"Welten auseinander" von Julia Franck

Hörbuchcover: Julia Franck - Welten auseinander

"Welten auseinander" von Julia Franck

Von Christel Wester

Nach zehn Jahren Pause meldet sich Julia Franck mit einem autobiografischen Roman zurück. Sie erzählt von ihrer deutsch-jüdischen Familie und von ihrer Kindheit, die von Brüchen gezeichnet war. Ein Künstlerinnenroman, vielschichtig und bewegend.

Julia Franck: Welten auseinander.
Lesung von Kathrin Wehlisch.
Der Hörverlag, 2021
1 MP3-CD, 10 h 32 min.

"Welten auseinander" von Julia Franck

WDR 3 Buchkritik 14.10.2021 05:13 Min. Verfügbar bis 14.10.2022 WDR 3 Von Christel Westel


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Schreiben über das eigene Leben

"Geboren im Osten Berlins hatte ich als Kind mit der Mutter und drei Schwestern von Oktober 1978 bis Sommer 1979 fast neun Monate im Flüchtlingslager Berlin-Marienfelde gelebt."

Diese Ich-Erzählerin hat viel gemeinsam mit Julia Franck und doch ist sie eine literarische Figur, so wie das Schreiben über das eigene Leben immer ein Stück weit Fiktion ist. Deshalb ist es passend, dass dieses Hörbuch keine Lesung der Autorin ist, sondern eine Schauspielerin in die Rolle der Ich-Erzählerin schlüpft.

Kathrin Wehlisch ist vor allem als Theaterschauspielerin bekannt, sie hatte Engagements an großen Bühnen und gehört seit 2017 zum Berliner Ensemble. Mit großer Wärme und Einfühlung liest Kathrin Wehlisch Julia Francks autobiografische Selbsterkundung.

"Zwar gesteht das Mädchen seinem Tagebuch die sieben Warzen an der linken Hand. Die an der rechten dagegen erwähnt es nicht. Ebenso unterschlage ich die bis auf die Nagelhaut abgekauten Fingernägel."

Eine Kindheit voller Brüche

Julia Francks Kindheit war voller Brüche. Sie und ihre Zwillingsschwester wurden als Kleinkinder in der DDR ständig in fremde Obhut gegeben. Ihren Vater lernten die Zwillinge erst mit 15 kennen und auch die Väter der anderen beiden Schwestern lebten nie bei der Familie. Bei der Ausreise in die Bundesrepublik ist Julia Franck acht Jahre alt.

Nach der Entlassung aus dem Notaufnahmelager, zieht die Mutter mit ihren vier Töchtern nach Schleswig-Holstein in ein Bauernhaus, wo sie unter völlig chaotischen Verhältnissen leben, weil die Mutter nicht in der Lage ist, sich um ihre Kinder zu kümmern.

"Wir gruben sommerlang Gierschwurzeln aus der schwarzen Erde, bestellten einen Kartoffelacker und säten Möhren. Oft stand unsere Mutter erst auf, wenn wir aus der Schule kamen. Sie ging vermutlich erst spät nachts schlafen. Jeder hatte seinen Rhythmus."

Schon früh auf sich allein gestellt

Julia Franck erzählt ohne Groll und Anklage, sondern mit einer beinahe nüchternen Sachlichkeit. Bereits mit 13 Jahren zieht sie allein nach West-Berlin, wohnt zunächst bei Freunden der Mutter, bald aber schon in einer Wohngemeinschaft. Auf sich allein gestellt, muss sie als Schülerin mit Putzen und Babysitting ihre Sozialhilfe aufbessern, um über die Runden zu kommen.

Mit einem Tagesvisum fährt sie häufig nach Ost-Berlin zu ihrer Großmutter, der Bildhauerin Ingeborg Hunzinger, bei der sie wenigstens halbwegs so etwas wie Geborgenheit findet. Doch auch diese Großmutter ist keine fürsorgliche Frau.

"Als ich Studentin war, versuchte ich sie zur Begrüßung und zum Abschied in den Arm zu nehmen, Jedes Mal fuhr ein Ruck durch sie, als verwandele meine Berührung sie in ein Stück Holz."

Die deutsch-jüdische Familiengeschichte

Julia Franck erkundet in "Welten auseinander" nicht nur ihre eigene Kindheit und Jugend, sie unternimmt Tiefenbohrungen in die von Verfolgung und Flucht gezeichnete deutsch-jüdische Familiengeschichte.

Eindrücklich porträtiert sie drei starke, aber barsche Frauen: Ihre Urgroßmutter Lotte, auf die die jüdischen Wurzeln der Familie zurückgehen. Ihre Großmutter Inge und ihre Mutter Anna. Alle drei haben den Terror der Nationalsozialisten in Verstecken überlebt, Anna ist dort geboren.

Traumata über Generationen hinweg

In "Welten auseinander" macht Julia Franck sichtbar, wie erlittene Traumata über Generationen hinweg weitergegeben werden. Äußere Gefühlsverhärtungen scheinen bei den Frauen der Familie Franck eine unvermeidliche Überlebensstrategie gewesen zu sein. Doch während Lotte und Anna stark depressive Züge aufwiesen, hat Großmutter Inge daraus auch positive Energien gewonnen.

"Bedenkt man die Verluste, die Repressionen und Diskriminierungen der Nazizeit und Nachkriegszeit, die Inge erleben musste, so kann ich mich über ihre Widerstandskraft, ihren ungebrochenen Stolz und ihre Fröhlichkeit und Begeisterung für Kunst, Musik und Theater nur wundern."

Die tief vergrabene Trauer ihrer Großmutter erkennt Julia Franck erst nach ihrem Tod:

"Überall in ihrem Haus kleine Zettelchen, Buchrücken und Briefumschläge, auf denen sie in Varianten das Gretchen aus Goethes Faust zitierte und sich diese offenbar überall notierte, als seien es ihre eigenen tiefen Empfindungen, Erinnerungen, die aus ihr auftauchten und aufgeschrieben werden mussten: Ich wein / Ich wein / Ich weine / Das Herz zerbricht in mir."

Vom tagebuchschreibenden Mädchen zur Schriftstellerin

"Welten auseinander" ist ein vielschichtiges und bewegendes Buch: Ein Familienroman, in dem sich deutsch-jüdische und ost-west-deutsche Geschichte spiegeln. Ein Künstlerinnenroman, der schildert, wie aus einem vernachlässigten tagebuchschreibenden Mädchen eine Schriftstellerin wird. Und ein Roman, der von erster Liebe und frühem Tod erzählt.

Bei all der Tragik, die sich hier ereignet, könnte man leicht ins Pathos abgleiten. Julia Franck gelingt es, dieser Gefahr zu entgehen – und der Sprecherin Kathrin Wehlisch gelingt das auch.

Stand: 11.10.2021, 12:32