Frank Witzel - Inniger Schiffbruch

Frank Witzel - Inniger Schiffbruch

Frank Witzel - Inniger Schiffbruch

Von Oliver Pfohlmann

Als Schriftsteller den Kopf über Wasser bringen: Frank Witzel bewältigt den Erziehungsterror seiner Kindheit in einem Annäherungsversuch an die Elterngeneration.

Frank Witzel
Inniger Schiffbruch

Roman
Matthes und Seitz Berlin, 2020
360 S.
25 Euro

Literatur und Psychotherapie, das ist seit jeher eine heikle Beziehung

Rilke zum Beispiel verweigerte sich einer Behandlung, weil er Angst hatte, die Befreiung von seiner Neurose könnte auch das Ende seiner Lyrik bedeuten. Auch in Frank Witzels Roman mit dem Titel „Inniger Schiffbruch“ stehen Schreiben und Therapie in Konkurrenz. Sein Ich-Erzähler liegt auf der sprichwörtlichen Therapiecouch, weil ihn der Tod seiner Eltern in eine tiefe Krise gestürzt hat. Doch dauert es nicht lange, und der Erzähler will die Behandlung schon wieder abbrechen. Zu sehr quält ihn die Vorstellung, seine Therapeutin könnte seine parallel zur Therapie stattfindende literarische Auseinandersetzung mit seinen Eltern missbilligen. Zumal er sich auch über deren Anlass nicht mehr sicher ist.

"Wenn ich etwas nicht verspürte, war es Trauer. Ich hatte beim Tod meiner Mutter vor zwei Jahren keine Trauer verspürt und verspürte sie auch jetzt nicht nach dem Tod meines Vaters. Ich fühlte eine Art Bedauern. Ein Bedauern, dass das Leben meiner Eltern nun unwiderruflich vorbei war. Dieses Bedauern nahm manchmal die Form einer Traurigkeit an, aber Trauer war das meines Erachtens nicht."

Frank Witzel: Inniger Schiffbruch

WDR 3 Buchkritik 05.05.2020 05:30 Min. Verfügbar bis 05.05.2021 WDR 3

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Das Labyrinth seiner Erinnerungen

Das "meines Erachtens" ist hier entscheidend, denn über seine Gefühle täuscht sich der Ich-Erzähler ebenso sehr wie über seine Therapeutin. Dieses Roman-Ich ist übrigens niemand anderes als Frank Witzel selbst. Autofiktion heißt diese spätestens seit Karl Ove Knausgård immens beliebte Romanform, bei der ein Schriftsteller sein eigenes Leben erzählt, ohne dass der Leser weiß, wo genau die Grenze zwischen Realität und Fiktion verläuft. Der Versuch, seinen Eltern wenigstens posthum nahezukommen, macht Witzels Buch zu einer beklemmenden Meditation über Kindheit und die oft unbewussten lebenslangen Prägungen und Beschädigungen durchs Elternhaus. So liest Witzel die merkwürdig unpersönlichen Aufzeichnungen seines Vaters, grübelt über die immer absurderen Träume, die ihn nachts heimsuchen. Und verliert sich beim Anschauen der Dia-Sammlung seiner Eltern im Labyrinth seiner Erinnerungen.

"Wie gebannt starrte ich auf den kleinen Kerl, der sich auf Dias in Positur stellte, anstatt den anzuschauen, der neben dem heiß laufenden Projektor in einem schlecht abgedunkelten Zimmer auf dem Boden saß, um sich erneut vom Geruch vergangener Dia-Abende betäuben zu lassen. Eine Fliege kam in den Raum hereingeflogen, und ich hatte Angst, sie könnte meine Schulter berühren und mir damit den letzten Stoß versetzen und mich in eine tiefe Ohnmacht befördern."

Tief in die Lebens- und Gefühlswelt der alten Bundesrepublik

Autor Frank Witzel

Frank Witzel

Fünf Jahre ist es her, dass Frank Witzel für seinen 800-Seiten-Wälzer "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion" den Deutschen Buchpreis erhielt und damit quasi über Nacht zum Bestsellerautor avancierte. So sehr man diesem Autor den Erfolg gönnte, eine Überraschung war er doch. Denn das Etikett der „Mainstreamtauglichkeit“ lässt sich der bildungsgesättigten Gedankenprosa des heute 65-Jährigen gewiss nicht anhängen. Witzels Erzähler kennen Theodor W. Adorno ebenso wie die Vertreter des Poststrukturalismus, und seine absatzlangen melancholischen Satzlabyrinthe würden selbst W. G. Sebald vor Neid erblassen lassen.


Wie schon Witzels frühere Bücher taucht auch sein neuer Roman tief in die Lebens- und Gefühlswelt der alten Bundesrepublik ein. Biebrich bei Wiesbaden in den Sechzigern, Witzels Geburtsort, ist eine klaustrophob-neurotische Kleinbürgerwelt. Der strenge Vater legt die Krawatte selbst zum Abendessen nicht ab, und gegenüber der verbitterten Mutter fühlt sich der Sohn in einer Art Dauerüberwachung, die noch den Erwachsenen heimsucht. Momente der Befreiung aus der stickigen Enge erfährt der kleine Frank nur durch Radiosendungen wie dem "Beat-Club". Musik, für die sein Vater, ein Kirchenmusiker, nur Verachtung übrighat, nicht anders als für die immer länger werdenden Haare seines Sohnes.

"Dieser frühzeitige Kampf, den ich nicht auf der Straße, sondern am heimischen Herd austragen musste, führte zu dem Gefühl einer Unbehaustheit, das sich viele Jahre in der paradoxen Situation verkörperte, dass ich genau das, was mir damals an Geborgenheit genommen wurde, in die Welt der Vorstellung hineinverlegte, um es von dort mein Leben bestimmen zu lassen.Dieser frühzeitige Kampf, den ich nicht auf der Straße, sondern am heimischen Herd austragen musste, führte zu dem Gefühl einer Unbehaustheit, das sich viele Jahre in der paradoxen Situation verkörperte, dass ich genau das, was mir damals an Geborgenheit genommen wurde, in die Welt der Vorstellung hineinverlegte, um es von dort mein Leben bestimmen zu lassen."

Literatur und Therapie

Was Frank Witzel in seinem neuen Roman erzählend erinnert, kann man nur als einen Fall von Erziehungsterror bezeichnen, inklusive ritualhaft wiederholter Bestrafungsaktionen. Witzels Roman zieht jedoch gerade deshalb in seinen Bann, weil in ihm das Erlebte auf heilsame Weise als Folge historisch-kollektiver Traumata verstehbar wird. Jahrelang zum Beispiel quälten die Eltern ihren Sohn mit der Drohung, ihn in ein Heim zu stecken. Allabendlich musste der Sohn vor Angst wie gelähmt dabei zusehen, wie der wüst schimpfende Vater seine Anziehsachen in einen Koffer warf. Erst heute wird dem Erzähler klar, wie sehr seine Eltern dabei hilflose Gefangene ihrer eigenen Verlusterfahrungen waren. Vermutlich war es die Erfahrung von Vertreibung und Heimatverlust bei Kriegsende, die sie als ein absurdes Theaterstück immer wieder neu aufführen mussten, nur diesmal auf der Täterseite. Literatur und Therapie, bei Frank Witzel stehen sie sich auf eindrucksvolle Weise sehr nahe.

Stand: 01.05.2020, 14:38