Gaito Gasdanow - Schwarze Schwäne

Buchcover: Gaito Gasdanow - Schwarze Schwäne

Gaito Gasdanow - Schwarze Schwäne

Von Jutta Duhm-Heitzmann

Es dauerte lange, bis die Werke des emigrierten russischen Schriftstellers Gaito Gasdanow auch in Deutschland entdeckt wurden. Jetzt sind seine wichtigsten und schönsten Erzählungen aus den 30er Jahren erschienen: "Schwarze Schwäne".

Gaito Gasdanow: Schwarze Schwäne
Aus dem Russischen übersetzt von Rosemarie Tietze.
Hanser Verlag, München 2021.
272 Seiten, 24 Euro.

Gaito Gasdanow - Schwarze Schwäne

WDR 3 Buchkritik 18.05.2021 05:10 Min. Verfügbar bis 18.05.2022 WDR 3


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Personen die an den Rand gespült wurden

Ein Mann leiht sich bei einem Bekannten Geld, muss aber versprechen, es am vierundzwanzigsten des Monats zurückzuzahlen.

"Warum genau am Vierundzwanzigsten? – Weil es am Fünfundzwanzigsten zu spät wäre. Am Fünfundzwanzigsten werde ich mich erschießen."

Typisch, dieser Dialog – für fast alle Geschichten in diesem Band. Und typisch auch die Personenkonstellation: ein Ich-Erzähler spaziert durch die Stadt, ziellos und gerne mitten in der Nacht, trifft dabei auf Personen, die wie er auf die eine oder andere Weise an den Rand gespült wurden, Pragmatiker, Zyniker, Verlorene, vielleicht nur für diesen einen Augenblick, vielleicht aber für ihr ganzes Leben oder zumindest für den Rest, der ihnen noch bleibt. Wie dieser Bekannte, der sich vor Sehnsucht verzehrt, einmal in Australien den Liebesgesang der schwarzen Schwäne zu hören.

"Darin vereinten sich alle Wünsche, die er jemals gehabt hatte, alle seine Träume und Hoffnungen. Mir schien, wenn er die ganze Kraft seiner Gefühle einzig in seinen Blick gelegt und die Augen auf jene Insel gerichtet hätte, so hätte das Wasser ringsum zu kochen begonnen."

Ohne das ist sein Leben sinnlos, er bringt sich um. So viel verschenkte Begabung, soviel vergeudete Leidenschaft – warum? Will das wirklich jemand wissen?

Gasdanows Weg nach Frankreich

Fast alle diese Geschichten sind an Paris gebunden, die Stadt der Flaneure und Träumer, vielleicht auch der Verliebten. Auf jeden Fall aber der Emigranten, die durch Revolutionen und Kriege hier Zuflucht gefunden haben – und doch die Vergangenheit nie loswerden.

So wie Gaito Gasdanow selbst: als Kindersoldat während des russischen Bürgerkriegs bei den Weißen Truppen mitgezogen, über Umwege in Frankreich gelandet und dort eine der vielen Randexistenzen, die sich durch Gelegenheitsjobs über Wasser hielten, als Taxifahrer, Lokomotivwäscher, Lastenträger – und auch Schriftsteller. Er hatte eben Glück, anders als die "Genossin Brack".

"Mir schien stets unbezweifelbar, dass Tatjana Brack vor unserer Zeit und in anderer historischer Umgebung hätte zur Welt kommen müssen. Sie hätte ihr Leben auf den weichen Betten des neunzehnten Jahrhunderts zugebracht (...) hätte einen Salon und reiche Gönner gehabt und gestorben wäre sie in Armut."

Das Tragische als Teil des Lebens

Aber die schöne Tatjana lebt im zwanzigsten Jahrhundert, verliebt sich in den falschen Mann, einen klavierspielenden Anarchisten, und liegt zum Schluss  erschossen im Schnee. Gasdanow berichtet von ihrem Schicksal und dem ihrer Freunde mit fast heiterer Beiläufigkeit: das Tragische, Tödliche ist eben Teil des Lebens, das sich mit all seinen Facetten aufdrängt, nichts Besonderes, sterben müssen wir nun mal alle. Doch die Zeit bis dahin hat ihre Tücken – oft mehr, als die Menschen eigentlich ertragen können. Da wird in "Hannah" sogar ein Happyend zur Qual.

"Ich erstickte regelrecht in der dichten Luft dieses Glücks, auch wenn ich mir kein besseres vorstellen konnte. Womöglich war das fast die Grenze zum Wahnsinn; als ich das endgültig begriffen hatte, verspürte ich jedenfalls unüberwindliches Entsetzen."

Der Stoff, aus dem die Erzählungen sind

Aber sie richten sich ein. Die Menschen, selbst wenn es sie fast zerbricht, werden zum Stoff, aus dem die Erzählungen sind. Der Autor, dieses seltsame literarische Ich, findet sie wie den alten, berühmten Minister als "Nächtlichen Gefährten" auf einer Parkbank in den irrealen Stunden des frühen Morgens; erinnert sich an sie durch den morbiden Duft modernder Rosen in den Pariser Markthallen; wird aufgestört durch den Klang einer Hawaiigitarre. Und verleiht ihnen allen Würde durch einen verständnisvollen, fast beiläufigen Zynismus.

Wie in "Die Befreiung" diesem abgerissenen Erfinder, der plötzlich steinreich wird – und dadurch verliert.

"Er spendete viel Geld, half Dutzenden Menschen, die ihn dafür als Idioten bezeichneten, was er, glaubhaft verbürgt, von anderen erfuhr, die noch kein Geld von ihm erhalten hatten und deshalb auf jede erdenkliche Weise jene anzuschwärzen versuchten, denen das früher und besser gelungen war."

Ein großartiger Erzähler mit erfindungsfreudiger Sprache

Es ist eine Lust und ein Gewinn, diese Geschichten jetzt, Jahre nach ihrer Entstehung, lesen zu können. Gaito Gasdanow ist ein großartiger Erzähler, mit einer oft schwebenden, immer erfindungsfreudigen Sprache, von Rosemarie Tietze kenntnisreich einfühlsam übersetzt. Schicht für Schicht legt er das Innere seiner Figuren bloß, ohne sie zu entblößen, zeigt sie fliegend und stürzend, entwurzelt und einsam.

"Als wäre es nur eine Vision gewesen, ein kurzzeitiger Einbruch der Ewigkeit in jene zufällige historische Wirklichkeit, in der wir lebten, fremde Wörter in einer fremden Sprache benutzten, nicht wussten, wohin wir gingen, und vergessen hatten, woher wir kamen."

Stand: 17.05.2021, 16:49