Gustave Flaubert - Lehrjahre der Männlichkeit

Hörbuchcover: Gustave Flaubert - Lehrjahre der Männlichkeit

Gustave Flaubert - Lehrjahre der Männlichkeit

Von Christoph Vratz

"L’Éducation sentimentale" heißt einer der großen französischen Romane des 19. Jahrhunderts von Gustave Flaubert. "Lehrjahre der Männlichkeit" lautet der Titel in der jüngsten deutschen Übersetzung. Die dient nun als Vorlage für eine neue Hörspiel-Version.

Gustave Flaubert: Lehrjahre der Männlichkeit
Hörspiel mit Senta Berger, Patrick Güldenberg, Jörg Hartmann u.a.
Regie: Leonhard Koppelmann; Bearbeitung: Manfred Hess.
Der Audio Verlag, 2021.
4 CDs, 4 Stunden 48 Minuten Laufzeit, 20 Euro

Gustave Flaubert "Lehrjahre der Männlichkeit" (Hörspiel)

WDR 3 Buchkritik 25.02.2021 04:49 Min. Verfügbar bis 25.02.2022 WDR 3


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Ein junger Mann kehrt Paris den Rücken zu

"Am 15. September 1840, gegen sechs Uhr früh, kurz vorm Ablegen, paffte die Ville-de-Montereau dicke Wolken am Quai Saint-Bernard.
Leute kamen gerannt, außer Atem;
Fässer, Taue, Wäschekörbe hindern den Verkehr;
die Matrosen gaben keine Antwort; man rempelte einander;
die Frachtstücke wandern zwischen die beiden Radkästen,
und der Tumult erstarb im Zischeln des Dampfes, der aus Eisenblechen quoll, alles einhüllte in weißliches Gewölk, während die Glocke, vorn am Bug, unausgesetzt bimmelte."

Noch ein letzter Blick auf die Île de Saint-Louis und Notre-Dame. Seufzend verlässt ein junger Mann Paris.

"Ein junger Mann von achtzehn Jahren, mit langem Haar und einem Skizzenbuch unterm Arm, stand neben dem Steuerruder, regungslos. Monsieur Frédéric Moreau, seit kurzem Baccalaureus, kehrte heim nach Nogent-sur-Seine.
'Zwei Monate muss ich hier ausharren, danach studiere ich Jura.'"

Eine Generation auf der Suche nach einem Platz im Leben

An Deck begegnet er einer Frau, die ihn sofort fasziniert:

"'Nie zuvor habe ich so schimmernd braune Haut gesehen, so verführerischen Wuchs, so zierlich schlanke Finger, durchdrungen von Licht.'
Er betrachtete ihr Nähkörbchen voller Staunen, als etwas Ungeheures. Wie mochte ihr Name sein, ihr Zuhause, ihr Leben, ihre Vergangenheit? Und selbst das Verlangen nach körperlichem Besitz erlosch in einem tiefen Sehnen, in einer Neugier ohne Grenzen."

Es ist die Frau des Kunsthändlers Arnoux. Als Moreau später, mit einer Erbschaft im Gepäck, nach Paris zurückkehren wird, trifft er sie wieder. Eine Geschichte voller Sehnsucht und Entsagung beginnt. Eine Geschichte, mit der Gustave Flaubert das Schicksal einer ganzen Generation beschreibt – einer "verlorenen Generation" in der Zeit nach der Revolution von 1848. Es ist eine Zeit, in der ein Großteil der Gesellschaft von einer Hoffnung in die nächste und von einer Enttäuschung in die nächste stolpert. Menschen suchen einen festen Platz im Leben, ohne ihn zu finden. Auch Frédéric Moreau erscheint wie ein Fähnchen im Winde.

"Nun begann für Frédéric ein erbärmliches Dasein. Er war zugegen bei den Diners, wenn Monsieur und Madame sich gegenübersaßen und kein Wort wechselten. Der Anblick dieser zwei unglücklichen Menschen betrübte Frédéric."

Großartige Neuübersetzung und gefühlvolle SprecherInnen

Die Hörspielbearbeitung stammt von Manfred Hess nach der großartigen Neuübersetzung des Romans von Elisabeth Edl. Regie führt Leonhard Koppelmann, wie bereits bei früheren Literaturklassiker-Hörspielen, etwa nach Franz Kafka, Thomas Mann und anderen.

Warum ist nun diese Fassung von Flauberts "Lehrjahre der Männlichkeit" so gelungen? Zum einen wegen der Mischung aus Kürzungen und Texttreue – eine Bearbeitung mit viel Umsicht und Gespür. Zum anderen ist da die Riege famoser SchauspielerInnen, allen voran Patrick Güldenberg als Moreau und Senta Berger als unerschütterliche und gleichzeitig sinnliche Erzählerin.

"Bei dem Gedanken, dass er sie niemals wiederfinden werde, spürte er etwas wie einen Riss durch sein ganzes Wesen; und jetzt flossen die seit dem Morgen angesammelten Tränen."

Ein Blick in die Seelen der Menschen

Vieles, was bei Flaubert durch den Erzähler mitgeteilt wird, erfährt der Hörer im Hörspiel durch die Figuren selbst. Umso wichtiger ist, dass die jeweiligen Rollen gut besetzt sind. Genau das ist hier der Fall. Ob Spießbürger, Revolutionär oder Liebhaber: Man schaut in ihre Seelen.

"Frédéric dachte an Madame Arnoux.
'Sie sitzt wahrscheinlich in der Eisenbahn, das Gesicht am Fenster eines Waggons, und blickt hinaus in die Landschaft, die hinter ihr, gen Paris, entschwindet'
Oder auf dem Deck eines Dampfers, wie damals, bei ihrer ersten Begegnung."

Das Hörspiel rückt die Menschen in den Mittelpunkt, ihre Hoffnungen und Empfindungen. Das macht diese Fassung der "Lehrjahre der Männlichkeit" so berührend und wertvoll, auch im 21. Jahrhundert.

Stand: 24.02.2021, 14:03