Gert Westphal liest - Die Jahreszeiten in der deutschen Dichtung

Gert Westphal liest - Die Jahreszeiten in der deutschen Dichtung

Gert Westphal liest - Die Jahreszeiten in der deutschen Dichtung

Von Monika Buschey

Der Jahreslauf in der Natur inspirierte die Dichter zu allen Zeiten. Die Sprecherlegende Gert Westphal rezitiert Gedichte und Prosatexte über Frühling, Herbst und Winter, von Paul Gerhard bis Kurt Tucholsky.

Gert Westphal liest:
Die Jahreszeiten in der deutschen Dichtung

Der Hörverlag
ISBN 978-3-8445- 3321-7
4 CDs

Im Rheinland kennt man die fünfte Jahreszeit, auch der spottbegabte Kurt Tucholsky hat der Fünften ein Gedicht gewidmet, allerdings meint er ganz was anderes als den Karneval. Die übrigen Dichter des christlichen Abendlandes halten sich an die bewährte Reihenfolge und besingen lebhaft Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Gert Westphal, eine Legende unter den Sprechern – im nächsten Jahr wird sein 100. Geburtstag zu feiern sein – ist den deutschen Dichtern und den Jahreszeiten auf der Spur. Der Hörverlag hat Aufnahmen aus den Jahren 1989, 90, 91 zusammengestellt.

Gert Westphal liest "Die Jahreszeiten in der deutschen Dichtung"

WDR 3 Mosaik 20.03.2019 05:43 Min. WDR 3

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Mit seinem Goethe auf Du und Du

"Wie im Morgenrot
Du rings mich anglühst
Frühling, Geliebter!
Ruft drein die Nachtigall
Liebend nach mir aus dem Nebeltal.
Ich komme, ich komme!
Wohin? Ach, wohin?
Hinauf, hinauf strebts.
Es schweben die Wolken
Abwärts, die Wolken
Neigen sich der sehnenden Liebe."

Gert Westphal: Gesamtverzeichnis seiner Arbeiten von 1940-2002

Der Schauspieler und Sprecher Gert Westphal

Waren das noch Zeiten, als die Nachtigallen schlugen, als sich der Frühling unterdessen durch den Nebel kämpfte und unter allen Sprechern einer herausragte, der sich auf die Dichter verstand wie keiner sonst. Gert Westphal steht mit seinem Goethe auf Du und Du.

"In eurem Schoße,
Aufwärts!
Umfangend umfangen
Aufwärts an deinen Busen
Alliebender Vater."

Der Hang zum großen Gefühl

Es braucht ein nostalgisch gestimmtes Gemüt, um Westphals Interpretation recht schätzen und genießen zu können. Man muss sich einlassen auf seine Neigung zum barocken Überschwang, den Hang zum großen Gefühl. Es geht nicht allein um die Dichtung vergangener Jahrhunderte, es geht ebenso um eine Gestaltungsweise, der der Charme des Vergangenen anhaftet. Ein Rückblick, ein Hineinhören ins Damals.

"Mit tausendfacher Liebeswonne
Sich an mein Herz drängt
Deiner ewigen Wärme
Heilig Gefühl
Unendliche Schöne!"

Mitschnitte öffentlicher Auftritte

Die Aufnahmen sind vor dreißig Jahren entstanden – Mitschnitte öffentlicher Auftritte -, und die Emphase, die Westphal auch als Siebzigjähriger noch aufzubringen vermochte, erstaunt den ernüchterten Zuhörer von heute. Dem Reigen der Jahreszeiten gilt die Zusammenstellung. Vor allem Gedichte sind zu hören, aber auch Prosatexte.

Das gesellschaftliche Leben ruhte während dieser Spätherbsttage, man erholte sich von den Strapazen der Sommersaison und stärkte sich für die Wintergesellschaften. Aber ehe diese kamen, war noch ein mehrwöchentliches Interregnum durchzumachen, die Schlacht- und Backzeit, die letztere schon mit der Weihnachtszeit zusammenfallend.

Es stellt sich eine Nähe her

Ein längeres Kapitel aus Theodor Fontanes „Meine Kinderjahre“. Die Prosatexte, wie Westphal sie liest, klingen noch immer frisch. Unbedeutend, wie alt die Texte sind – es kommen längere Passagen von Goethe, Ernst Barlach, Adalbert Stifter und Theodor Fontane vor – es stellt sich eine Nähe her. Wogegen der hohe Ton der Gedichte Distanz schafft. Deutlich gemildert allerdings, sobald die literarische Moderne ins Blickfeld rückt. Ein November-Gedicht von Ricarda Huch.

"Das Licht erlischt/ die Nacht wird lang
Es wachsen die Schatten/ Der Wald wird kahl
Leer werden die Matten/ Wir essen Asche ins tägliche Brot gemischt
Das Licht erlischt/ Das Licht ist tot
Still sind die einst so fröhlichen Gassen
Wie viele haben uns auf immer verlassen/ Die am Tisch mit uns saßen
Mit uns brachen das Bort
Das Licht ist tot/ Das Herz ist schwer
Wo sind die vor uns dahin gegangen
Das Licht am Himmel wird neu erprangen/ Die toten Menschen kommen nie mehr.
Nie mehr. Das Herz ist schwer."

Pro Jahreszeit ist ein lexikografisches Kapitel eingeflochten.

Lenz steht bis ins 16. Jahrhundert auch in der Umgangssprache für Frühling. Luther noch gebrauchte nur Lenz. Kalendarisch vom 21. März – Märzen, Lenzmonat - bis 22. Juni.

Das Booklet rundet den jahreszeitlichen Reigen ab: Astronomie und Meteorologie finden Erwähnung, die Antike, die Kunstgeschichte in allen ihren Verästelungen. Zurück in den Frühling, zurück zu Gert Westphal. Er rezitiert ein Frühlingsgedicht, das er außerdem auch noch selbst geschrieben hat: Narzissen.

"Du so weiß und zart/ Und inmitten die Kron‘.
Deiner Hoheit Art macht dich einsam schon.
Schlank am Stiel gedreht/ Und das Antlitz zur Welt
Wer auch um dich steht/ Ist dir keiner gesellt
Fremd dem Zwerggefolg, das dir zu Füßen blüht
Näher der lichten Wolk‘ die sternwärts verzieht.
Schaust im Frühlingswind/ Sanft übers Deine hin
Halb wie ein Waisenkind/ Halb schon die Königin
Sieh in Gnaden mich Deiner Hohheit bereit/
Siehe ich deute dich/ In Verschwiegenheit. "

Stand: 19.03.2019, 15:00