hat. Danach sucht sie zeitlebens vergeblich nach Gerechtigkeit.

Kateřina Tučková
Gerta. Das deutsche Mädchen

Aus dem Tschechischen von Iris Milde
Klak Verlag, Berlin 2018
548 Seiten
19,90 Euro

Nach dem Krieg folgte die Vergeltung

Im Frühjahr 1939 proklamierte Hitler in Prag den Anschluss von weiten Teilen der Tschechoslowakei an das "Deutsche Reich". Jeglicher Widerstand im sogenannten Protektorat Böhmen und Mähren wurde brutal niedergeschlagen. Nach dem Krieg folgte die Vergeltung. Auf Grundlage der Beneš-Dekrete wurden Millionen Deutsche pauschal zu Staatsfeinden erklärt und dazu gezwungen, ihre angestammte Heimat zu verlassen. Zu ihnen zählt die junge Gerta, die titelgebende Hauptfigur im Roman der tschechischen Autorin Kateřina Tučková.

"Sie konnte nicht sagen, wie lange sie schon unterwegs waren. Als ob ihr Weg Jahrhunderte dauerte. Dabei dämmerte es noch nicht einmal, es konnten also nur ein paar Stunden sein. Sie war müde und ihre Begleiterin auch. Sollte sie versuchen, stehen zu bleiben und sich auszuruhen? Einige Male schon waren sie an Menschen vorbei gegangen, die auf der Erde saßen oder auf einem Koffer, den sie mitschleppten. Sie hatte Angst, stehen zu bleiben."

Ein brisantes Thema mit großem aufklärerischen Anspruch

Mit solchen Szenen und teils drastischen Bildern beginnt der Roman. Zusammen mit anderen Unglücklichen befindet sich Gerta auf einem Marsch, der kein Ende zu nehmen scheint. Tučková nimmt die Vertreibung in einem Prolog vorweg, erzählt in der Folge aber streng chronologisch, wie es dazu kam und was nachher geschah. Das tragische Schicksal der jungen Frau steht dabei beispielhaft für den Umgang mit den Deutschen nach Kriegsende und das spätere Schweigen über die Geschehnisse in der Tschechoslowakei. Tučková widmet sich dem brisanten Thema mit großem aufklärerischen Anspruch, der allerdings zuweilen zu vehement in den Vordergrund ihrer Erzählung drängt, gerade weil sie selbst bei ihren Nachforschungen auf allerlei Widerstände gestoßen ist.

Kateřina Tučková

Kateřina Tučková

"Bei uns wurde Jahrzehnte nicht darüber gesprochen. Das kommunistische Schulwesen hat versucht, diesen Teil der Geschichte auszuradieren. Es war ein Tabu – auch in den Familien. Ich habe als Studentin in den 90er Jahren in der sogenannten Brünner Bronx gewohnt und dort deutsche Inschriften entdeckt, wie "Mährische Glas- und Spiegelindustrie". Dieser ersten Spur bin ich nachgegangen. Ich habe angefangen zu fragen, auch meine Großeltern. Aber sie wollten nicht über die Vergangenheit reden. Schließlich bin ich auf drei Frauen gestoßen, die diesen Todesmarsch als Kinder erlebt haben. Sie haben mir auch von einer 21jährigen Frau erzählt, die 1945 vertrieben wurde, obwohl sie aus einer deutsch-tschechischen Familie stammte, wie es viele in dieser Zeit gab."

Während des Krieges zerfällt die Welt

Diese Frau wird im Roman zu Gerta. Während des Krieges zerfällt die Welt, die das Mädchen kennt: Der deutsche Vater wird zum glühenden Hitleranhänger, die tschechische Mutter stirbt, Freundschaften zerbrechen. Als die Naziherrschaft endet, glaubt Gerta zunächst daran, dass sich die Dinge nun auch für sie wieder zum Besseren wenden könnten.

"Natürlich hatte sie geahnt, dass man es den Deutschen mit gleicher Münze heimzahlen würde. Was sonst? Schließlich war oft genug darüber geredet worden. Deshalb hatten viele wie Ratten das sinkende Schiff verlassen, als klar war, dass die Deutschen den Krieg verlieren würden. Unzählige Wohnungen und Geschäfte standen leer. Zum Beispiel der ursprünglich jüdische Kolonialwarenladen an ihrer Straßenecke oder die Villa ihres ehemaligen Nachbarn Herrn Hovězák aus der Sterngasse, der sich mit Kriegsbeginn plötzlich Herr Hortek nannte. All jene hatten sich aus dem Staub gemacht. Und aus diesem Grund war Gerta ja geblieben. Warum sollte sie, die wie ihre Mutter Tschechin war und bis zum Krieg eine tschechische Schule besucht hatte, fliehen?"

Vertreibung und Zwangsarbeit

Dass es keine Zeit für Fragen nach dem Verhalten Einzelner und für eine differenzierte Aufarbeitung des Geschehenen ist, das muss Gerta bitter erfahren. Tučková erzählt ihre Geschichte von der Okkupationszeit bis in die 1990er Jahre. Nachdem Gerta die später als "Brünner Todesmarsch" bezeichnete ≈ aus ihrer Heimatstadt knapp überlebt, gelingt es ihr zwar, in der Tschechoslowakei zu bleiben. Zusammen mit anderen Frauen wird sie hier jedoch zur Zwangsarbeit auf dem Land verpflichtet. Sie schuftet auf dem Feld und im Kuhstall. Einer tschechischen Bäuerin legt die Autorin eine zu jener Zeit wenig verbreitete Einsicht in den Mund.

"Diese Frauen sind genauso arm dran wie all die anderen armen Schlucker nach dem Krieg. Sogar schlimmer. Der Krieg ist zu Ende und sie haben alles verloren wie wir, aber im Gegensatz zu uns sieht ihre Zukunft düster aus. Wir können jetzt wenigstens unser Land aufbauen und uns eine Existenz. Aber für sie ist es nicht vorbei, sie arbeiten hier als Strafe für etwas, das sie nicht verbrochen haben. Und sie haben keine Aussicht auf Besserung."

Ein schuldloses Opfer der herrschenden Zeitumstände

Daran ändert sich nichts. Tučková lässt Gertas Hoffnungen auf ein besseres Leben auch nach ihrer Rückkehr in ihre alte Heimatstadt immer wieder aufs Neue an der tschechischen Nachkriegsrealität zerschellen. Stück für Stück wird die stets als Fremde stigmatisierte Frau so aller Kraft und Lebensenergie beraubt. Katherina Tučková macht an zahlreichen Beispielen deutlich, dass Gerta ein schuldloses Opfer der herrschenden Zeitumstände war. Das Buch wirkt so allerdings manchmal leider allzu sehr wie ein Geschichtskurs mit klaren erzieherischeren Absichten. Ohne Wirkung ist der aufklärerische Impetus derweil nicht geblieben. In Tschechien wurde der trotz allem lesenswerte Roman breit diskutiert. Er markiert die späte, aber nachdrückliche Auseinandersetzung des Landes mit unliebsamen Aspekten seiner Geschichte.

Stand: 15.03.2019, 10:16