Valerie Fritsch - Herzklappen von Johnson & Johnson

Cover des Buches "Herzklappen von Johnson & Johnson" von Valerie Fritsch.

Valerie Fritsch - Herzklappen von Johnson & Johnson

Von Oliver Pfohlmann

Schmerz spüren, Schmerzen verwinden – in ihren neuen Roman geht Valerie Fritsch mit einer überraschenden Figur einem Familientrauma nach.

Valerie Fritsch: "Herzklappen von Johnson & Johnson" WDR 3 Buchkritik 11.08.2020 05:31 Min. Verfügbar bis 11.08.2021 WDR 3

Schmerz spüren, Schmerzen verwinden - in ihren neuen Roman geht Valerie Fritsch mit einer überraschenden Figur einem Familientrauma nach. Eine Rezension von Oliver Pfohlmann.

Valerie Fritsch: Herzklappen von Johnson & Johnson
Suhrkamp Verlag, Berlin 2020.
174 Seiten, 22 Euro.

Emil kennt keinen Schmerz

"Indianerherz kennt keinen Schmerz": Diesen verzopften Elternspruch gegen vermeintliche Wehleidigkeit bekommt der kleine Emil bestimmt nicht zu hören. Schließlich haben Alma und Friedrich alle Hände voll zu tun, ihrem Sohn begreiflich zu machen, was Schmerz überhaupt ist. Welche Funktion er hat und mit welchen Gesten Menschen ihren Schmerz ausdrücken. Ja sogar, warum es kein toller Zaubertrick ist, sich vor seinen Freunden einen Kugelschreiber einfach lässig in den Arm zu stechen. Denn ihr Kind leidet an totaler Analgesie. Aufgrund eines Gendefekts ist Emil unfähig, Schmerzen zu verspüren. Weshalb er seine Hand eben nicht automatisch von einer heißen Herdplatte zurückzieht.

In Valerie Fritschs neuem Roman muss Emil allabendlich eine Runduminspektion über sich ergehen lassen. Zentimeterweise sucht seine Mutter seinen "Veteranenkörper" mit all seinen Narben und Titanschrauben nach frischen Verletzungen ab. Vor dem Zu-Bett-Gehen bekommt Emil sogar eine Taucherbrille aufgesetzt, damit er sich nicht im Schlaf versehentlich die Augen auskratzt. Mehr noch als unentdeckte Verletzungen fürchten Alma und Friedrich aber, ihr Sohn könnte niemals lernen, gegenüber anderen Empathie zu entwickeln:

"Oft fragten sie sich, wie man einem Kind beibringt, ein Mensch zu sein, wenn es die Verwundbarkeit nicht kennt. Wie man es mitfühlend macht für andere, wenn es nicht weiß, wie groß ein Schmerz sein kann. Abends am Küchentisch bei Wein und Wacholderschnaps überlegten sie, wie sehr die Verletzlichkeit und die Todesahnung, die mit ihr kommt, den Menschen zum Menschen macht. Und wie man ohne sie liebt."

Schmerz über Generationen hinweg

Der neue Roman von Valerie Fritsch handelt von Herkunft und Erwachsenwerden. Vor allem aber erzählt die 31-jährige Grazer Autorin und Fotokünstlerin von psychischen Verletzungen, deren Folgen sich über mehrere Generationen hin erstrecken können. Alma, ihre Hauptfigur, ist anders als der kleine Emil überaus empfänglich für den Schmerz anderer. Ihre Sensibilität wurde schon in ihrer Kindheit geweckt, war sie doch im Elternhaus mit einem durch und durch künstlichen Familienleben konfrontiert, voller Leerstellen und Lebenslügen, die sie damals noch vergeblich zu durchschauen suchte.

Und was der Verlust von Mitgefühl und Schmerzempfinden bei einem Menschen anrichten kann, das weiß die junge Frau von ihren Großeltern. Eine Schlüsselrolle kommt dabei dem Großvater zu, der entweder düster vor sich hinbrütet oder seltsam unwirkliche Abenteuergeschichten vom Krieg zum Besten gibt. Der schweigsame Spätheimkehrer aus russischer Kriegsgefangenschaft ist quasi der Quell für das transgenerationale Trauma, das im Zentrum von Fritschs Roman steht.

"Er steckte fest zwischen einigen wenigen Jahreszahlen. Er saß in der Küche und blickte zurück, auf den Krieg und den Tod und auf sich selbst und sein Staunen über die Welt, auf die Frauen, die ihr Kopftuch abnahmen und den Kindern die Augen verbanden, wenn sie mit ihnen durch die Straßen gingen mit den niedergebrannten Häusern und den Toten darin und davor. Sah auf die Menschen, die lodernd wie Fackeln aus den Häusern rannten, auf die Erde sanken und verloschen, und sah ein Feuerzeug in seiner Hand."

Stellvertretend Schmerz empfinden?

Wörter wie "Juden" oder "Holocaust" fallen in Fritschs Roman kein einziges Mal. Doch es ist klar, dass Almas Großvater als Wehrmachtsangehöriger in Osteuropa an Kriegsverbrechen beteiligt war. Auch die Frau, die er nach seiner Rückkehr geheiratet hat, Almas gottgläubige Großmutter, macht sich darüber keine Illusionen. Die alte Dame, die mehr im Gestern als im Heute lebt, ist die einzige in Almas Familie, die der jungen Frau Antworten auf ihre vielen Fragen gibt.

"Wenn jemand heute fragte, warum der Großvater so sei, wie er sei, antwortete die Großmutter nur: Das war der Krieg. Sie hatte keine andere Erklärung. Der Krieg hatte sein Leben in ein Davor und ein Danach geteilt. Sie kannte den Heimkehrer, den Kriegsgefangenen, den Überlebenden, lernte spät aus betrunkenen Geständnissen den Mörder kennen. Dem Menschen davor aber, dem Unversehrten, dem Unschuldigen, war sie nie begegnet."

Kann man den Schmerz, den ein anderer unfähig zu empfinden ist, für ihn stellvertretend erleben? Kann der andere auf diese Weise erlöst werden? Für die Großmutter scheint viel von dieser Frage abzuhängen – und buchstäblich alles für Alma, und zwar als Enkelin ebenso wie als Mutter. Am Schluss soll eine abenteuerliche Autoreise mit Friedrich und Emil durch Osteuropa auf den Spuren des Großvaters für die familiäre Erlösung sorgen.

Ob diese gelingt, soll hier natürlich nicht verraten werden. Wohl aber, dass Valerie Fritsch trotz einiger Schwächen einen überaus lesenswerten Roman vorgelegt hat. Sicher, die erzählte Familiengeschichte trägt in Sachen Vergangenheitsbewältigung etwas zu dick auf, und die sich brav chronologisch voran hangelnde Dramaturgie wirkt ein wenig dröge. Dafür besticht jedoch die poetische Sprache der Autorin mit ihrem genauem Blick fürs Detail und einer schon aphoristischen Prägnanz. Hinzu kommt noch als Figur Almas faszinierender schmerzbefreiter Sohn, auch wenn dieser erst zur Romanmitte auftaucht. Über sein weiteres Leben würde man gerne in einer Fortsetzung lesen.

Stand: 11.08.2020, 14:46