Florian Illies - Gerade war der Himmel noch blau. Texte zur Kunst

Florian Illies - Gerade war der Himmel noch blau. Texte zur Kunst

Florian Illies - Gerade war der Himmel noch blau. Texte zur Kunst

Von Christoph Vratz

Florian Illies arbeitet heute als Kunsthändler. Aus seiner Zeit als Journalist stammen Texte zur Kunst, die inzwischen als Buch veröffentlicht wurden; darin er schreibt u.a. über Dichter und Maler. Mit Ulrich Noethen gibt es sie nun als Hörbuch.

Florian Illies
Gerade war der Himmel noch blau.
Texte zur Kunst

Ulrich Noethen , Sprecher
ISBN 978-3-7424-0242-4
DAV
4 CDs

Er ist studierter Kunsthistoriker und heute erfolgreicher Kunsthändler, er ist Mit-Herausgeber der "Zeit" und erfolgreicher Buch-Autor. Vor allem mit Titeln wie "Generation Golf" und "1913: Der Sommer des Jahrhunderts" hat er sich ein breites Lesepublikum erschlossen. "Gerade war der Himmel noch blau" – unter diesem Titel sind vor kurzem seine "Texte zur Kunst" erschienen, die im Laufe von zwei Jahrzehnten entstanden sind. Darin schreibt Illies sehr anschaulich und einfallsreich über Dichter wie Gottfried Benn und Harry Graf Kessler sowie über Maler wie Adolph Menzel, bis hin zu Andy Warhol. Ulrich Noethen hat den aktuellen Band von Florian Illies als Hörbuch aufgenommen.

Wolkenstudien

Das Spiel der Wolken – es begegnet uns immer wieder, in der Natur natürlich, und auch in der bildenden Kunst:

"Die Wolkenstudien sind […] eines der faszinierendsten Kapitel der Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts, weil hier auf seltene Weise einmal Wissenschaft und Künste im Gleichschritt marschierten."

Caspar David Friedrich in Deutschland, William Turner in England, Camille Corot in Frankreich – dies sind nur drei prominente Beispiele für Maler, die im frühen 19. Jahrhundert Wolken in unterschiedlichster Form auf Leinwand festgehalten haben: ob weiß, hellgrau oder dunkelgrau; lieblich oder bedrohlich, unmittelbar nah oder in weiter Ferne am Horizont.

"Während die Maler auf ihren Pappen mit Ölfarben versuchten, das einzufangen, was über ihnen am Himmel vorbeizog, holten auch die Meteorologen um 1800 die Wolken aus den Reichen der Mythologie auf den Boden der Tatsachen zurück."

Kunst und Wissenschaft, Hand in Hand

Auch Goethe betrieb Wolkenstudien aus wissenschaftlicher Perspektive und als Zeichner. Seine Rolle ist bezeichnend dafür, wie sehr sich Kunst und Wissenschaft zu dieser Zeit Hand in Hand weiterentwickelten.

"Um die Wolke also einzufangen, als zeichne man ein Porträt von ihr, brauchten die Maler um 1800 also auch eine neue Methode der Wirklichkeitserfassung. Eine ohne das Tempolimit der langsam trocknenden Farben im Atelier, frei von den Wünschen der Auftraggeber und der Frage der Verkäuflichkeit. Das war die Geburtsstunde der Ölstudie – mit den schnell trocknenden neuen Farben wurden in Minutenschnelle auf Papier oder kleine Pappen Landschaftseindrücke geworfen. Wie mit dem Teleobjektiv entdeckten die Künstler in der Natur kleinste Sensationen: die Blätter im Sonnenlicht, das kräuselnde Wasser am Ufer, den Schatten auf einer Hauswand – und eben die Wolke »ungeheuer oben«."

Auftakt, Umfang und ein Liebesbrief

"Die ersten Wolkenkratzer" heißt dieser Essay, den Florian Illies erstmals 2015 in der Kunstzeitschrift "Blau" veröffentlicht hat. Inzwischen ist der Text auch in seinem Sammelband "Gerade war der Himmel noch blau" abgedruckt. Die Buch-Ausgabe enthält 32 Aufsätze, 21 davon liegen jetzt auch als Hörbuch mit Schauspieler Ulrich Noethen vor. Warum man sich hier auf Kürzungen eingelassen hat, erschließt sich dem Hörer allerdings nicht. So fehlt beispielsweise der lohnenswerte Text über den Schriftsteller Jean Paul. Eine Begründung oder Erklärung über die zustande gekommene Auswahl liegt nicht vor. Die Hörbuch-Ausgabe enthält vor allem Texte über die Dichter Enzensberger, Benn, Dehmel und Trakl sowie über Maler wie Adolph Menzel, Andy Warhol und Günter Fruhtrunk.

Florian Illies

Florian Illies

Den Auftakt macht "Ein Liebesbrief", wie Illies seinen Text über Caspar David Friedrich nennt. Im Buch befindet er sich in der Rubrik „Erkundungen im 19. Jahrhundert“ nach rund hundert Seiten. Hier steht er gleich zu Beginn und leitet die Aufsätze über "Frühe Helden" ein.

"Lieber Caspar David Friedrich,
Sie werden sich jetzt wahrscheinlich ungläubig die Augen reiben dort oben auf einer jener Wolken, die Sie so schwebend, so duftig und doch so lebendig gemalt haben. Wenn Sie vor zweihundert Jahren in Dresden den Himmel über Ihren Landschaften vollendeten, dann durfte man Sie nicht stören, so haben wir Nachgeborenen staunend gelernt, Ihre Frau musste alle Besucher abweisen, denn Sie hatten erklärt: »Himmelmalen ist Gottesdienst.« Sie haben, wie mir scheint, den Himmel immer gesiezt, anders als Ihre genialen Künstlerfreunde in Dresden, die ihn zu duzen begannen. Sie verstehen deshalb sicherlich, dass das Siezen in einem Liebesbrief ein besonderes Zeichen der Zuwendung ist."

Mit betont erzählerischen Gestus

Ulrich Noethen

Ulrich Noethen

Ulrich Noethen liest das wunderbar natürlich und – eben wie einen Liebesbrief - beinahe zärtlich. Auch bei den anderen Texten meidet Noethen jeden gelehrigen Ton. Wissensvermittlung funktioniert hier – analog zu den Texten von Florian Illies – angenehm unaufdringlich, mit einem betont erzählerischen Gestus ohne erhobenen Zeigefinger. So erklärt Illies, warum der Roman "Ehen in Philippsburg" von Martin Walser (erstmals erschienen im Jahr 1957) nicht dauerhaft die Würdigung gefunden hat, die das Buch verdient hätte.

"Schuld am Vergessen dieses Buches ist aber vor allem ein anderes Buch, "Die Blechtrommel" von Günter Grass, das 1959 erschien und von der Kritik sofort als jene Unerhörtheit und Großartigkeit wahrgenommen wurde, die es ist. Der Klang der Blechtrommel übertönte früh das Zischen der Ehekrisen und das hohle Partygeplauder aus Philippsburg."

Befunde von größter Selbstverständlichkeit

Illies gelingt es, komplexe Zusammenhänge auf sprachlich präzise Weise anschaulich zu machen. Die Ergebnisse seiner mikroskopischen Analysen wirken letztlich wie Befunde von größter Selbstverständlichkeit.

"Walser hatte den Fehler gemacht, zu einem Zeitpunkt über die Untiefen der Gegenwart zu schreiben, als das Land erst mühsam begann, sich den Untiefen der Vergangenheit zuzuwenden. Dorthin ließ man sich gerne und dankbar von Grass und seinem Jahrhundertroman führen. Doch für die Gegenwart Wirtschaftswunderdeutschlands hielt man die Zeitung für zuständig. Man kann sagen, dass Walsers "Ehen in Philippsburg" über die fünfziger Jahre leider etwa fünfzig Jahre zu früh erschienen ist."

Ulrich Noethen ist für diese Texte mit seiner ruhigen Erzähl-Stimme der ideale Vermittler. Seine Tempi sind so gewählt, dass man ihm jederzeit gut folgen kann, seine Pausen bieten hinreichend Gelegenheit, das Vorgetragene auch nachwirken zu lassen. Schade nur, dass man Florian Illies‘ "Texte zur Kunst" nicht vollständig aufgenommen hat.

Florian Illies - Gerade war der Himmel noch blau

WDR 3 Buchrezension | 07.12.2017 | 06:15 Min.

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Stand: 05.12.2017, 15:31