Buchcover: "Der Traum des Beobachters" von Wilhelm Genazino

"Der Traum des Beobachters" von Wilhelm Genazino

Stand: 23.01.2023, 12:00 Uhr

Wilhelm Genazinos Aufzeichnungen führen noch einmal eindrucksvoll vor Augen, wie aus genauer Alltagsbeobachtung große Literatur entsteht.
Eine Rezension von Andreas Wirthensohn.

Wilhelm Genazino: Der Traum des Beobachters
Aufzeichnungen 1972–2018
Herausgeber: Jan Bürger und Friedhelm Marx
Hanser, München 2023.
464 Seiten, 34 Euro.

"Der Traum des Beobachters" von Wilhelm Genazino

Lesestoff – neue Bücher 23.01.2023 06:16 Min. Verfügbar bis 23.01.2024 WDR Online Von Andreas Wirthensohn


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Der Verlust eines Schriftstellers

Wie sehr ein Schriftsteller fehlt, wie sehr wir als Lesende seinen Blick auf die Welt, seine Versprachlichung von Wirklichkeit vermissen, das zeigt sich oft besonders grell, wenn aus dem Nachlass urplötzlich eine Veröffentlichung über uns hereinbricht, die diesen Verlust noch einmal in Erinnerung ruft.

Man denke an Wolfgang Herrndorf: Sein Roman "Tschick" war ein Bestseller, aber die wahre Größe dieses Autors machte erst sein posthum publiziertes Buch "Arbeit und Struktur" deutlich, das Protokoll seiner letzten dreieinhalb Lebensjahre bis zum Suizid.

Ein literarischer Notvorrat

Und ganz ähnlich ergeht es uns nun bei Wilhelm Genazino: 20 Romane, unzählige Hörspiele und jede Menge Essays hat dieser große Phänomenologe des Alltags geschrieben, und doch ist es so, als würden wir erst jetzt, mit dem Werktagebuch der Aufzeichnungen, das eigentliche Herzstück dieses Œuvres kennen lernen.

Von 1972 bis kurz vor seinem Tod 2018 notierte Genazino auf Zetteln alles, was ihm so auf- und einfiel bei seinen flanierenden Streifzügen durch die Wirklichkeit. "Prothese des Schreibens" nannte er diese Materialsammlung, die als eine Art literarischer Notvorrat gedacht war, aber tatsächlich war sie viel mehr:

"Nach einigen Jahren merkte ich, dass nicht die befürchtete Schreibnot der Grund der Zettelsammlung war, sondern eine tiefsitzende Angst, die ich lange nicht auszusprechen wagte: Die Angst, dass mich eines Tages das Schreiben selbst verlassen würde. Dann würde ich nur noch zu Hause sitzen, ratlos, berufslos, ohne Geld, bald ohne Wohnung und bald auch ohne einen einzigen Menschen, der es mit meiner Verlassenheit aufnehmen würde. Denn es war klar, dass ein vom Schreiben verlassener Schriftsteller auch in jeder anderen Hinsicht verlassen war. Es handelt sich um eine archetypische Angst, die dem Subjekt mit Vernichtung droht und deswegen nicht 'behandelbar' ist. Die Zettel dagegen flüstern mit Anmut und Zuversicht: Morgen geht es weiter."

Akribische Notizen und Beobachtungen

Diese Notizzettel wurden zu Hause dann sogleich abgetippt und zusammen mit Zeitungsauschnitten, Fotos und anderem feinsäuberlich abgeheftet. Am Ende umfasste dieser "Materialcontainer", wie Genazino es nannte, 38 Aktenordner mit insgesamt rund 7000 Seiten.

Zahlreiche Blätter sind der vorliegenden Ausgabe als Faksimiles beigegeben, sodass man einen Eindruck davon bekommt, wie akribisch Genazino seine Beobachtungen und Gedanken festgehalten hat. Vor allem aber zeigt sich, dass das eigentliche literarische Werk ohne diese Vorarbeit schlicht nicht denkbar war.

Der Ursprung eines Romans

Besonders deutlich wird das an dem 2001 erschienenen Roman "Ein Regenschirm für diesen Tag". Dieses Buch, das aus dem Geheimtipp Genazino urplötzlich einen Bestsellerautor machte, handelt von einem Protagonisten, der als Schuhtester durch die Straßen Frankfurts läuft.

Wie weit der Keim dieses Romans zurückreicht, zeigen jetzt die Aufzeichnungen. Schon 1974 notiert er in unnachahmlicher Genazino-Manier diese Beobachtung:

"Heute habe ich einen ganz jungen Menschen gesehen; er sah sehr gesund aus, füllig, fast dick, mit einem missmutigen Gesicht. Er humpelte. Die Schuhe, in denen er humpelte, waren ganz neu, und es war offenkundig, dass er nur humpelte, weil ihn die Schuhe drückten. Sein leidendes Gesicht beeindruckte mich sehr, und ich erinnerte mich, dass ich als Siebzehnjähriger ebenfalls mit Leidenschaft humpelte, wenn ich neue Schuhe hatte. Es ist schön, sich mit einem Leiden darzustellen, und doppelt schön, wenn man einen halbwegs tauglichen Grund dazu hat."

1981 dann hat er ein Stellenangebot als Schuhtester ausgeschnitten und eingeklebt, auf das er sich auch, allerdings erfolglos, beworben hat. Und überhaupt: Immer wieder tauchen Schuhe auf in diesen Notizen, bis hin zur Idee der melancholischen Verlassenheit der Schuhe nachts im Flur, die ihm 1995 in den Sinn kommt.

Ein ganz eigens Werk

Und doch sind diese Aufzeichnungen mehr als nur Rohmaterial: Zwar ist vieles davon später in veränderter Form, teilweise aber auch wortwörtlich in die Romane und Essays eingeflossen. Doch man kann und sollte sie lesen als ganz eigenes Werk dieses großen Lebens- und Alltagsphilosophen, als, wie es im Nachwort heißt, "einzigartige Chronik der Welt- und Selbstwahrnehmungen eines versierten, oft überempfindlichen Schriftstellers".

Eines Autors, für den das Schreiben jenseits aller Neugier auf die physische Welt um ihn herum auch immer einem existenziellen Bedürfnis nach dem Metaphysischen entsprang:

"Ich erlaube mir, in der Literatur eine Form des Gebets zu sehen. Denken wir uns die Literatur als leidenschaftliche Einrede, von der nicht sicher ist, ob sie irgendjemand zur Kenntnis nimmt."

Eine wunderbare Schule des Sehens

Dieses Werktagebuch nicht zur Kenntnis zu nehmen wäre freilich ein Fehler. Es ist nicht nur ein großes Lesevergnügen, sondern auch eine wunderbare Schule des Sehens. Und eine ebenso freudvolle wie schmerzliche Erinnerung daran, welch einzigartiger Autor da vor fünf Jahren von uns gegangen ist.