Georges Simenon - Maigrets Memoiren/Das Rätsel der Maria Galanda

Georges Simenon - Maigrets Memoiren/Das Rätsel der Maria Galanda

Georges Simenon - Maigrets Memoiren/Das Rätsel der Maria Galanda

Von Brigitta Lindemann

Simenon und kein Ende: Daniel Kampas Programmoffensive macht uns mit einem Vorgänger seines erfolgreichen Kommissar Maigret bekannt.

Georges Simenon
Maigrets Memoiren

Aus dem Französischen von Hansjürgen Wille, Barbara Klau und Bärbel Brands
Kampa Verlag, Zürich 2018
192 Seiten
14,90 Euro

Georges Simenon
Das Rätsel der Maria Galanda

Aus dem Französischen von Kristian Wachinger
Kampa Verlag, Zürich 2018
286 Seiten
19,90 Euro.

George Simenons umfängliches Werk

Als Daniel Kampa im letzten Jahr seine Verlagsgründung ankündigte, hatte er erklärt, dass man, nur um Simenon zu machen, keinen Verlag gründe. Natürlich wolle er auch neue Autoren veröffentlichen, neue literarische Entdeckungen machen. Dass das erste Programm des Kampa Verlags wahre Pretiosen aufweist, macht die Verdienste um die Simenon-Edition oder um das neu zu Entdeckende im Alten nicht geringer.

George Simenons umfängliches Werk, erschienen in 40 Ländern, verkaufte Exemplare:
500 Millionen, umfasst 192 Romane, darunter 75 Kommissar-Maigret-Titel.

Georges Simenon

Georges Simenon

Neben der gemeinsam mit Hoffmann und Campe geplanten Publikation der großen Non-Maigret-Romane, wird Kampa Simenons Reportagen veröffentlichen, literaturkritische Schriften, ausgewählte Interviews, einen Bildband mit seinen Fotografien und zum ersten Mal die frühe Kriminalgeschichten. Vier dieser frühen Kriminalgeschichten liegen bereits vor unter dem Titel „Das Rätsel der Maria Galanda“. Der Held, Kommissar G7, ist ein Vorläufer, den Daniel Kampa in seinem Nachwort als größten Konkurrenten Maigrets vorstellt: attraktiver, jünger, offener, vielversprechender. Mit Maigret verbindet ihn, dass er skeptisch ist und bescheiden.

Im Unterschied zu Sim, dem Ich-Erzähler, einem jungen Journalisten und Groschenromanschreiber, der G7 durch seinen kriminalistischen Alltag begleitet.

"Ein Fall, den Sie mit logischen Schlüssen gelöst haben. sagte ich und dachte, ihm damit zu schmeicheln.
Er schaute mich mitleidig an.
Keine Logik, nichts dergleichen... Ich habe die Leute gesehen... Ich habe sie gewittert... wenn ich weiterrede, werden Sie noch von Psychologie anfangen...
Es ist also?
Handwerk. Nicht mehr!"

Georges Simenon - Maigrets Memoiren

WDR 3 Mosaik 18.12.2018 05:48 Min. WDR 3

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Ein entwicklungsfähiger Charakter

Was die Figur G7 attraktiv macht, ist ein Manko: Er ist ein entwicklungsfähiger Charakter - was Simenons eigenem Anliegen widerspricht. Seine erfolgreichste literarische Figur, Kommissar Maigret, wird es nach und nach erweisen. 20 Jahre später, Anfang der 50er hat Simenon seinen Maigret bereits in den Ruhestand geschickt. In der selbstgewählten Langeweile der Provinz kommt Maigret nicht umhin, sein Leben und dessen fiktionale Fassung passieren zu lassen und sich zu fragen, was sein Autor sich mit ihm erlaubt hat. Fragen und Antworten sind nachzulesen in „Maigrets Memoiren“. Maigret berichtet von seiner ersten Begegnung mit dem jungen Sim, aus den G7-Erzählungen bekannt, alias Georges Simenon, der es unbedingt zum seriösen Schriftsteller bringen will. Der kreuzt 1929 in der Police Judíciaire am Quai des Orfèvres in Paris auf, hockt sich in Maigrets Arbeitszimmer, beobachtet, schweigt. Und geht nachhause und schreibt. Die ersten Romane um Kommissar Maigret entstehen in schneller Folge, mit Aplomb angekündigt, gefeiert mit einem „anthropometrischen Ball“ 1931 - ein riesiges Spektakel, zu dem alle Welt erscheint! Nur Maigret nicht. Er habe sich geweigert, schreibt der Maigret der Memoiren - und es habe ihm nichts genützt: seinen literarischen Doppelgänger sei er nie mehr losgeworden. Auch habe ihn der Autor zur Karikatur gemacht und seine Romane seien voller Verfälschungen und sachlicher Fehler. Warum den Leser mit formalen Petitessen verwirren?, fragt Simenon ungerührt. Nicht nur lassen ihn die Beschwerden Maigrets kalt, er versteigt sich zudem dazu, seiner Figur das Kunstkolleg zu halten:

"Die Wahrheit wirkt niemals wahr. Erzählen Sie irgendjemandem irgendeine Geschichte. Wenn Sie sie nicht frisieren, wird man sie unglaubwürdig und unecht finden... Etwas echter machen, als es ist, das ist die ganze Kunst. Und genau das habe ich getan: Sie echter gemacht."

Mitte 40, groß, kräftig, stoisch

Das Bemühen um Objektivität und Genauigkeit verfälscht die Wahrheit, die immer einfach ist, einfach sein muss, behauptet der Autor. War es unerlässlich, auch mich so zu vereinfachen?, fragt sein Geschöpf. Aber ja, zu Beginn, sagt der Autor. Maigret muss reduziert bleiben auf eine Silhouette: Mitte 40, groß, kräftig, stoisch; dazu wenige Accessoires: Pfeife, Melone, Überzieher mit Samtkragen. Eine höhere Ordnung will es, dass Maigret zwar Charakter hat, aber keiner sein darf! Um des Wahren, Guten, Schönen willen verträgt er nur ein Geringes an Identitätlichkeit! Psychologie machte ihn klein. Simenon hat seine Maigret-Romane mehrfach als Halbliteratur qualifiziert. Und sich damit unterschätzt! Denn er hat seinen Maigret echt gemacht, gerade weil er aus ihm keine realistische Person gemacht hat, keinen Einzelnen, Besonderen. Sondern einen Mythos. Maigret hält die übermächtige Wirklichkeit auf Distanz; er bannt, was uns ängstigt und verhilft so zu Freiheit.

Stand: 18.12.2018, 09:15