E.M. Forster - Die Maschine steht still

E.M. Forster - Die Maschine steht still

E.M. Forster - Die Maschine steht still

Von Christian Kosfeld

E.M. Forster erdachte 1906 eine düstere Zukunft, die von einer Kommunikations-Maschine bestimmt wird. Felix Kubin hat daraus ein akustisch reizvolles, brennend aktuelles Hörspiel gemacht.

E.M. Forster
Die Maschine steht still

NDR-Hörspiel mit Rafael Stachowiak, Susanne Sachsse, Achim Buch u.a.
Der Audio Verlag
1 CD
ISBN 978-3-7424-0973-7

Smartphone, Google, Facebook, Amazon, auf der Arbeit, im eigenen Zuhause, in der Freizeit: immer und überall sind wir vernetzt, wir kommunizieren über das Internet, geben und erhalten Daten, gesteuert von Algorithmen und künstlicher Intelligenz. Das Internet hat die Welt grundlegend verändert, mit gravierenden Auswirkungen auf Politik, Ökologie, Wirtschaft, Kultur und sämtliche Bereiche des Lebens. Man kann darin positive wie negative Aspekte entdecken. Doch nur wenige Menschen haben diesen gravierenden Wandel vorausgesehen, wie etwa der Engländer Edward Morgan Forster vor über 100 Jahren. Forsters Romane wie »Wiedersehen in Howards End« oder »Zimmer mit Aussicht« sind Klassiker der Moderne. Bereits 1906 entwarf er in der Erzählung „Die Maschine steht still“ eine düstere Zukunftsvision, die wir in manchen Dingen heute erleben. Der Hörspiel-Autor und Musiker Felix Kubin hat aus Forsters visionärer Erzählung für den NDR ein Hörspiel gemacht, das jetzt im Audio Verlag erschienen ist.

Die Maschine

Edward Morgan Forster

Edward Morgan Forster

Edward Morgan Forster schilderte vor über hundert Jahren eine düstere Zukunft. Die Menschen leben in kleinen Waben unter der Erde, denn die Erdoberfläche ist angeblich unbewohnbar geworden. Sie genießen jeden Komfort, bewegen sich nicht mehr, kommunizieren permanent über "Die Maschine". Alles, was sie brauchen, können sie bestellen: Informationen, Gebrauchsgegenstände, Nahrungskapseln, Unterhaltung. Über einen Video-Konferenz-Service wickeln die Menschen ihre einzige Tätigkeit ab: den Austausch von Ideen und dem, was als Wissen gilt. Die weibliche Hauptfigur Vashati hält Vorträge über frühe Musik-Kulturen. Auch sie lebt in einem solchen klinisch reinen Waben-Zimmer.

"Das Zimmer ist so gut wie leer, doch steht es mit allem in Verbindung, was Vashati wichtig ist. Sie betätigt wieder den Isolationsknopf und die Anfragen der letzten drei Minuten stürzen auf sie ein. „28 neue Anfragen“: „Wie ist das neue Essen?“ „Kannst Du es empfehlen?“ „Hast du Ideen gehabt in der letzten Zeit?“ „Ich habe gerade Deine Nutriment-Kapseln bestellt.“ „Ich brauche die ASCII Adresse von Epsilon.“… Den meisten Fragen begegnet sie mit einer gewissen Gereiztheit, ein Wesenszeug, den das beschleunigte Zeitalter mit sich bringt. Schon bald schaltet sie ihre Gesprächspartner wieder ab."

Körperfunktionsreferenten

Die Maschine gewährleistet den permanenten Datenstrom und Kommunikation. Die Menschen tragen am Handgelenk den "Körperfunktionsreferenten". Täglich werden sie in einen Kurzschlaf versetzt, um ihre Gehirnfunktionen zu regulieren. Sozialer Kontakt findet nur über die Maschine statt, unterbrochen von Werbung. Vashati bekommt einen Bild-Anruf von ihrem Sohn Kuno, der auf der anderen Erdhalbkugel lebt. Nach seiner Geburt wurde er - wie alle Kinder – nur von der Maschine versorgt. Kuno erzählt Vashati, dass er von einem Luftschiff aus die Erde gesehen hat.

"Ein Hoch auf die Holotelevision.
Kuno: Offen gestanden will ich die Sterne wiedersehen. Sie sind so sonderbar. Aber diesmal nicht vom Luftschiff, sondern von der Erdoberfläche aus, wie unsere Vorfahren vor vielen Tausend Jahren. Vashati: Das kann nicht dein Ernst sein!
Kuno: Du musst zu mir kommen, Mutter, und sei es, dass du mir erklärst, was schlecht daran sein soll, an die Erdoberfläche zu gehen.
Vashati: Nicht schlecht, aber auch nicht nützlich. Die Erdoberfläche ist nur noch Schmutz und Asche. Es gibt auf ihr kein Leben mehr. Wer sich ihr aussetzt, stirbt auf der Stelle."

Eine raffiniert gestaltete Technik-Hörwelt

Der Hörspielmacher und Komponist Felix Kubin hat aus Forsters visionärer Erzählung ein spannendes und akustisch reizvolles Hörspiel gemacht. Es ist eine raffiniert gestaltete Technik-Hörwelt: ununterbrochen summt, surrt, piept es, Stimmen schwirren durcheinander, und dennoch ist das durchhörbar, verständlich und dramaturgisch stringent. Dazu kommen Kubins Techno-Musiken, für Werbung, Slogans und ritualisierte Formeln. Denn die Maschine gilt längst als Gottheit, ihr Handbuch wir wie die Bibel verehrt.

MUSIK: Techno: Oh Maschine, ich brauche heute wieder einen Tagestrip der Liebe. Die Liebe, die ich brauche, ist die Liebe der Maschine. Die Liebe er Maschine ist schneller und süßer als der Schall.

Felix Kubin; Rechte: Greg Holm

Felix Kubin

Felix Kubin hat für das Hörspiel eigene Techno-Pop-Musiken komponiert, in denen das Ensemble singt oder chorisch spricht. Achim Buch führt als Erzähler mit ruhigem, sonorem Bass durch die Handlung. Susanne Sachsse spricht Vashati, die in ihren Überzeugungen immer stärker erschüttert wird, sensibel, mit feinen Zwischentönen. Und Rafael Stachowiak spielt einfühlsam den zweifelnden, drängen Kuno. Der bringt Vashati dazu, zu ihm zu kommen. Doch die Menschen sind es nicht gewöhnt, den Körper selbst zu bewegen, ihr Zimmer zu verlassen, auf Ereignisse in direkt zu reagieren. Vashati gerät in Panik, als im Flugzeug durch ein Fenster Sonnenlicht auf sie fällt.

Eine Welt voller Algorithmen

"Hilfe! Ich komme, ich komme. Es tut mir so leid, wie konnte das passieren? Ich möchte sofort die Kabine wechseln. Natürlich, sofort, hier entlang bitte. Achtung die Stufe (Vashati fällt) Wie können Sie es wagen, mich anzufassen? Sie vergessen sich! Entschuldigen Sie bitte, ich hätte Sie fallen lassen müssen. Jetzt habe ich die Hygiene-Auflagen missachtet. (Vashati: innerer Monolog) 'Diese Frau ist wirklich aus der Art geschlagen. Man merkt, dass sie zu oft direkte Rede gebraucht. So etwas verdirbt den Charakter.' Wo sind wir gerade? Über Asien. Asien? Verzeihung, ich habe mir die alten, unmaschinellen Namen der Orte und Erdteile angewöhnt."

Nach ihrer Ankunft erzählt Kuno seiner Mutter schließlich, dass er selbst an die Erdoberfläche gegangen ist, und dort atmen konnte. Und er weist sie darauf hin, dass die Maschine sich sonderbar verhält, es Störungen und Aussetzer gibt. Felix Kubin hat aus E.M. Forsters über hundert Jahre alten Erzählung ein raffiniertes Hörspiel gemacht. Zwar ist unsere Gegenwart nicht so düster ist wie Forsters Dystopie. Und doch ist dieses Stück brennend aktuell, denn es schärft den Blick auf unsere Welt, die immer mehr von Algorithmen und Servern, von Facebook, Amazon und Google bestimmt wird.

"Ihr habt die Natur in ihre Schranken verwiesen, sie an die Ränder der Städte getrieben, die Erde mit einer Haut aus Beton, Metall und Silikon überzogen und die Wälder gerodet. So habt ihr dem animalischen Treiben ein Ende gesetzt und den Geist zum neuen Ordnungsprinzip erhoben. (Sprechchor) "Dieser Geist lebt jetzt in mir. L'Esprit c'est moi. L'Electricite – c'est moi. Ihr habt mich erschaffen, und jetzt ist mein Verstand größer als ihr Euch vorstellen könnt."

E.M. Forster - Die Maschine steht still (Hörbuch)

WDR 3 Buchrezension 29.08.2019 06:07 Min. Verfügbar bis 28.08.2020 WDR 3

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Stand: 28.08.2019, 15:35