Stefan Gärtner - Terrorsprache

Buchcover: "Terrorsprache. Aus dem Wörtbuch des modernen Unmenschen" von Stefan Gärtner

Stefan Gärtner - Terrorsprache

Von Ferdinand Quante

Es scheppern die Worthülsen, in den Medien wie auf der Straße. Stefan Gärtner klopft auf einige besonders häufig gedroschene Alltagsphrasen und hört das Echo falscher gesellschaftlicher Verhältnisse.

Stefan Gärtner: Terrorsprache
Aus dem Wörterbuch des modernen Unmenschen.
Edition Tiamat, Berlin 2021.
142 Seiten, 14 Euro.

Stefan Gärtner: "Terrorsprache"

WDR 3 Buchkritik 04.08.2021 03:44 Min. Verfügbar bis 04.08.2022 WDR 3


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"Ach, alles gut!"

Manches Gerede ist mehr als nur nervig und tut richtig weh. Die Zwei-Wort-Klatsche "Alles gut" z.B., die einem seit längerem wo man geht und steht um die Ohren fliegt. Egal, welches kleinere Versehen, welchen Irrtum man sich leistet, es ist nicht, wie früher einmal, "Kein Problem" oder "Halb so schlimm", heute ist immer "Alles gut".

"Gut möglich, dass 'Alles gut!' bloß die Parole der Mittelschicht ist, die mit Abstiegsängsten nach unten blickt, wo man über gut und nicht so gut aus eigener Anschauung etwas besser Bescheid weiß. 'Alles gut!' wäre also auch eine Form der Selbstverständigung, genauer: Selbstbestätigung, eigentlich: der Beschwörung, weil nicht sein kann, was nicht sein darf: dass nämlich nicht alles gut sei."

Alltagsphrasen auf den Grund gehen

Kein in Stein gemeißelter Lehrsatz also, nur eine, wie Stefan Gärtner schreibt, mögliche, weil durchaus plausible Erklärung, und genau das macht seine Kritik gängiger Alltagsphrasen zugleich lehrreich und sympathisch, weil Gärtner ihnen nämlich auf den Grund geht, ohne den Anspruch, die Weisheit gepachtet zu haben. Was nicht heißt, dass dieser Autor keine Ansprüche erhebt, denn er will schon wenigstens einen Teil dessen, was er Terrorsprache nennt, aus akuten gesellschaftlichen Bedingungen herleiten.

Dabei nimmt der hellhörige Gärtner auch, ja vor allem Wörter ins Visier, die anders als das inflationäre "Alles gut" eher harmlos klingen, wie etwa die drei Verben "liefern, bespaßen, bespielen".

"Auf Kinderspielplätzen drehen sich die Gespräche so gut wie ausschließlich darum, ob die Kita liefert und die Kinderärztin liefert und welches Kind wie früh, wie gut und schneller als andere liefert; also kein Gedanke daran, dass man mit Kindern zwar spielen oder sie ihrem Spiel überlassen kann, dass Kinder »bespielen« oder »bespaßen« aber eins ist mit der unmittelbaren Vernichtung von allem, was Spiel und Spaß nicht nur heißen will. Es ist schlicht Dienstleistung."

Zurückhaltend und lässig, aber prägnant

Sprachkritik als Gesellschaftskritik. Stefan Gärtner weiß dabei freilich, wie hoch für ihn in der Nachfolge von Karl Kraus und Adorno die Latte hängt. Was ihn zum Glück nicht dazu gebracht hat, nach Art der beiden kritischen Großmeister in komplizierter Prosa reihenweise apodiktische Urteile zu fällen. Gärtner ist da zurückhaltender, lässiger auch, aber gleichwohl prägnant, etwa wenn er sich eine Forever-young-Marotte vorknöpft, die aus erwachsenen Frauen und Männern Mädels und Jungs macht.

"Mädels und Jungs sind immer jung, und wenn sich die Jungs mit Mitte Vierzig ihre Basecaps verkehrt herum aufsetzen, dann sind sie die Jungs geblieben, die Herrschaft gut gebrauchen kann. 'Jungs und Mädels protestieren gegen gesellschaftliches Unrecht', das ist Wittgensteinscher Unsinn, denn Jungs und Mädels gehen shoppen, sind gut drauf und machen jeden Scheiß mit."

Nicht alles gut, aber um einiges besser

Es ist das so flotte wie besinnungslose Geschwätz von Mittelschicht und bürgerlicher Presse, das Gärtner in Wörtern wie 'perfekt', 'dramatisch', 'lecker', 'zeitnah' oder 'massiv' zumeist überzeugend enttarnt und ans schwarze Brett der Terrorsprache heftet.

Ob’s hilft? Die doofen Phrasen wird dieses Buch natürlich nicht aus der Welt schaffen. Wer’s gelesen hat, dürfte jedoch genauer hören und empfindlicher sein für kopfloses Geschwalle. Damit wäre zwar nicht alles gut, aber vielleicht einiges etwas besser.

Stand: 03.08.2021, 15:28