Aris Fioretos - Wasser, Gänsehaut. Essay über den Roman

Aris Fioretos - Wasser, Gänsehaut. Essay über den Roman

Aris Fioretos - Wasser, Gänsehaut. Essay über den Roman

Von Hermann Wallmann

Mittelpunkte überall – Aris Fioretos schreibt anspielungsreich über die Herausforderungen der Kunstform Roman im dritten Jahrtausend. Und bedient sich dabei ausgerechnet eines antiken Vasenbildes.

Aris Fioretos
Wasser, Gänsehaut. Essay über den Roman
Aus dem Schwedischen von Paul Berf, Lukas Dettweiler und Kristina Maidt-Zinke
Edition Akzente, Hanser Verlag, 2017
208 Seiten
23,00 Euro

Kaum hat man den "Essay über den Roman" aufgeschlagen, fordert einen der Klappentext zu einer "Handhabung" auf.

"Nehmen Sie dieses Buch und fügen Sie die beiden Enden des Umschlags zusammen. Sie sehen die stilisierte Abbildung eines böotischen Vasengemäldes aus dem 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, das die Enthauptung der Medusa zeigt."

Ein mythologischer Bilderbogen

Sobald der Schutzumschlag zu dem böotischen Vasenrund "zusammenfügt" ist, kommen die Figuren in Bewegung: mit einem Dreizack bewaffnete Männer, überall Blutstropfen, eine weibliche Figur hat ihren Kopf verloren, ein geflügeltes Pferd schwebt über dem enthaupteten Körper. Dieser mythologische Bilderbogen zeigt die Geburt des Pegasus aus der enthaupteten Medusa – und besitzt damit einen geläufigen literarischen Wallungswert. Aber was hat das alles mit Fioretos‘ Konzeption des neuen Romans zu tun?

"Indem (das Vasengemälde) um das Gefäß herumläuft, sozusagen in einem Loop, entsteht weniger das Gefühl einer Szene als einer Sukzession von Bildern. Die berühmte Begebenheit aus der Mythologie, die hier wiedergegeben wird, ist kein eingefrorener Augenblick, sondern ein Verlauf. Die erste Frage, die man sich stellen muss, gilt folglich für jeden Handlungsverlauf in erzählenden Darstellungen: Wo befinden sich Anfang und Ende?"

Ein Cliffhanger vom Feinsten

Aris Fioretos

Aris Fioretos

Fioretos stellt die Frage, lässt aber den Leser auf die - hinreißend allegorische - Antwort nicht weniger als 150 Seiten "lang" warten - ein Cliffhanger vom Feinsten! Nur so viel sei gesagt, dass es dem Autor auf eine suggestive Weise gelingt, für den Roman der Zukunft aus jenem Vasengemälde Merkmale zu gewinnen, die er zunächst nur atemlos inventarisiert:

"Es finden sich darauf Spannung, Schönheit, Versteck, Besinnung, Präzision, jäher gewaltsamer Tod und eine überraschende Geburt – nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Oder um es als eine Kreuzung zwischen zwei Extremformen von Prosa zu beschreiben: dem Katalog und dem Groschenroman."

Formloses Medium

Mittelbar wird hier sichtbar, was Fioretos dazu veranlasst hat, seine Romanpoetologie schon im Titel mit Flüssigkeit in Verbindung zu bringen, mit Wasser, diesem, wie er es nennt: "formlosen Medium", das gleichwohl "kanalisiert" und "gerichtet" werden müsse. Auch Quallen, die sich von ihrem wässrigen Element nicht trennen lassen, sind ihm Beispiele für das, was er begrifflich letzten Endes der Ökonomie entlehnt:

"Wenn der Roman eine Ausdrucksform ist, die viele enthält, und doch wiedererkennbar bleibt, befindet sich sein "Mittelpunkt" wahrscheinlich auch ein wenig "überall" […] Vielleicht bildet diese Liquidität […] sogar den besten Grund, weiter an den Roman als selbständige Erkenntnisform zu glauben."

Intellektuelles Wohlbehagen und Schaudern

Das Aris Fioretos den Roman des dritten Jahrtausends nach unserer Zeitrechnung entwirft mittels eines "Storyboards" auf einer Vase aus dem dritten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung, ist kaum weniger erstaunlich als die Auswahl seiner Gewährsleute. Fioretos ist ein eklektizistisch belesener Autor, aber letzten Endes sind es zwei Großmeister, auf die er sich immer wieder beruft – und vor denen er seine eigenen Romane – zuletzt "Mary" über die Zeit der griechischen Militärdiktatur - "rechtfertigt". Da ist zunächst Italo Calvino, Mitglied der Gruppe "Oulipo", der "Werkstatt für Potentielle Literatur", Verfasser selbstreflexiv verspielter Romane wie "Der Baron auf den Bäumen" oder "Wenn ein Reisender in der Winternacht". Aber am meisten scheint Fioretos gelernt zu haben bei Vladimir Nabokov. Eines sieht er indes anders als der Autor von "Lolita" oder "Ada". Für Nabokov, den weltreichen Zauberer potentieller Wirklichkeiten, liest ein genialer Leser Romane mit dem Rückgrat. Denn dort entstehe das sprichwörtliche Schaudern, ein zugleich sinnliches und intellektuelles Wohlbehagen angesichts eines papiernen Kartenhauses, das im Lesen "zu einem Schloss wird aus auserlesenem Stahl und Glas".

Für Fioretos indessen ist das durch diese Verwandlung ausgelöste Schaudern differenzierter – und zugleich totaler:

"Bei Nabokov bewirkte Schaudern ein Gefühl von Wohlbehagen. Ich selber bin mehr an der Ambivalenz des Gefühls interessiert (die Zuckungen können ja sowohl Entzücken als auch Entsetzen signalisieren), so wie sich Gänsehaut ja auch nicht auf einen bestimmten Körperteil beschränkt, sondern sich über das ganze Äußere eines Menschen zu verbreiten vermag."

Ein Roman und sein Prophet

Ein Roman ist ein Roman ist ein Roman, und Aris Fioretos ist sein Prophet. Dass er es schafft, durch einen liquiden „Essay“ beim Leser ähnliche Effekte auszulösen, wie er sie in seinen gedankensprühenden Erinnerungen an die Zukunft der großen Romane beschreibt und beschwört, muss man feiern: Was für ein Lese-Buch!!

Stand: 08.01.2018, 12:29