George Eliot - Middlemarch. Eine Studie über das Leben in der Provinz

George Eliot - Middlemarch. Eine Studie über das Leben in der Provinz

George Eliot - Middlemarch. Eine Studie über das Leben in der Provinz

Von Insa Wilke

Ein Klassiker der englischen und frühen feministischen Literatur neu zu entdecken: George Eliots hinreißend tragikkomische Satire auf das Leben in der Provinz im frühen 19. Jahrhundert.

George Eliot
Middlemarch.
Eine Studie über das Leben in der Provinz

Hrsg. und aus dem Englischen von Melanie Walz
Rowohlt Verlag, Hamburg 2019
1264 Seiten
45 Euro

Mary Ann Evans heißt sie.

Heute könnte sie auch unter diesem Namen veröffentlichen. Zu ihrer Zeit, sie wurde 1819 geboren und starb 61 Jahre später, musste sie einen männlichen Namen wählen und wurde als George Eliot berühmt. Wenige Jahre vor ihrem Tod veröffentlichte sie ihren Roman Middlemarch. Eine Studie über das Leben in der Provinz".

1985 wurde das Buch zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt. In der englischsprachigen Welt wird es zu den bedeutendsten literarischen Werken aller Zeiten gezählt. Melanie Walz hat jetzt eine neue Übersetzung ins Deutsche herausgebracht und man muss sagen: Sie legt erstmals auch für deutsche Ohren frei, was das für ein politisches, unterhaltsames und gegenwärtiges Werk ist.

Eine Feministin avant la lettre

Middlemarch ist das, was in der deutschsprachigen Literatur Krähwinkel ist. Nur, dass George Eliot die sehr viel ambitioniertere Autorin war als August von Kotzebue. Und: Sie ist eine Feministin avant la lettre, ähnlich wie ihre nur um weniges ältere Zeitgenossin, die Landadlige Anne Lister, die über ihr lesbisches Liebesleben und ihre enorme Reiseaktivität so genau Tagebuch führte, was man hierzulande seit Angela Steideles Biographie weiß. In Eliots erfundenem Ort Middlemarch wäre eine Anne Lister nicht denkbar gewesen.

"Von Frauen erwartete man keine ausgeprägten Ansichten; doch der große Schutzschirm der Gesellschaft und des Privatlebens bestand darin, dass Ansichten keine Taten zeitigten. Vernünftige Menschen handelten, wie ihre Nachbarn handelten. Sodass man irgendwelche Geistesgestörten, die ihr Unwesen trieben, erkennen und ihnen aus dem Weg gehen konnte."

George Eliot: Middlemarch

WDR 3 Buchkritik 10.02.2020 05:45 Min. Verfügbar bis 09.02.2021 WDR 3

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Sehr ausgeprägte Ansichten

George Eliot

George Eliot/Mary Ann Evans

Eine solche Geistesgestörte ist eine von Eliots Hauptfiguren: Dorothea Brooke. Sie hat nämlich sehr ausgeprägte Ansichten und auch noch den Hang, aus ihnen Taten abzuleiten. Ein Konzept für Sozialbauten zum Beispiel. Diese Dorothea lebt ganz aus ihrem Mitgefühl und hängt ihr Herz an einen sehr viel älteren, aber scheinbar ihr die Welten des Wissens öffnenden Mann. Sie bringt die Middlemarcher Gesellschaft schier um den Verstand, weil sie sich einfach nicht zur Vernunft bringen lässt. Das liest sich äußerst amüsant, dank der hinreißenden Dialoge und der natürlich gar nicht unschuldigen Kommentare der Erzählerin. Zum Beispiel sagt sie zu den Tränen einer Erbschleicherin, quasi mit Augenaufschlag:

"[...] es ist immer ergreifend, an sich selbst zu denken."

Geschichten des Scheiterns und der Liebe

George Eliot ist eine Erzählerin, die ihr Licht effektbewusst unter den Scheffel stellt, es also genau kennt – und nutzt. Um Dorothea Brooke entspannt sie Geschichten des Scheiterns und der Liebe, wie sie einer HBO-Serie von heute alle Ehre machen würden. HBO, weil Eliot immer auch einen sozialhistorischen Blick auf ihre kleine Gesellschaft um 1830 wirft. Zum Beispiel wenn sie erzählt, wie die Reform des Wahlrechts und die Veränderungen der Wirtschaft die Privilegierten ängstigten und welche Mühen ein junger Mediziner hatte, die neuesten Forschungserkenntnisse in die Praxis der Landärzte einzuschleusen. Ein solcher Mediziner ist eine andere Hauptfigur, Lydgate mit Namen. Eigentlich im ersten Moment eine Identifikationsfigur für heutige Freigeister. Aber George Eliot wäre keine so große Schriftstellerin, wenn sie es uns so einfach machen würde. Fast alle Figuren haben einen Knacks. Dorotheas Knacks ist ihr Mitleid, dass wie ihr späterer Geliebter Will Ladislaw meint, dem Fanatismus nicht fern ist. In Bezug auf Lydgate fragt Eliots Erzählerin maliziös, ob dieser außergewöhnliche Mann denn auch gewöhnliche Züge habe. Durchaus:

"So leicht, wie es Dummheit bei einem großen Geist geben kann, wenn man ihn unerwartet auf das falsche Thema anspricht, oder wie so mancher Mensch voll guten Willens, das zukünftige Zeitalter des Weltfriedens und allgemeinen Wohlstand herbeiführen zu helfen, nicht den besten Geschmack bei weniger ernsten Vergnügungen haben und außerstande sein mag, mehr als Offenbachs Musik oder witzige Wortspiele im neuesten Varieté zu goutieren. Lydgates Gewöhnlichkeit bestand in seinen Vorurteilen."

Hier schreibt eine Frau unserer Zeit

Es ist schon die Syntax solcher Sätze, die anzeigt, wie scharf der Blick hinter dem leichten Parlando-Ton tatsächlich ist. Lydgates Vorurteile richten sich gegen Frauen und werden ihn ins Unglück stürzen. Eliot lässt ihre Leserinnen und Leser mit ihm fühlen, obwohl sie unablässig vorführt, wie töricht er sich benimmt und seine wirklich haarsträubend dumme Ehefrau übrigens auch. Denn es ist nicht so, dass die Frauen positive Figuren sind oder als tragische Opfer gezeigt werden. Die Eingeschränktheit ihrer Möglichkeiten kritisiert Eliot sehr offen, aber auch, wie die Frauen sich in dieser Eingeschränktheit eingerichtet haben. Zwei Ausnahmen gibt es in diesem Kosmos: Mary Garth, die mit der Autorin den ersten Namen teilt. Eine "kleine rundliche bräunliche Person" mit "nichtssagenden Zügen", die aber durch Güte, Pragmatismus und Klugheit besticht. Und ein Pfarrer, der auch noch Farebrother heißt.

Aber es geht George Eliot auch gar nicht um die kleinen satirischen Porträts von Einzelpersonen. Die große Frage, die sie interessiert, ist die nach der Bedeutsamkeit des Einzel-Lebens unter den Möglichkeiten weiblicher und männlicher Lebensläufe angesichts der einengenden Bedingungen ihrer Zeit. Dieses weitere, größere Interesse macht ihr Buch so groß und trägt es über oft simplifizierende Gesellschaftssatiren weit hinaus. Und nicht nur in Sachen Gender hat man das Gefühl, hier schreibt eine Frau unserer Zeit. Auch bei dem Hass, mit dem jemand niedergemacht wird, der anderen moralisch kam und dann selbst eines früheren Vergehens überführt wird. Wovon Middlemarch erzählt, ist die Empathielosigkeit der Gesellschaft, vor der sich nur retten kann, wer in ihr selbstlos handelt und mitfühlend lebt, ohne sich selbst zu verachten.

George Eliot: Middlemarch

WDR 3 Buchkritik 10.02.2020 05:45 Min. Verfügbar bis 09.02.2021 WDR 3

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Stand: 10.02.2020, 03:04