Georges Simenon - Reihe mit Walter Kreye

Georges Simenon - Reihe mit Walter Kreye

Georges Simenon - Reihe mit Walter Kreye

Von Christoph Vratz

Es ist eines der größten Hörbuch-Projekte der letzten Jahre: Sämtliche Maigret-Krimis von Georges Simenon mit Schauspieler Walter Kreye. Nun liegen neue Folgen vor, und wieder besticht Kreye durch Nuancen und Farben des Vortrags.

Georges Simenon

Maigret und das Dienstmädchen: 25. Fall
Walter Kreye, Sprecher
Der Audio Verlag
4 CD
9783742414205

Maigret in Kur: 67. Fall
Walter Kreye, Sprecher
Der Audio Verlag
4 CD
9783742414045

Georges Simenon: Maigret und das Dienstmädchen

WDR 3 Buchkritik 09.04.2020 05:44 Min. Verfügbar bis 09.04.2021 WDR 3

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"Maigret in Kur"

Es ist Juni. Monsieur und Madame Maigret haben Paris verlassen. Ein befreundeter Arzt hatte eine Kur angeraten. Nun sind sie in Vichy, weswegen die französische originale Roman-Fassung auch "Maigret à Vichy" heißt – beeinflusst durch persönliche Erlebnisse des Autors Georges Simenon. Der Titel der deutschen Übersetzung lautet hingegen: "Maigret in Kur".

"Alles wirkte ein wenig künstlich. Das mit Stuckverzierungen überfrachtete weiße Casino im Stil der Jahrhundertwende war hell erleuchtet. Manchmal schien es, als wäre die Zeit stehen geblieben, bis plötzlich ein lautes Hupen von der Rue Georges Clemenceau herüberklang."

Schon nach wenigen Tagen empfinden die Maigrets eine gewisse Routine.

"Ihr täglicher Spaziergang, immer zur gleichen Zeit, führte sie durch Alleen im Park oder zum Ufer des Ailler. Dabei waren ihnen bestimmte Gesichter und Gestalten aufgefallen. Es hatte den Anschein, als würde jeder zur selben Zeit dasselbe tun."

Doch mit der Ruhe ist es bald vorbei

Maigret selbst, der gelegentlich energisch aufbrausen kann, gibt sich gelassen:

"Er war nicht derselbe wie in Paris. Sein Schritt war weniger energisch, und seine Gesichtszüge wirkten entspannter."

Porträt Georges Simenon

Georges Simenon

Doch mit der Ruhe ist es bald vorbei, als eine Frau stirbt, vermögend, aber ohne Verwandtschaft, mit Ausnahme einer Schwester. Maigret erfährt von dem Mord aus der Zeitung; und seine Frau wittert, dass auf ihren Kur-Frieden ein Schatten fallen wird:

"– Weißt Du, wer, die Ermittlungen führen wird?
– Nein, natürlich nicht. Der Leiter der Kriminalpolizei in Clermont-Ferrand ist Lecœur, einer meiner ehemaligen Inspektoren. Wenn er wüsste, dass ich hier bin…
– Willst Du zu ihm gehen?
Er antwortete nicht sofort."

Kreye liest mit vielen kleinen Zwischentönen

 Der Pastor Oskar Brendel und seine Frau Karin.

Walter Kreye

Der Schauspieler Walter Kreye hat sich inzwischen zur deutschen Stimme der Maigret-Krimis entwickelt. Man merkt seinen Lesungen an, wie viel Herzblut für ihn daran hängt und wie genau er sich in die jeweiligen Charaktere und Situationen hineinversetzt. Er zeigt Maigret mal als unerschütterlichen, mal melancholischen, als mal stoisch-sturen, mal als süffisant genießerischen Menschen. Kreye liest mit so vielen kleinen Zwischentönen, die Zweifel, Ratlosigkeit, Neugierde, Trauer oder Ironie zum Ausdruck bringen.

"– Also wirklich, Monsieur Maigret, was man nicht alles für Sie tut in Vichy. Man bietet Ihnen sogar ein richtig schönes Verbrechen.
Maigret rang sich ein flüchtiges Lächeln ab.
– Sie werden sich doch hoffentlich darum kümmern.
– Was außerhalb von Paris geschieht, fällt nicht in meine Zuständigkeit."

Maigret und das Dienstmädchen

Neben "Maigret in Kur" ist im Rahmen der großen Simenon-Reihe auch der 25. Fall erschienen, "Maigret und das Dienstmädchen", entstanden im Jahr 1942. Der Buchhalter Jules Lapie, genannt Holzbein, liegt erschossen in seinem Schlafzimmer. Maigret hofft bei seinen Ermittlungen auf Unterstützung durch das Dienstmädchen Félicie, doch diese schweigt, windet sich oder gibt sich patzig. Maigret hakt nach:

"– Wen haben Sie aufgesucht?
– Niemanden.
Sie setzte sich, um zu essen. Legte ganz unverfroren einen ihrer Heftchenromane vor sich hin, ein Messer diente ihr als Lesezeichen, und begann seelenruhig darin zu lesen.
– Sagen Sie, Félicie… Eine Stirn wie eine Ziege […] die gegen alles anrennt, was auch nur im Entferntesten einem Hindernis gleicht.
– Wollen Sie heute Nacht allein im Haus bleiben?
– Und Sie, wollen Sie auch hierbleiben?
Sie aß und las, und er verbarg seine schlechte Laune hinter einem ironischen Gesichtsausdruck, der väterlich wirken sollte.
–Sie haben heute Morgen gesagt, dass sie als Erbin eingesetzt würden?
–Na und? - Woher wussten Sie das?
– Ich wusste es eben. Sie hatte Kaffee gekocht und trank ihn genüsslich, ohne dem Kommissar welchen anzubieten."

Kreye kennt die Grenzen

Simenons Dialoge sind präzise und realistisch, sie sind dem jeweiligen Milieu abgelauscht und wirken daher authentisch und zugleich entlarvend. Genau das bringt Walter Kreye in seinen Lesungen zum Ausdruck.

"Maigret erhob sich mit einem Seufzer und sagte:
– Ich werde morgen wiederkommen.
– Wie Sie wollen.
– Ich hoffe, Sie haben bis dahin nachgedacht.
Sie zuckte mit den Schultern und fragte:
– Worüber denn?"

Es ist ein schmaler Grat zur Übertreibung, doch Kreye kennt die Grenzen. Er überzieht nie und macht die Eigenheiten der Figuren, das Intime und Instinktive, auf wunderbare Weise anschaulich. Noch vor Abschluss dieser Reihe darf man von einer einzigartigen und faszinierenden Edition sprechen.

Stand: 07.04.2020, 17:11