Franz Kafka - Das Schloss

Franz Kafka - Das Schloss

Franz Kafka - Das Schloss

Von Anton Bruckner

"Das Schloß" zählt zu den großen Romanen von Franz Kafka. Dieses unvollendete, 1926 erstmals veröffentlichte Werk hat nun Sven Regener als Hörbuch herausgebracht, der damit seine Reihe mit Kafka-Lesungen erweitert.

Franz Kafka
Das Schloß

Sven Regener (Sprecher)
Tacheles 2 MP3-CDs 9783864845758; LC 02831

"Es war spät abends, als K. ankam"

Der Begriff "kafkaesk" ist inzwischen in die Deutsche Sprache eingegangen und bezieht sich auf den Autor Franz Kafka. Das Wort steht stellvertretend für etwas Rätselhaftes, Absurdes, Abgründiges. All diese Merkmale finden sich auch in Kafkas letztem großen, abermals unvollendeten Roman "Das Schloss", der erstmals 1926, zwei Jahre nach Kafkas Tod, im Druck erschien. Nun hat Sven Regener eine Lesung dieses Werkes vorgelegt. Christoph Vratz stellt die Aufnahme vor.

"Es war spät abends, als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee. Vom Schloßberg war nichts zu sehen, Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch nicht der schwächste Lichtschein deutete das große Schloß an. Lange stand K. auf der Holzbrücke, die von der Landstraße zum Dorf führt, und blickte in die scheinbare Leere empor."

Welch mysteriöser Beginn. Wie ein Fremder K. kommt in das namenlose Dorf. Der Beginn der Handlung ist von Hektik und Nervosität geprägt. K. legt sich schlafen und wird kurz darauf geweckt. Dann wird plötzlich telefoniert.

"Wie, auch ein Telefon war in diesem Dorfwirtshaus? Man war vorzüglich eingerichtet. […] Und nun begann das Telefongespräch. Der Kastellan schlief, aber ein Unterkastellan, einer der Unterkastellane, ein Herr Fritz, war da. Der junge Mann, der sich als Schwarzer vorstellte, erzählte, wie er K. gefunden, einen Mann in den Dreißigern, recht zerlumpt, auf einem Strohsack ruhig schlafend, mit einem winzigen Rucksack als Kopfkissen, einen Knotenstock in Reichweite. Nun sei er ihm natürlich verdächtig gewesen, und da der Wirt offenbar seine Pflicht vernachlässigt hatte, sei es seine, Schwarzers, Pflicht gewesen, der Sache auf den Grund zu gehen."

Chirurgische Präzision bei einem Minimum an Information

Mit großer Souveränität beginnt Franz Kafka seinen Roman "Das Schloss" – ein Autor, der seinen Stil und seine dramaturgischen Mittel gefunden hat: er schreibt ohne Effekthascherei, gibt nur Minimum an Informationen preis – so dass alles sehr rätselhaft erscheint – und berichtet gleichzeitig mit einer fast chirurgischen Präzision.

 Franz Kafka in einer seiner letzten Aufnahmen, 1923

Dieser Roman, den Kafka zwei Jahre vor seinem Tod, 1922, begonnen hat und der Fragment geblieben ist, handelt von K., der innerhalb einer Woche vergeblich versucht, ins Innere des Schlosses vorzudringen. Er zählt anfangs auf die Hilfe der Dorfbewohner. Doch die entpuppen sich als obskure Gestalten, die K. immer wieder in undurchschaubare Ereignisse verstricken. Doch K. kann die widersprüchlichen Hinweise, die man ihm gibt, nicht entschlüsseln. Er bewegt sich in dieser Welt wie der sprichwörtliche Hamster im Laufrad.

"Es war ein kleines, überheiztes Zimmer. An den Schmalwänden standen ein Stehpult und eine eiserne Kasse, an den Längswänden ein Kasten und eine Ottomane. Am meisten Raum nahm der Kasten in Anspruch; nicht nur, daß er die ganze Längswand ausfüllte, auch durch seine Tiefe engte er das Zimmer sehr ein, drei Schiebetüren waren nötig, ihn völlig zu öffnen. Die Wirtin zeigte auf die Ottomane, daß sich K. setzen möge, sie selbst setzte sich auf den Drehsessel beim Pult. "Hast du nicht einmal Schneiderei gelernt?" fragte die Wirtin. "Nein, niemals", sagte K. "Was bist du denn eigentlich?" "Landvermesser." "Was ist denn das?"  K. erklärte es, die Erklärung machte sie gähnen."

Die dritte Kafka-Lesung von Sven Regener

Der Musiker und Autor Sven Regener hat bislang, neben eigenen Werken, auch zwei Hörbücher mit Werken von Franz Kafka aufgenommen: 2014 erschien "Amerika" (bekannt auch unter dem Titel "Der Verschollene"), zwei Jahre später folgte "Der Prozess" – und nun "Das Schloss". Neben der Hörspielfassung durch Klaus Buhlert liegt das "Schloss" bereits als komplette Lesung u.a. mit Ulrich Matthes und zuletzt mit Christian Brückner vor. Doch Regener pflegt einmal mehr seinen eigenen Vortragsstil: leidenschaftlich, vorwärtsgewandt und auch ein bisschen gekonnt ‚schnoddrig‘.

"Sie saßen dann zu dritt ziemlich schweigsam in der Wirtsstube beim Bier, an einem kleinen Tischchen, K. in der Mitte, rechts und links die Gehilfen. Sonst war nur ein Tisch mit Bauern besetzt, ähnlich wie am Abend vorher. "Es ist schwer mit euch«, sagte K. und verglich wie schon öfters ihre Gesichter, "wie soll ich euch denn unterscheiden? Ihr unterscheidet euch nur durch die Namen, sonst seid ihr einander ähnlich wie" – er stockte, unwillkürlich fuhr er dann fort -, "sonst seid ihr einander ja ähnlich wie Schlangen." Sie lächelten. "Man unterscheidet uns sonst gut", sagten sie zur Rechtfertigung. "Ich glaube es", sagte K., "ich war ja selbst Zeuge dessen, aber ich sehe nur mit meinen Augen, und mit denen kann ich euch nicht unterscheiden."

Spontaner, aufgeladener, impulsiver

Sven Regener

Sven Regener

Regener liest Kafkas Roman nicht wie ein Buch, das von zahlreichen Andeutungen und Rätseln lebt, von einer Atmosphäre des latent Geheimnisvoll-Bedrohlichen. Regener deutet das "Schloss" wie eine verquere Abenteuer-Geschichte. So bleibt für jede Form von Bedrückung, die sich bei Kafka oft mit absurder Komik paart, kaum Platz – anders als beispielsweise Christian Brückner, der den vielen unterschiedlichen Deutungsmöglichkeiten des Textes freien Raum gibt und damit die Fantasie des Hörers anstachelt. Regener hingegen liest "Das Schloss" spontaner, aufgeladener, impulsiver.

"Bedenkenlos geschieht hier nichts", sagte der Vorsteher, vergaß sogar den Fußschmerz und setzte sich aufrecht. "Nichts", sagte K., "und wie verhält es sich mit meiner Berufung?" – "Auch Ihre Berufung war wohl erwogen", sagte der Vorsteher, "nur Nebenumstände haben verwirrend eingegriffen, ich werde es Ihnen an Hand der Akten nachweisen." – "Die Akten werden ja nicht gefunden werden", sagte K. "Nicht gefunden?" rief der Vorsteher. "Mizzi, bitte, such ein wenig schneller! Ich kann Ihnen jedoch zunächst die Geschichte auch ohne Akten erzählen."

Sven Regeners Kafka-Hörbuch ist faszinierend und streitbar, leidenschaftlich und befremdlich, aufrüttelnd und anstrengend. Als Hörer kann man sich an dieser Lesung sehr wohl reiben, gleichgültig macht sie einen sicherlich nicht.

Franz Kafka: "Das Schloss" (Hörbuch)

WDR 3 Buchrezension 03.05.2019 05:57 Min. WDR 3

Download